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Der Traum vom unendlichen Fortschritt in der Medizin
Karlheinz Engelhardt
Traum vom unendlichen Fortschritt? Ist denn dieser Fortschritt keine Realität?
Doch, er ist, wie unsere Erfahrung zeigt, Wirklichkeit, und viele Menschen
profitieren von den Entwicklungen der operativen und konservativen Medizin.
Im 20. Jahrhundert entstanden z. B. immer subtilere Körperdarstellungen
der Diagnostik. Die Pharmakologie schuf Mittel gegen Herzinsuffizienz,
Hypertonie, peptische Ulzera, Malignome, Depression, HIV- und andere Infektionen.
In unserem Kulturkreis haben Frauen eine durchschnittliche Lebenserwartung
von 80, Männer von 73,5 Jahren, um 1900 hießen die entsprechenden
Zahlen 50, bzw. 40 Jahre. Nicht ein Lob der Ohnmacht und Fortschrittspessimismus
sind anzustimmen. 1978 begann die Ära der In-vitro-Fertilisation.
In den nächsten Jahrzehnten sollen mithilfe der Nanotechnologie Supercomputer
gebaut werden, die durch die Körper kreuzen, um Gefäßstenosen
zu beseitigen und Tumorzellen zu zerstören. Der Marburger Medizinsoziologe
Ulrich Mueller (1) plädiert für Präimplantationsdiagnostik,
Embryonenforschung, Keimbahnentherapien, reproduktives und therapeutisches
Klonen. Mit großem Optimismus hofft er von der Medizin, zukünftig
mehr oder weniger alle Leiden zu eliminieren. Auch Patienten erwarten
viel, oft zu viel, von neuen technischen Möglichkeiten, andererseits
vermissen sie nicht selten, als ganze Personen mit Geist und Körper
behandelt zu werden. Sie klagen über zu wenig Zeit in der Sprechstunde
und wenden sich alternativen Heilern zu (2). Aber
die naturwissenschaftlich-technische Medizin ist nicht das Problem. Sie
benötigt allerdings, um nicht einseitig zu werden, Kompensationen.
Dazu gehört eine Patienten zentrierte Medizin (3,
4), die die Perspektive des Kranken berücksichtigt. Zu diesen
Kompensationen zählt zweitens die Ethik, die bei immer größerem
Können danach fragt, was wir tun dürfen, und drittens eine selbstkritische
Haltung, die Grenzen und Nebenwirkungen von Diagnostik, Screening und
Therapie erkennt und die Vorteile und Nachteile medizinischer Eingriffe
gegeneinander abwägt.
Beherrschung der
Natur
Gleich
am Anfang des Alten Testaments macht Gott den Menschen zum Herrscher über
Fische, Vögel, Vieh und über alle Tiere des Feldes und
über alles Gewürm, das auf Erden kriecht (Gen 1, 26).
August Comte (1798 - 1857) unterschied drei Stadien der Geschichte: das
theologische, das metaphysische und schließlich das positive
Stadium. Dieses denkt wissenschaftlich, erforscht die Naturgesetze und
fördert technische Erfindungen. Ernst von Leyden sagte in seiner
Eröffnungsrede zum Internistenkongress 1887 (5):
Die Naturwissenschaft, welche in der Gegenwart die größten
Triumphe feiert, prägt auch den Versammlungen den Charakter auf.
Unter ihrer Flagge segelt auch die Medizin. Pathologie und Therapie sollen
mechanische Wissenschaften werden. Dem Positivismus haben wir die
Fortschritte zu danken, der nach der Methode des Reduktionismus die Krankheiten
auf der Ebene von Organen, Zellen und Molekülen analysiert. Die Spezialisierung
nimmt zu. An den meisten Universitätskliniken gibt es keine Abteilungen
für allgemeine Innere Medizin, internistische städtische Kliniken
werden in kardiologische und gastroenterologische Abteilungen aufgeteilt.
Das hat Vorteile für Forschung und Interventionen. Das klinische
Ideal ist nicht länger der Generalist, der mithilfe von Anamnese,
unmittelbarer Untersuchung und einigen gezielten Tests diagnostiziert,
sondern der Superspezialist mit immer kühneren Eingriffen (6).
