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Thrombininhibitoren:
Eine neue Generation antithrombotisch wirksamer Medikamente
Hans-Dietrich D. Bruhn, Rüdiger Simon, Joachim Cremer, Martin Heller
Über Jahrzehnte
waren Heparin und Cumarinderivate die einzig verfügbaren Antikoagulantien,
deren Einsatz zu zahlreichen Fortschritten in der Medizin führte.
Erstmals waren auf diese Weise Prävention und Therapie arterieller
und venöser Thromboembolien möglich einschließlich vieler
interventioneller Eingriffe. Den unbestrittenen Nutzen des Heparin und
der Cumarinderivate schränken jedoch Anwendungsprobleme ein: So erschweren
zahlreiche Wechselwirkungen zwischen Medikamenten und Nahrungsmitteln
einerseits und Cumarinderivaten andererseits den Einsatz der oralen Antikoagulation.
Beim Heparin ist die Notwendigkeit der parenteralen Verabreichung, der
konstanten Infusion zur Gewährleistung des optimalen Wirkspiegels
und die potenzielle Auslösung einer immunallergischen Thrombozytopenie
ein Hinderungsgrund im Hinblick auf einen optimalen und problemlosen Einsatz.
Die Heparin-Wirkung hängt darüber hinaus von einem optimalen
Antithrombin-Blutspiegel ab, der bei Schwerkranken (Sepsis mit Verbrauchskoagulopathie)
nicht immer gewährleistet ist.
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Abb. 1: Hemmung
von Thrombin durch Hirudin
Abb. 2: Hemmung
von Thrombin durch Melagatran
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Eine Reihe von Thrombininhibitoren
sind schon im klinischen Einsatz: z. B. Hirudin, Argatroban und Bivalirudin.
Andere Thrombininhibitoren wie Melagatran und Ximelagatran stehen kurz
vor dem Abschluss eines umfangreichen klinischen Entwicklungsprogramms.
Diese oral wirksamen Thrombininhibitoren könnten in absehbarer Zeit
auch den Cumarinderivaten Konkurrenz machen bzw. die Cumarinderivate bei
bestimmten Indikationen aufgrund ihrer guten Verträglichkeit und
problemlosen Dosierbarkeit verdrängen! Die Hemmwirkung des Hirudin
auf Thrombin ist in Abb. 1 dargestellt. Direkt vergleichbar stellt sich
in Abb. 2 die Hemmwirkung des oralen direkten Thrombininhibitors Ximelagatran
dar (und seines bioaktiven Metaboliten Melagatran). Entsprechende Studien
zeigten, dass Ximelagatran die gastrointestinale Barriere 80-mal schneller
überwindet als Melagatran, so dass die gastrointestinale Absorption
des Ximelagatran generell besser ist. Die bisherigen präklinischen
Studien belegen, dass oral verabreichtes Ximelagatran nach Passage durch
die Darmwand rasch zum Melagatran metabolisiert wird, wodurch ein exzellenter
antithrombotischer Effekt gewährleistet wird.
Direkte Thrombininhibitoren eignen sich zur Prophylaxe und Therapie sowohl
angeborener als auch erworbener Thrombophilieindikationen. Neben der Thromboseprophylaxe
bei Operationen sind lebensbedrohliche kardiale Erkrankungen und der Schlaganfall
von besonderem Interesse für diese neue Arzneimittelklasse. Gegen
das aktive Zentrum des Thrombinmoleküls gerichtete Inhibitoren blockieren
die katalytische Wirkung des Thrombinmoleküls gegenüber dem
Fibrinogenmolekül (Abb. 1 und 2). Für die Akuttherapie und kurzfristige
Prophylaxe sollte ein solcher Thrombininhibitor parenteral appliziert
werden. Für die Langzeitprophylaxe sind oral resorbierbare Derivate
dieser direkten Thrombininhibitoren mit Resorptionsraten von 10 - 30 %
verfügbar, die im Blut in die Muttersubstanz umgewandelt werden.
Der therapeutische Bereich ist relativ groß, so dass eine orale
Langzeitprophylaxe mit einer Standarddosis ohne Monitoring möglich
sein kann. Der erste Vertreter dieser neuen Arzneimittelklasse, das Ximelagatran,
eine oral resorbierbare Variante des Melagatran (Abb. 2), befindet sich
derzeit in Phase II-Prüfungen bei verschiedenen Indikationen. Mit
einer oralen Gabe von zwei Teildosen pro Tag kann eine gute Compliance
erwartet werden. Wie schon vorangehend dargelegt wurde, kann oral verabreichtes
Ximelagatran nach Passage durch die Darmwand rasch zum Melagatran metabolisiert
werden und dadurch antithrombotisch wirksam sein. Dabei entstehen - im
Gegensatz zu Warfarin und Cumarinderivaten - keine Interferenzen mit Nahrungsinhaltsstoffen.
