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Mecklenburg-Vorpommern
Streit um Regresse
Dirk Schnack
Der Streit um die
Arzneimittelverordnungen drängt in Mecklenburg-Vorpommern andere
gesundheitspolitische Diskussionen mehr und mehr in den Hintergrund. Die
Krankenkassen an der Ostsee sind fest entschlossen, Regresse durchzusetzen.
Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) will dies verhindern, räumt
aber zugleich einen deprimierenden Kostenzuwachs ein.
Mecklenburg-Vorpommern und seine unendliche Geschichte um die Arzneimittelverordnungen:
Seit Jahren führen Kassen und Ärzte dort den Streit deutlich
heftiger als in allen anderen Bundesländern. Verschärft wird
die Auseinandersetzung, weil beide Seiten mit wirtschaftlichen Problemen
zu kämpfen haben. Die Krankenkassen spüren die immer noch anhaltende
Abwanderung der jungen Menschen. Folge ist eine Versichertenstruktur,
die zu geringen Einnahmen und hohen Kosten führt. Die Kosten wollen
die Kassen nicht länger hinnehmen. Zumindest für die Arzneimittelausgaben
sollen die aus Kassensicht verantwortlichen Ärzte zur Rechenschaft
gezogen werden.
Rückblick: Ihre harte Linie versuchten die Krankenkassen in Mecklenburg-Vorpommern
- damals als erste überhaupt in Deutschland - noch zu Zeiten des
Kollektivregresses durchzusetzen. Die juristisch angefochtenen Honorareinbehaltungen
verfehlten ihre Wirkung nicht: Die Ärzte sparten bei den Verordnungen.
Zugleich ließen sie keinen Zweifel, dass diese Linie schon im Interesse
der Patienten nicht dauerhaft durchzuhalten ist. In den Folgejahren stiegen
die Ausgaben wieder deutlich an.
Für das Jahr 1999 verschickten die Krankenkassen dann massenweise
Prüfbescheide an die Ärzte. Jeder dritte niedergelassene Arzt
im Land erhielt Post. Obwohl eine Prüfung erst ab einer Richtgrößenüberschreitung
von 15 % in Frage kommt, wurde jeder Arzt mit einer Überschreitung
angeschrieben. So verschickten die Kassen blaue Briefe auch an die rund
300 Ärzte, die wegen geringfügiger Überschreitungen für
den Prüfungsausschuss gar nicht in Frage kamen. Folge war ein massiver
Streit in der Öffentlichkeit. Hinzu kam, dass bei den 517 Ärzten
mit Überschreitungen von mehr als 15 % Praxisbesonderheiten noch
gar nicht berücksichtigt waren. Die KV schätzte, dass nur rund
200 Ärzte Probleme wegen ihrer Richtgrößenüberschreitungen
bekommen werden. Diese Zahl, mutmaßte die Ärzteseite, hätte
in der Öffentlichkeit aber kaum Wirkung gezeigt und wurde deshalb
von den Kassen bewusst nach oben korrigiert. In den Folgemonaten verstrickten
sich beide Seiten in einen Kleinkrieg um Verfahrensdetails. Gestritten
wurde etwa um die Frage, ob überhaupt eine gültige Prüfvereinbarung
vorlag und auf welcher Grundlage die Prüfungen vorgenommen werden
sollten. Nun hoffen die Kassen, die fälligen Regresse für 1999
und möglichst auch noch für das Jahr 2000 in diesem Jahr kassieren
zu können. Die KV dagegen erwartet nach wie vor, dass ohne saubere
Datengrundlagen - und die gibt es nach ihrer Meinung nicht - auch in diesem
Jahr keine Regresse fällig werden.
Selbst wenn eine Bereinigung der Jahre 1999 und 2000 gelingen sollte,
wird der Streit aber weitergehen. In 2001 stieg das Ausgabenvolumen an
der Ostsee nach KV-Angaben um 10,7 % auf rund 541 Mio. Euro. Den Anstieg
um 52 Mio. Euro versucht die KV mit bundesweiten Vergleichen zu relativieren.
In Deutschland war 2001 insgesamt ein Zuwachs von 9,5 % zu verzeichnen.
Einzelne KV-Bereiche wie Sachsen (12,4 %), Sachsen-Anhalt (12,7 %), Trier
(12,9 %) oder Saarland (12,8 %) weisen höhere Zuwächse auf.
Auch der Rückblick auf die vergangenen sechs Jahre entlastet die
Ärzte an der Ostsee. Seit 1996 betrug der Anstieg in Mecklenburg-Vorpommern
27,4 %, bundesweit dagegen 29,3 %.
Zu einem Einlenken bei den Kassen haben diese Zahlen bislang aber nicht
geführt. Auch der jüngste Kompromiss zwischen der Kassenärztlichen
Bundesvereinigung (KBV) und den Krankenkassen auf Bundesebene brachte
keine Entspannung, sondern verschärfte die angespannte Situation
in Mecklenburg-Vorpommern eher noch. Der Kompromiss - die Ist-Ausgaben
von 2000 plus 4,5 % - bringt die KV in Schwerin in Rage. Damit müssten
die Ärzte in 2002 nämlich für rund 31 Mio. Euro weniger
verordnen als in 2001 - ein Ziel, das vielen als völlig unrealistisch
erscheint. Wie tief die Enttäuschung über diesen Kompromiss
in Mecklenburg-Vorpommern sitzt, verdeutlich ein Brief von KV-Chef Dr.
Wolfgang Eckert an den KBV-Vorsitzenden Dr. Manfred Richter-Reichhelm.
Eckert, immerhin selbst Mitglied im KBV-Vorstand, macht darin seiner Enttäuschung
Luft: Unsere bisherige Argumentation, dass die Verordnungszuwächse
vorwiegend durch einen Innovationsstau mit aufgetretenen Versorgungsdefiziten
begründet waren, tragen wir mit diesem Kompromiss und mit allen Konsequenzen
für die Öffentlichkeit zu Grabe. Wir werden uns mit Recht vorwerfen
lassen müssen, dass alle Vertragsärzte weit über den Versorgungsbedarf
hinaus unwirtschaftlich gearbeitet haben, rügte Eckert.
Dirk
Schnack, Dorfstr. 14 a, 24589 Schülp
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 03/ 2002
S. 62 / 63
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