Der Nachteil dieser Entwicklung besteht darin, dass viele Menschen, vor
allem ältere, mehrere Krankheiten verschiedener Organe haben. Spezialisten
fällt es schwer, unterschiedliche Krankheiten und Probleme zu einer
Gesamtsicht zu integrieren. Jeder Fortschritt ist ein Gewinn im
Einzelnen und eine Trennung im Ganzen; es ist ein Zuwachs an Macht, der
in einem fortschreitenden Zuwachs an Ohnmacht mündet, und man kann
nicht davon lassen (7).
Kritisches Denken
Fortschritt wirft Schatten. Unsere Medizin ist erfolgreicher als früher,
aber sie bestimmt vom Beginn bis zum Ende, von pränatalen Tests bis
zur künstlichen Lebensverlängerung, unser Leben intensiver denn
je. Diese Medikalisierung wird auch bei Screeninguntersuchungen deutlich.
Gewiss entdecken sie manches frühe Karzinom, aber es kommt ebenfalls
zu falsch-krankhaften Ergebnissen der Tests mit invasiven Folgeuntersuchungen
bei fehlendem Karzinom. Vorteile und Risiken eines Screenings sind deshalb
mit den Ratsuchenden zu besprechen. Screening von Prostata- und Mammakarzinom
werden derzeit kontrovers diskutiert (8, 9). Jedem,
der PSA oder Mammographie erwägt, wäre eine detaillierte Information
zu geben, damit er eine sachgerechte Wahl treffen kann. Dabei darf das
mitgeteilte Wissen über Screening nicht irreführend, unverständlich
oder interesseabhängig sein. Medikamente sind wirksamer als früher,
sie sind allerdings ein zweischneidiges Schwert. Nach einer Meta-Analyse
(10) von 39 Studien wurden 106 000 tödliche
Arzneimittelnebenwirkungen in den Vereinigten Staaten für das Jahr
1994 geschätzt. Nebenwirkungen werden durch pharmakologisches Wissen
und objektive Fortbildung reduziert, die durch den medizinisch-industriellen
Komplex (4) gefährdet werden. In Zeitschriften
publizierte Artikel können dazu benutzt werden, Medikamente und Geräte
zu vermarkten. Wenn wissenschaftliche Ergebnisse über neue Medikamente
ungünstig ausfallen, darf eine Publikation dieser Forschungsresultate
von pharmazeutischen Firmen nicht verhindert werden. Industriebezahlte
Fortbildungen in Luxushotels mit Werbung für die Produkte und durch
aggressives Marketing dirigierte Arzneimittelverschreibung sind nicht
sachgemäß und patientengerecht. Jede Therapie einschließlich
der Pharmakotherapie sollte unabhängig sein, aber 90 % der deutschen
Fortbildungsveranstaltungen werden von der pharmazeutischen Industrie
organisiert (11).
Anfang und Ende
des Lebens
Obwohl in
Deutschland im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten, Britannien und anderen
Ländern Experimente mit Embryonen verboten sind, fordern hierzulande
Forscher ihre Freigabe im Namen der Therapie und des Fortschritts (12).
Embryonale Stammzellen sind pluripotent und können sich zu jedem
Zelltyp des menschlichen Körpers entwickeln, so dass z. B. Diabetiker,
Herzkranke und Patienten mit neurodegenerativen Leiden davon zu profitieren
hoffen. Werden den bei der In-vitro-Fertilisation entstandenen, überzähligen
Embryonen ihre Stammzellen entnommen, so sterben sie. Wissenschaftler
des Jones Instituts für Reproduktionsmedizin in Norfolk (Virginia)
haben nur mit der Absicht, ihnen Stammzellen zu entnehmen, 40 Embryos
durch In-vitro-Fertilisation hergestellt. Bei dem in Britannien erlaubten
therapeutischen Klonen wird der somatische Zellkern des Spenders in eine
entkernte Eizelle eingefügt, um Embryonen für die Gewinnung
von Stammzellen zu züchten, die wegen ihrer genetischen Übereinstimmung
mit dem Spender bei einer Transplantation nicht abgestoßen werden.