In ersten Studien konnte zwischenzeitlich gezeigt werden, dass es sich
beim Ximelagatran um eine viel versprechende Substanz zur Prophylaxe venöser
Thromboembolien nach orthopädischen Operationen handelt (speziell
bei Hüft- und Kniegelenkersatz). Darüber hinaus hat sich Ximelagatran
als oral verfügbarer direkter Thrombininhibitor zur Therapie der
akuten tiefen Beinvenenthrombose im Vergleich zu niedermolekularem Heparin
subcutan und überlappender oraler Antikoagulation über insgesamt
vier Wochen als gleich effektiv erwiesen. Ein Therapiezeitraum über
sechs Monate wird zurzeit gegen Warfarin doppelblind geprüft. Auch
in der Schlaganfallprophylaxe bei Vorhofflimmern hat sich das Ximelagatran
einen Platz erobert. Als Alternative zur Therapie mit Vitamin K-Antagonisten
wird zurzeit im Rahmen des SPORTIF-Studienprogramms der orale direkte
Thrombininhibitor Ximelagatran untersucht. Bisherige Daten aus der Dosisfindungsstudie
und ihrer offenen Fortsetzung sind sehr ermutigend bezüglich einer
geringeren Blutungskomplikationsrate und einer deutlich besseren klinischen
Wirksamkeit hinsichtlich der Verhinderung thromboembolischer Ereignisse.
Studien mit ca. 3 000 Patienten laufen zurzeit in Europa als offene und
in den USA als doppelblinde Studie. Daten werden für Ende 2002 erwartet.
Die vorliegenden klinischen Phase II-Daten mit Ximelagatran sind also
zusammenfassend sehr ermutigend. Nach Abschluss des klinischen Entwicklungsprogramms
zur Prävention und Therapie venöser Thromboembolien, zur Prävention
des Schlaganfalls bei Vorhofflimmern und im Rahmen der Therapie des akuten
Coronarsyndroms wären weitere Untersuchungen wünschenswert,
z. B. zur Langzeitprophylaxe nach Hochrisikoeingriffen, bei chronischer
peripherer arterieller Verschlusskrankheit, Myocardinfarkt, linksventrikulären
Thromben und bei Patienten mit künstlichen Herzklappen oder Thrombophilie
sowie als alternatives Antikoagulanz bei Heparin-induzierter Thrombozytopenie
und zur Prävention thromboembolischer Komplikationen in der Onkologie.
Grundsätzlich kann Ximelagatran mit der partiellen Thromboplastinzeit
(PTT) überwacht werden. Eine noch spezifischere Kontrollmethode stellt
die Ecarin-Gerinnungszeit dar, die zur Kontrolle von Throm-
bininhibitoren schon seit längerer Zeit im Einsatz ist.
Hirudine und ihre rekombinanten Präparate Refludan® und Revasc®
sind in der Bundesrepublik Deutschland vor allem für die Therapie
der Heparin-induzierten Thrombozytopenie (HIT II) bzw. zur Thromboseprophylaxe
nach knie- oder hüftendoprothetischem Eingriff im Einsatz. Besonderheiten
dieser Pharmaka sind ihre stark nierenabhängige Pharmakokinetik und
ihre Fähigkeit gegen Hirudin gerichtete Antikörper zu induzieren.
Enges Monitoring der Dosis gestattet jedoch die sichere und effektive
Anwendung (auch hier sind die PTT und die Ecarin-Zeit als Kontrollmethoden
im Einsatz).
Argatroban ist ein niedermolekularer Thrombinhemmer. Wesentliche Eigenschaften
dieses synthetisch hergestellten Medikaments sind schnelles Einsetzen
der antithrombotischen Wirkung, schnelles Abklingen der gerinnungshemmenden
Wirkung, die Hemmung gerinnselgebundenen Thrombins und fehlende Antikörperbildung.
Bei Patienten mit Niereninsuffizienz ist keine Dosisanpassung notwendig.
Argatroban wird in der Leber metabolisiert. Argatroban ist in den USA
und Kanada zur Prophylaxe und Therapie von Thrombosen bei Patienten mit
Heparin-induzierter Thrombozytopenie (HIT II) zugelassen. Vorläufige
Berichte zeigen, dass Argatroban zur Gerinnungshemmung während einer
Hämodialyse und als Antikoagulanz während der thrombolytischen
Behandlung des Herzinfarkts eingesetzt werden kann. Zum therapeutischen
Monitoring eignet sich die PTT für niedrige und die ACT (aktivierte
Gerinnungszeit) für hohe Dosen. Die Ecarin-Gerinnungszeit erlaubt
die spezifische Messung der thrombinhemmenden Wirkung.
Literatur bei den
Verfassern
Prof.
Dr. Hans-Dietrich D. Bruhn,
Prof. Dr. Rüdiger Simon,
Universitätsklinikum Kiel,
Schittenhelmstraße 12, 24105 Kiel
Prof. Dr. Joachim Cremer,
Chirurgische Universitätsklinik Kiel,
Arnold-Heller-Straße 7, 24105 Kiel
Prof. Dr. Martin Heller,
Radiologische Universitätsklinik Kiel,
Arnold-Heller-Straße 9, 24105 Kiel
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt
1 / 2003
S. 59 - 61
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