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Unsere Nachbarn
Ethik-Akademie fordert Einbeziehung der öffentlichen Gesundheit
(Public Health)
Horst Kreussler

v. l. n. r.: Prof. Dr. phil. Dietrich von Engelhardt, Pastorin Hilma Keitel, Prof. Dr. Dr. Karl-Heinz Wehkamp, Prof. Dr. Dr. Klaus Dörner, Heinz Lohmann (Fotos: hk)
Ist Priorisierung in der Gesundheitsversorgung auch ein ethisches Problem? Gibt es ethische Dilemmata im Gesundheitsamt (Kontrolle von Krankheiten oder von Kranken)? Braucht die Gesundheitspolitik eine Ethik? Solche Fragen gehören zum Fragenkreis „Public Health und Ethik“, der wohl erstmals schwerpunktmäßig Thema einer Ethiktagung war („Individuelle Gesundheit versus Public Health“). Die Jahrestagung der Akademie für Ethik in der Medizin e. V. (AEM), diesmal in Hamburg, brachte über 100 medizinethisch Erfahrene aus verschiedenen Disziplinen zusammen: Heilberufe, Forschung, Lehre, Rechtswissenschaft und Philosophie. Wichtigste Erkenntnis laut AEM-Präsident Prof. Dr. phil. Dietrich von Engelhardt (Lübeck) und Organisator Prof. Dr. Dr. Karl-Heinz Wehkamp (Hamburg/ Reinbek): Medizinethik darf sich nicht mehr nur um die individuelle Gesundheit, etwa das einzelne Arzt-Patientenverhältnis, kümmern, sondern muss sich zur Gesundheitsethik erweitern. Denn sonst, wie Prof. Dr. Angela Brandt (FH Düsseldorf und AG „Ethik und Public Health“) überzeugend erläuterte, drohe bei zunehmender Individualisierung und Kundenorientierung der Patienten die Gefahr, dass Bereiche der öffentlichen Gesundheit wie freiwillige Mitwirkung bei Impfungen oder die medizinische Versorgung von Randgruppen zur weniger beachteten Restgröße würden.
Dr. Silke Schicktanz, Dresden

In zahlreichen Plenar- und Gruppenbeiträgen ging es um aktuelle Einzelthemen, so in der Podiumsdiskussion um „Heilen und strafen - Forensische Psychiatrie und öffentliche Verantwortung“ (Prof. Dr. Dr. Klaus Dörner, LBK-Chef Heinz Lohmann, Prof. Wehkamp und Klinikseelsorgerin Hilma Keitel, Wentorf). Ausgangspunkt war die Serie von Gewalttaten von Freigängern und Entflohenen aus der geschlossenen Psychiatrie des Hamburger Klinikums Nord (Ochsenzoll, Haus 18). Gegenüber einigem Euphemismus wies Moderator Prof. von Engelhardt auf die mögliche Bandbreite zwischen totaler Sicherung des Täters bis zur maximalen Freizügigkeit (Resozialisierung) hin. Deutliche Selbstkritik könne im einzelnen angezeigt sein - in kriminologischer, diagnostischer und therapeutischer Hinsicht. Auch die viktimologische Perspektive (schwere Belastungen potenzieller Opfer) dürfe nicht vernachlässigt werden.
Schließlich beeindruckte die dies- jährige Preisträgerin des Nachwuchspreises der AEM, die Biologin Dr. Silke Schicktanz (Tübingen, Magdeburg, jetzt Hygiene-Institut Dresden), mit ihrem Vortrag über „Wissenschaftliche und ethische Aspekte der Xenotransplantation“, ein Thema, das gerade auch in Lübeck diskutiert wird. (hk)

Schleswig-Holsteinisches

Ärzteblatt 12/ 2001

S. 52