Man wird an den Wissenschaftler Wagner (13) erinnert,
der einen Homunculus produzierte: Wie einst das Zeugen Mode war,
erklären wir für eitel Possen - wenn sich das Tier noch weiter
daran ergötzt, so muss der Mensch mit seinen großen Gaben doch
künftig höheren Ursprung haben. Befürworter der Forschung
mit Embryonen setzen das Verbot mit unterlassener Hilfeleistung gleich.
Als Fortschritt und Ausdruck der Selbstbestimmung gelten vielfach aktive
Euthanasie auf Wunsch eines terminal Kranken und der ärztliche Beistand
zur Selbsttötung. Sie sind in Holland legal, im amerikanischen Bundesstaat
Oregon ist der Arzt assistierte Suizid erlaubt. Ihre Motive sind unerträgliche
körperliche Symptome, häufiger jedoch eine unerkannte klinische
Depression, die Furcht vor einer ungewollten künstlichen Lebensverlängerung
und die Furcht, zur Last zu fallen. In Oregon stieg das Motiv für
den ärztlichen Beistand zur Selbsttötung, nicht eine Belastung
für die Familie zu sein, von 12 % auf 63 % (14).
Eine Legalisierung von aktiver Euthanasie und Arzt assistiertem Suizid
ist kontraproduktiv für die Integration von palliativer Medizin und
Hospizbewegung in die hausärztliche und klinische Medizin. Die Embryonenforschung
hat wahrscheinlich ein großes therapeutisches Potenzial, und der
Traum vom unendlichen Fortschritt fragt nicht, ob dieser Fortschritt jedes
Mittel, auch das Töten des Embryos, rechtfertigt. Darf es Heilung
um jeden Preis geben? Werden nicht der Embryo instrumentalisiert und Alternativen,
z. B. Stammzellen von Erwachsenen und aus Nabelschnurblut, vernachlässigt?
Die von Albert Schweitzer gelehrte und gelebte Ehrfurcht vor dem Leben
warnt davor, für die Gesundheit Embryonen, werdende Menschen mit
genetischer Identität und Selbststeuerung zu opfern und terminal
Kranke zu töten.
Utopien verpassen
Chancen
Der englische Kanzler Thomas More (1478 - 1535), ein Befürworter
der Euthanasie, verfasste die Schrift De optimo rei publicae statu,
deque nova insula Utopia, auf die der Begriff Utopie zurückgeht.
Sie ist ein Nirgendheim. Ist der Traum vom unendlichen Fortschritt
in der Medizin eine solche Utopie, die konkrete Chancen verpasst? Welche
Chancen wären das? Erstens sollten wir versuchen, Nebenwirkungen
zu reduzieren. Durch Operationen, invasive Diagnostik und Medikamentennebenwirkungen
kam es 1984 in den Kliniken des Staates New York zu 98 609 iatrogenen
Schäden (15). Eine Aufgabe ist die sorgfältige
Arzneimittelanamnese. Viele unerwünschte Medikamentenreaktionen durch
Überdosierung, Interaktionen und mangelnde Berücksichtigung
der individuellen Bedingungen sind zu vermeiden. Nicht alle Beschwerden
benötigen Pharmaka. Wenn sie jedoch notwendig sind, brauchen wir
pharmakologisches Wissen und eine industrieunabhängige Fortbildung.
Wir müssen mit den Patienten auch mehr über ihre Therapie sprechen,
weil ihre mangelhafte Information zu häufigeren Klinikaufenthalten
führt (16). Zweitens werden die Prinzipien
der Hospizbewegung und der palliativen Medizin zu wenig gelehrt und praktiziert.
Palliative Medizin heißt umfassende Betreuung des Patienten und
seiner Familie, die mit einer terminalen Krankheit in den letzten Monaten
des Lebens konfrontiert sind. Körperliche Symptome, psychische und
spirituelle Aspekte sind zu berücksichtigen. Nicht nur in den letzten
Minuten, sondern in den letzten Wochen und Monaten wollen Hospizbewegung
und palliative Medizin die Lebensqualität verbessern. 47 % der Patienten
mit einem terminalen Karzinom hatten psychiatrische Probleme wie Angst,
Depression oder Delir (17). Eine dritte Chance besteht
darin, die notwendige naturwissenschaftlich-technische Medizin durch eine
Patienten zentrierte Medizin zu ergänzen (3, 4).
