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Offener Brief an
die Krankenkassen
Im Sommer 2001 erhielten wir Ärzte ein Merkblatt mit dem Titel Fahrkosten:
Wann zahlt die Kasse? Im Gegensatz zu vielen Schriftstücken,
die jeden Tag in unsere Praxen flattern, empfanden wir dieses Merkblatt
als außerordentlich hilfreich, weil es klare Regelungen enthielt,
dem Taxitourismus endlich Einhalt zu gebieten.
Mehr als drei Monate lang haben wir uns konsequent an dieses Merkblatt
gehalten.
Am 6. November 2001 um 11:16 Uhr mussten wir kapitulieren!
Gerne schildere ich Ihnen Einzelheiten:
- Was unsere Helferinnen
und wir uns in dieser Zeit an Beschimpfungen und Anfeindungen durch
Patienten anhören mussten, übersteigt alles in den vergangenen
13 Jahren da Gewesene. Die meisten Patienten empfinden die Taxifahrt
auf Kassenkosten bei unzureichenden Busverbindungen offenbar als Grundrecht
mit Verfassungsrang.
- Manche Patienten
haben die Taxischeine ohne Probleme bei ihrem Hausarzt bekommen, obwohl
es keine medizinischen Gründe für ein Taxi gab.
- Bei hartnäckigen
Fällen haben wir die Patienten an die zuständige Krankenkasse
verwiesen (der letzte Satz auf dem o. g. Merkblatt lautet: Weitere
Informationen erhalten Sie von Ihrer Krankenkasse). Teilweise
haben die Kassen mitgezogen (so z. B. die AOK in Schleswig), aber andere
Kassen sind uns in den Rücken gefallen. Den Vogel hat die DAK in
Schleswig abgeschossen: Wir hatten in unserem Anschreiben ausführlich
begründet, warum eine Taxi- bzw. Privat-PKW-Fahrt aus medizinischen
Gründen nach den Richtlinien des Merkblattes nicht möglich
sei. Die Antwort der DAK entnehmen Sie der beigefügten Anlage.
So muss man sich verhöhnen lassen, wenn man den Kassen unnütze
Ausgaben ersparen will! Der betroffene Patient hat uns daraufhin auf
das Übelste beschimpft.
- Am 6. November
2001 legte mir eine Patientin, die hervorragend zu Fuß ist, ihr
Fahrtenbuch vor. Sie fragte uns, warum nur wir Öffentliches
Verkehrsmittel ankreuzten, aber andere Ärzte Privat-PKW.
Das Studium des Fahrtenbuches ergab: Wir waren die Einzigen, die Öffentliches
Verkehrsmittel angekreuzt hatten.
An diesem 6. November
2001 ist das Fass für uns übergelaufen und wir haben das o.
g. Merkblatt aus unseren Sprechzimmern entfernt. Weder ist es unserem
Personal länger zu vermitteln, sich täglich von aufgebrachten
Patienten für die Krankenkassen beschimpfen und beleidigen zu lassen,
noch lassen wir uns von Kassenmitarbeitern (wie im Falle der DAK Schleswig)
länger verhöhnen. Und wenn sich auf Grund dieser Unsäglichkeiten
kaum einer an die Richtlinien halten kann, weil er das Gezeter - verständlicherweise!
- nicht erträgt, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis uns alle
Patienten davongelaufen sind. Im Gegensatz zu Kassenfunktionären
erhalten wir in einem solchen Fall weder Abfindungen, noch winken satte
Pensionsansprüche!
Das Merkblatt Fahrtkosten: Wann zahlt die Kasse? ist somit
klinisch tot. Suchen Sie nach anderen Wegen, den Taxitourismus in den
Griff zu bekommen. Und vor allem: Überlassen Sie nicht uns diese
Aufgabe allein, sondern tragen Sie selbst dazu bei.
Dr.
Burckhard Schürenberg, Plessenstraße 13, 24837 Schleswig
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 12/ 2001
S. 50 / 51
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