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Zur chirurgischen
Behandlung des Mammacarcinoms
Überlegungen aus plastischchirurgischer Sicht
Horst Aschoff
Einleitung
Die Geschichte der Brustkrebschirurgie ist gekennzeichnet durch einen
Paradigmenwechsel hinsichtlich der für die Patienten für nützlich
gehaltenen Radikalität bei der Erstbehandlung eines Mammacarcinoms.
Unter dem Eindruck der unbefriedigenden Behandlungsergebnisse auch bei
Einhaltung einer größtmöglichen Radikalität haben
sich die chirurgischen Konzepte immer mehr in Richtung einer schonsameren
Vorgehensweise bis hin zur brusterhaltenden Therapie entwickelt. Diese
chirurgischen Konzepte werden gestützt durch die tumorbiologische
Hypothese, dass es sich beim Mammacarcinom zum Zeitpunkt der Erstdiagnose
um eine systemische Erkrankung handele, so dass unterschiedliche lokale
Therapiekonzepte die Überlebensrate weniger beeinflussen, als früher
angenommen.
Statistisch gesichert dabei scheint, dass bei gleichgerichtetem Einsatz
aller zur Verfügung stehenden therapeutischen Optionen (Chirurgie,
Bestrahlung, systemische Chemotherapie) weder die Gesamtüberlebenszeit,
noch das krankheitsfreie Intervall, noch das Auftreten lokaler Rezidive
durch eine eingeschränkt radikale oder brusterhaltende chirurgische
Therapie nachteilig beeinflusst werden müssen. Ziel der chirurgischen
Behandlung muss dabei die operative Entfernung des Primärherdes mit
ausreichendem Sicherheitsabstand sowie die simultane Dissektion einer
repräsentativen Anzahl axillärer Lymphknoten sein, bei gleichzeitigem
Erhalt oder sofortiger Rekonstruktion der ästhetischen Form der Brust.
Hierdurch soll die Histologie des Tumors gesichert, dessen lokale Ausbreitung
verhindert und eine tumorspezifische Prognose erstellt werden, die anzustrebende
weitestgehende operationsbedingte Unversertheit des äußeren
Erscheinungsbildes der Patientin bedarf keiner weiteren Begründung.
Das Spektrum der chirurgischen Optionen bei der Behandlung des Mammacarcinoms
muss dieser Zielsetzung angepasst werden. In Abhängigkeit von den
Erfordernissen und Risikofaktoren jeder einzelnen Patientin können
dabei begründete, individuelle, chirurgische Therapiepläne erstellt
werden, über deren Wertigkeit bei zum Teil konkurrierendem Ansatz
erst zu späterem Zeitpunkt entschieden werden kann. Gleichwohl soll
an dieser Stelle eine auf den vorstehenden Überlegungen basierende
chirurgische Behandlungsmöglichkeit bei der Erstbehandlung des Mammacarcinoms
vorgestellt werden.
Zur operativen
Vorgehensweise
Unter Berücksichtigung der o. g. Kriterien bei der chirurgischen
Behandlung des Mammacarcinoms verbindet die partielle oder komplette subcutane
Mastektomie die Erfordernisse einer ausreichenden Radikalität mit
der Möglichkeit der sofortigen Brustrekonstrution mittels körpereigenem
Gewebe. Dabei stellt die myocutane M. latissimus dorsi Insellappenplastik
mit oder ohne Integration eines volumenfüllenden Silikonimplantates
ein sicheres Werkzeug dar. Die zu früherem Zeitpunkt gemachten, häufig
deletären Erfahrungen bei der Mammarekonstruktion nach subcutaner
Mastektomie ausschließlich mittels Silikonimplantaten können
durch die Nutzbarmachung durchbluteten, körpereigenem Gewebe zur
Defektauffüllung sicher vermieden werden.