Patienten zentrierte Medizin sieht mit den Augen des Kranken, sie bezieht
ihn in Entscheidungen ein und regt ihn an, seine Ideen, Gefühle und
Erwartungen zu äußern. Studenten mögen in theoretischen
Kursen ein wenig Psychologie gelernt haben. Wenn sie aber in den somatischen
Kliniken beobachten, dass Ärzte nicht nach Emotionen ihrer Patienten
fragen, wird ihr abstraktes Wissen fraglich. Zu wenig wird gelehrt, wie
schlechte Botschaften, z. B. die Diagnose einer HIV-Infektion oder eines
Karzinoms, zu vermitteln sind. Diese Themen haben ebenso wie die palliative
Medizin im medizinischen Curriculum keine Priorität. Patienten mit
Angststörungen, Panikattacken und Depressionen kommen wegen ihrer
körperlichen Beschwerden zu Somatikern, die oft die Ursache
der Körpersymptome nicht erkennen (18). Die
Medizin ist selbst Teil einer Kultur, die psychiatrische Erkrankungen
ausgrenzt und stigmatisiert. Klinikärzte klagen oft über fehlende
Zeit für Kommunikation mit den Kranken, da das Tempo des Durchschleusens
zugenommen hat. Dabei absorbiert das ständige Wachstum der medizinischen
Technologie ihre Aufmerksamkeit.
Fazit
Die Bedeutung
der Medizin nimmt ständig zu, in ihr dominieren Technologie und Naturwissenschaft,
mit denen sie Triumphe feiert. Subjektive Themen interessierten die Wissenschaft
nicht. Die historische Wandlung wird durch Namensänderungen, vor
allem in den Vereinigten Staaten, symbolisiert: Aus dem Patienten wird
der Client, aus dem Arzt der Gesundheitslieferant (Healthcare Provider).
Viele Menschen überschätzen die technischen Möglichkeiten
der Medizin, sie haben utopische Visionen wie die Erbauer des babylonischen
Turms: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen
Spitze bis in den Himmel reicht (Gen. 11, 4). Heute sind chronische
Krankheiten, z. B. die koronare Herzkrankheit, chronisch-obstruktive Bronchitis,
der Diabetes, Schlaganfall mit seinen Folgen und neurodegenerative Krankheiten,
das erste medizinische Problem. Solche Kranken benötigen adäquate
Medikamente und Hilfe im Umgang mit ihrer chronischen Krankheit, damit
sie unabhängiger werden. Eine krankheitsfreie Welt ist eine Illusion,
die zudem vergisst, dass Menschen nicht selten Leid und Todesbedrohung
in Kreativität, in Suche nach Wahrheit und Lebenssinn transkribieren.
Wenn Ärzte immer weniger Zeit für Kommunikation, Information
und Gespräch haben, wird eine umfassende Betreuung bedroht (19).
Ärzte, die sich Patienten zentriert verhalten, erzielen eine bessere
Wirkung auf den Krankheitsverlauf als Ärzte, die nur formal agieren
und den Patienten nicht emotional unterstützen (20).
Barrieren gegen eine solche Patienten zentrierte Medizin sind das schnelle
Durchschleusen der Patienten, die Geschwindigkeit der Versorgung mit dem
Blick auf die Armbanduhr und die Absorption unseres Interesses durch technische
Innovationen und Bildtechniken. Viele Menschen, die technische Leistungen
der Medizin bewundern, sind paradoxerweise gleichzeitig enttäuscht
durch den high tech/low touch Stil dieser Medizin und wenden
sich alternativen Heilern zu. Die Macht unserer Eingriffe ist gestiegen,
aber auch die Zahl der Nebenwirkungen hat zugenommen. Damit aus dem Traum
kein Albtraum wird, müssen wir die Vorteile und Risiken von Diagnostik
und Therapie kritisch gegeneinander abwägen. Je intensiver die Medizin
das Leben verändert, umso dringender wird die Frage, was uns erlaubt
und verboten ist.
Literatur beim Verfasser
Prof.
Dr. Karlheinz Engelhardt,
Jägerallee 7,
24159 Kiel
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 12/ 2001
S. 33 - 36
(*)Literatur
beim Verfasser
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