zurück zur Rubrikensuche
zurück zum Inhaltsverzeichnis
Unsere Nachbarn
Wettbewerb im Gesundheitswesen
Dirk Schnack

Für AOK-Chef Hans-Jürgen Ahrens ist klar: „Wer noch fragt, ob Wettbewerb sinnvoll ist, verschwendet seine Zeit.“ Tatsächlich wagte auf dem Symposium des Teltower Kreises am 3. November in Schwerin niemand unter den rund 180 Anwesenden, Wettbewerb für das Gesundheitswesen in Frage zu stellen. Über die Rahmenbedingungen aber gab es erhebliche Meinungsunterschiede. Manche sehen im Wettbewerb ein wichtiges Instrument, um das festgefahrene System aus der Krise zu führen, andere verlangen weit reichende staatliche Eingriffe.
Prof. Jürgen Wasem
Zum Beispiel Mecklenburg-Vorpommerns Sozialministerin
Martina Bunge. Sie will verhindern, dass zunehmender Wettbewerb Nachteile für Patienten bringt. Bestimmte Prinzipien müssten auch unter Wettbewerbsbedingungen gewahrt bleiben, forderte die PDS-Ministerin. Medizinisch notwendige Leistungen sollten ihrer Ansicht nach zuzahlungsfrei und der medizinische Fortschritt allen zugänglich sein. Eine Aufteilung in Grund- und Wahlleistungen lehnt Bunge ab, denn für sie gilt: „Solidarität ist unteilbar.“ Auch Mechthild Kern, Vize-Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Versicherte und Patienten (DGVP), warnte vor zu hohen Erwartungen: „Wettbewerb allein führt nicht automatisch zu preiswerten und dauerhaft besseren Lösungen.“ Die DGVP will auch im Wettbewerb bestimmte Rahmenbedingungen erfüllt wissen, etwa das Bekenntnis zu einer solidarischen Krankenversicherung, die Festlegung von Belastungs- und Zuzahlungsgrenzen, die Einführung von Haftung, Garantieleistungen und von Qualitätskontrollen. Entscheidend sei außerdem, die Markttransparenz zu erhöhen. Kerns Begründung: „Die GKV ist ein Bereich, in dem Informationsungleichgewicht System hat und den Patienten grundsätzlich benachteiligt.“
Auch Ahrens sieht im Wettbewerb keinen Selbstzweck. Wettbewerb müsse vor allem Versicherten und Patienten dienen, forderte der AOK-Vorsitzende. Dass Wettbewerb für die auch Nachteile bedeuten kann, machte Ahrens am Beispiel der Risikoselektion deutlich.
Mechthild Kern
(Fotos: di)
Der Wettbewerb unter den Krankenkassen habe sich in den vergangenen Jahren wegen falscher Rahmenbedingungen nur am Beitragssatz orientiert und damit zu massiven Mitgliederbewegungen geführt. Folge: Große Kassen versichern heute viele Kranke und haben hohe Beiträge, kleine Kassen versichern dagegen meist Gesunde und haben niedrige Beiträge. Künftig, so die Forderung von Ahrens, müssten Rahmenbedingungen dafür sorgen, dass die Kassen um die beste Versorgung konkurrierten. Für Dr. Robert Paquet vom Berliner BKK-Büro ist das „Traumtänzerei“: „Wechsel-Entscheidungen von Versicherten werden immer auch über den Beitragssatz beeinflusst.“ Und dabei werden die Betriebskrankenkassen, so die Hoffnung Paquets, auch weiterhin die besseren Karten haben. Angst vor Kundenabwanderung haben die Betriebskrankenkassen offensichtlich nicht, wohl aber vor immer aufwendigeren Finanzausgleichsregelungen. „Damit sollten wir es nicht übertreiben“, mahnte Paquet. Und er appellierte an die Gesundheitspolitiker, der Öffentlichkeit reinen Wein einzuschenken. Wer den Wettbewerb im Gesundheitswesen wolle, müsse auch dessen Konsequenzen tragen: „Wo es Gewinner gibt, wird es auch Verlierer geben.“
Dr. Robert Paquet

Vor zu viel staatlichen Eingriffen in den Wettbewerb warnte der Greifswalder Gesundheitsökonom Prof. Jürgen Wasem. Er hält nur noch ein solidarisch finanziertes Standardleistungspaket für notwendig. Rahmenbedingungen seien notwendig, um eine Risikoselektion durch die Krankenkassen zu verhindern. Mehr Wettbewerb wünscht sich Wasem, der auch Schiedsamtsvorsitzender in Mecklenburg-Vorpommern ist, zwischen den Krankenkassen und den Leistungserbringern. Die Kassen müssten mit der kosteneffektivsten Gesundheitsversorgung um Versicherte konkurrieren, die Leistungserbringer um Verträge mit den Krankenkassen. Eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür: Beide Seiten müssen die Möglichkeit zum selektiven Kontrahieren erhalten. Ohne Freigabe entscheidender Wettbewerbsparameter und ohne verbesserten Risikostrukturausgleich hält der Greifswalder Professor für Betriebswirtschaftslehre Wettbewerb für „kontraproduktive Ressourcenverschwendung“. „Wenn die Politik den Mut zur Freigabe der relevanten Wettbewerbsparameter nicht hat, ist die Einheitsversicherung die aus ökonomischer Sicht die kosteneffektivere Veranstaltung.“ (di)

Schleswig-Holsteinisches

Ärzteblatt 12/ 2001

S. 53