Der Eingriff selbst kann nach Diagnosesicherung mittels Schnellschnittdiagnostik
im Anschluss an die Mamma-PE in Seitenlage der Patientin durchgeführt
werden, alternativ kann aber auch der endgültige histologische Befund
abgewartet, mit der Patientin besprochen und das weitere Vorgehen gemeinsam
mit dieser abgestimmt werden. Erfahrungsgemäß wird diese etwas
beruhigte Herangehensweise an das Gesamtgeschehen von vielen Patientinnen
absolut bevorzugt. Im Folgenden werden drei Fälle, welche wie oben
skizziert behandelt wurden, vorgestellt.
29-jährige
Pat., Erstvorstellung mit kurz zuvor außerhalb mittels 2-maliger
Mamma-PE diag-nostiziertem multifokalem Mamma-Ca li, histologisch invasiv
wachsendes, intrazystisches, papilläres Carcinom im unteren äußeren
Quadranten sowie multifokales ductales DCIS im unteren inneren Quadranten,
axilläre LK 0/13, die weitere Diagnostik war ohne Anhalt für
eine Filiasierung des Tu, die chirurgische Behandlung erfolgte mittels
subcutaner Mastektomie und sofortigem Wiederaufbau mittels entepithelialisierter,
versenkter M. latissimus dorsi Insellappenplastik (siehe Abb. 1 a - c).
Abschließende
Histologie der entnommenen Brustdrüse: mastopathisch verändertes
Brustdrüsengewebe mit fokalen Komplexen einer atypischen duktalen
Hyperplasie ohne Anhaltspunkte für ein invasives Tumorwachstum. Postoperativ
erfolgte eine Chemotherapie plus Radiatio der li. Thoraxwand, 12 Monate
post operationem kein Anhalt für ein Fortschreiten der Grunderkrankung,
sehr befriedigendes kosmetisches Erscheinungsbild der li. Mamma.
52-jährige
Pat. mit 18 Monate zurückliegender Resektion d. oberen, äußeren
Quadranten d. re. Mamma wg. mikroinvasivem, mittelgradig differenziertem,
duktalem Carzinoma in situ (pTis, pN0 (0/19), pM0) mit neuen, kern-spintomografisch
suspekten Herden im Narbengebiet. Nach histologischer Sicherung eines
duktalen Carcinoma in situ mit fraglich invasiven Anteilen erfolgte die
subcutane Mastektomie mit sofortiger Brustrekonstruktion mittels gestielter,
entepithelialisierter, versenkter M. latissimus dorsi Insellappenplastik
plus integriertem Silikonimplantat zum Volumenausgleich (siehe Abb 2 a
- d)
35-jährige
Pat. mit palpatorisch suspekten Knoten im ob. äußeren
Qudranten der li Mamma. 2 malignomverdächtige Stanzbiopsien aus diesem
Bereich. Es erfolgte eine subcutane, laterale Hemimastektomie mit Axilladissektion
und Sofortrekonstruktion der Brust mittels versenkter, entepithelialisierter
M. latissimus dorsi Insellappenplastik, abschließende Histolgie:
pT2, pN1b (3/15 LK), cM0, G2, 6 Monate post operationem nach Abschluss
der Radiatio und Chemotherapie kein Hinweis für ein Fortschreiten
der Grunderkrankung, befriedigendes kosmetisches Erscheinungsbild (siehe
Abb 3 a - d).
Zusammenfassung
Sowohl empirische Beobachtung als auch das Wissen über die Tumorbiologie
haben zu einer eingeschränkt aggressiven chirurgischen Vorgehensweise
bei der Behandlung des Mammacarcinoms geführt. Im Gesamtspektrum
der chirurgischen Möglichkeiten haben sich dabei die brusterhaltende
Therapie als auch die sofortige Mammarekonstruktion fest etabliert. Für
diese Optionen stehen plastisch-chirurgische Operationsverfahren zur Verfügung,
welche, angepasst an die individuellen Erfordernisse der Patientinnen,
konsequent genutzt werden sollten.
Dr.
Horst Aschoff, Sana Kliniken GmbH, Krankenhaus Süd, Kronsforder Allee
71 - 73, 23560 Lübeck
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt
1 / 2003
S. 77 - 79
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