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Alzheimer-Kranken jetzt helfen

Eine bundesweite Initiative fordert die Gesellschaft auf, sich mehr für eine bessere Versorgung von Alzheimer-Patienten zu engagieren. Mit einer Unterschriftenaktion soll auch die Politik wachgerüttelt werden.

Prof. Dr. Michael Habs (Fotos: di)

„Diabetes, Bluthochdruck - alles kein Problem. Aber Alzheimer, das empfinden viele Menschen noch immer als diskriminierend“, sagt Prof. Dr. Michael Habs. Für den Sprecher des Arbeits-kreises Gesundheit im Alter wird es deshalb höchste Zeit, dass das Tabu, über Alzheimer zu reden, gebrochen wird. Gelingen soll dies über die Aktion „Die Politik ist gefordert: Alzheimer-Kranken jetzt helfen!“, die der Arbeitskreis zusammen mit vier weiteren Organisationen aus dem Gesundheitswesen im September in Hamburg der Öffentlichkeit vorstellte.
Kernstück der Aktion ist eine Unterschriftenaktion, um Politiker auf das Problem aufmerksam zu machen.

Fakten zur Demenz
Nach Angaben der Alzheimer-Initiative nimmt die Häufigkeit von Demenzen mit steigendem Lebensalter zu:

60-Jährige ca. 1 %,
70-Jährige ca. 5 %,
80-Jährige ca. 20 %,
90-Jährige ca. 30 %.

Nach Schätzungen leiden zurzeit zwischen 1 und 1,5 Millionen Menschen in Deutschland an Demenzen, bis 2030 wird mit einer Zunahme um 60 % gerechnet. Bislang werden rund 80 % der Erkrankten durch Angehörige zu Hause gepflegt, 85 % der Pflegenden sind Frauen. Das Institut für Gesundheitssystemforschung (IGSF) in Kiel rechnet mit bis zu 23 Milliarden Euro im Jahr für durch Demenz verursachte Behandlungs- und Pflegekosten.

Der Arbeitskreis Gesundheit im Alter setzt sich aus namhaften Unternehmen der Pharmabranche zusammen. Habs ist Geschäftsführer von Dr. Willmar Schwabe Arzneimittel aus Karlsruhe. Dabei sind auch 3M Medica aus Borken, Janssen-Cilag aus Neuss, Merz Pharmaceuticals aus Frankfurt und Novartis Pharma aus Nürnberg. Die Konkurrenten arbeiten im Arbeitskreis zusammen, um ein entscheidendes Defizit zu beseitigen: Den Krankheitsverlauf bei Alzheimer frühzeitiger zu erkennen, um ihn besser beeinflussen zu können.
Nicht nur Habs befürchtet, dass die Krankheit Alzheimer ohne die Initiative zunehmend verdrängt wird. Zusammen mit dem Arbeitskreis kämpfen auch die Deutsche Alzheimer Gesellschaft, die Deutsche Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und Gerontopsychotherapie, die Hirnliga sowie der Deutsche Berufsverband für Altenpflege für eine bessere Versorgung. Heike von Lützau-Hohlbein formulierte als Vorsitzende der Alzheimer Gesellschaft fünf Forderungen in Hamburg:

  • Die Trennung zwischen den Leistungen der Kranken- und Pflegekassen muss aufgehoben werden.
  • Die pflegenden Angehörigen müssen mehr Aufklärung, Beratung, Anleitung und Entlastung erhalten.
  • Die gerontopsychiatrische Aus- und Weiterbildung der beteiligten Berufsgruppen muss verbessert werden.
  • Ambulante und stationäre Versorgungsstrukturen müssen flächendeckend geschaffen werden.
  • Die Krankenkassen müssen die notwendigen Medikamente und Therapiemaßnahmen für Alzheimerpatienten finanzieren.
Prof. Dr. Fritz Beske

Die Organisationen haben für ihre Forderungen bereits zahlreiche Prominente als Unterstützer gewonnen. Auch Gesundheitsexperte Prof. Dr. Fritz Beske hält die Ziele der Initiative für richtig. Zwar räumt er ein, dass „niemand die genaue Zahl von Demenzkranken bestimmen kann“, sagt aber: „Keine seriöse Zahl liegt unter einer Million“. Da vorwiegend ältere Menschen betroffen sind und deren Anteil an der Gesamtbevölkerung zunimmt, ist in Zukunft mit einer deutlich höheren Erkrankungsrate zu rechnen. Beske machte auch deutlich, wie eine bessere Versorgung finanziert werden könnte. Die Gesetzliche Krankenversicherung sollte sich endlich wieder auf ihre Kernaufgaben konzentrieren. Durch das Beenden der politischen Verschiebebahnhöfe und die Streichung versicherungsfremder Leistungen hat Beske eine Entlastung von 14 Milliarden Euro jährlich errechnet, diese Mittel könnten u. a. in der Alzheimer-Versorgung eingesetzt werden. (di)

Schleswig-Holsteinisches

Ärzteblatt 10 / 2002

S. 68 / 69