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Unsere Nachbarn
Klaus-Ulrik Christiansen bei seiner Arbeit im dänischen Bredebro (Foto: di)

Hausarztpraxis in Dänemark
Zufriedene Ärzte
Dirk Schnack

Klaus-Ulrik Christiansen kennt keine Konkurrenz. Nicht im Ort und nicht im Umland. „Wir sind Monopolisten“, lacht der Mediziner. Zusammen mit seinen Kollegen Britta Nielsen (36) und Jürgen Jepsen (50) führt der 56-jährige Allgemeinmediziner eine Landarztpraxis im dänischen Bredebro, rund 12 Kilometer nördlich von Tondern. An der Monopolstellung des Trios wird sich nichts ändern. Wer sich in Dänemark niederlassen will, braucht die Genehmigung des Amtes. Und das lässt keine zweite Praxis zu. Wenn die Patienten- und Fallzahlen steigen, wird zunächst überprüft, ob nicht ein weiterer Partner in die bestehende Praxis einsteigen kann. So war es vor zwei Jahren bei Jepsen und Christiansen, Britta Nielsen stieg als dritte Ärztin in die Hausarztpraxis im Amt Sonderjylland ein.
Als Christiansen nach Bredebro kam, gab es dort nur einen einzigen Landarzt. Mitte der 70er Jahre hatte der junge Mediziner eigentlich vor, nur für ein Jahr in dem kleinen Ort zu bleiben. Inzwischen sind es über 25 Jahre und Christiansen hat nicht eines davon bereut. „Ich bin zufrieden“, sagt Christiansen. Das liegt auch an den finanziellen Rahmenbedingungen. „Es ist zwar immer zu wenig Honorar“, sagt Christiansen mit einem Augenzwinkern, „aber es ist lange nicht so schlimm wie in Deutschland.“ Die dänischen Ärzte bekommen für jeden Patienten, der sich für ihre Praxis entscheidet und sich offiziell für sie einschreibt, eine Jahrespauschale von rund 300 Kronen, unabhängig von den tatsächlichen Arztbesuchen. „Das ist unsere Versicherung gegen eine Gesundheitsepidemie“, erklärt
Christiansen. Nötig wäre sie nicht - auch in Dänemark steigt die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen. Rund 3 800 Patienten haben sich für die Praxis in Bredebro entschieden. Und je mehr Leistungen die Ärzte erbringen, umso mehr Honorar erhalten sie vom Amt, das die Funktion der Krankenkassen erfüllt.
Trotz der ausgelasteten Sprechstunden beklagt sich Christiansen nicht. Erstens wegen der festen Sprechzeiten. Montags bis Freitags haben die Praxen von 8:00 bis 16:00 Uhr geöffnet, Donnerstags bis 17:30 Uhr. Hinzu kommen Bereitschaftszeiten. Insgesamt aber hält sich die zeitliche Belastung in den vorgegebenen Grenzen. Zweitens, weil
Christiansen das Hausarztsystem, in dem er arbeitet, für sinnvoll hält. Er lobt bespielsweise, dass die Hausärzte rund 90 % aller Behandlungen in Dänemark vornehmen. Mit der Folge, dass die Ärzte ihre Patienten sehr gut kennen und keine kostenintensiven Überweisungen oder Doppeluntersuchungen anfallen. Drittens schließlich arbeitet Christiansen wie viele andere Hausärzte in Dänemark auch inzwischen in einer nahezu papierlosen Praxis. Die EDV-Vernetzung ist stark fortgeschritten und erleichtert nach Auskunft Christiansens die Hausarzt-Tätigkeit enorm.
Trotzdem gibt es einige Details im dänischen System, mit denen auch Christiansen nicht glücklich ist. Zum Beispiel mit der dort bereits seit Jahren praktizierten aut-idem-Regelung. „Das ist eine sehr schlechte Lösung und verwirrt die Patienten“, lautet seine Erfahrung. Weil sich die Preise der Medikamente ständig ändern und die Apotheker die preisgünstigsten abgeben müssen, bekommen die Patienten immer wieder andere Produkte. Damit beschweren sie sich anschließend beim Hausarzt. Täglich müssen die Ärzte in Bredebro mehrere Patienten beschwichtigen, die sich mit einem schon wieder neuen Medikament nicht abfinden wollen. „Den Differenzbetrag zum vorher eingenommenen Medikament will aber auch keiner tragen“, berichtet Christiansen.
Zu schaffen macht den dänischen Medizinern auch die drohende Überalterung ihres Berufsstandes. Ähnlich wie in Deutschland ist absehbar, dass der Nachwuchs in wenigen Jahren die ausscheidenden Ärzte nicht mehr ersetzen kann. Allein in Sonderjylland fehlen laut
Christiansen rund 70 Klinikärzte. Von den Hausärzten will rund die Hälfte aus Altersgründen innerhalb der kommenden zehn Jahre aufhören. „Das ist unmöglich, weil kein Nachwuchs da ist“, sagt Christiansen. An den Universitäten ist keine Besserung in Sicht. Ein Fünftel der Medizinstudenten in Dänemark kommt aus Norwegen und Schweden und steht Dänemark nach Abschluss der Ausbildung nicht zur Verfügung. Und 60 % der dänischen Medizinstudenten sind Frauen, die meistens weniger Interesse an einer Hausarzttätigkeit haben als ihre männlichen Kommilitonen.
Wer heute in Dänemark eine Hausarztpraxis an einen Nachfolger verkaufen will, hat schlechte Karten. In den Städten sind bis zu 130 % des Jahresumsatzes einer Praxis üblich gewesen, in ländlichen Gebieten wie Bredebro bis zu 100 % - das wären umgerechnet rund 180 000 Euro. Daran ist zurzeit nicht zu denken. Anders als in Deutschland müssen die Ärzte nicht mit 68 Jahren aufhören. Bis 70 dürfen sie praktizieren, danach brauchen sie eine jährlich zu verlängernde Ausnahmegenehmigung. Christiansen selbst wollte ursprünglich mit 65 Jahren aufhören, hat sich diesen Wunsch aber schon jetzt - neun Jahre früher - aus den Kopf geschlagen. „Das wird nichts. Ich kann doch meine Patienten und meine Kollegen nicht im Stich lassen.“ Großes Bedauern lässt sich Christiansen allerdings nicht anmerken - er ist eben gerne Hausarzt in Dänemark.

Dirk Schnack, Dorfstr. 14 a, 24589 Schülp

Schleswig-Holsteinisches

Ärzteblatt 01/ 2002

S. 58 / 59