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Verschreibung von
Stimulanzien bei ADHS
Martin Jung
Die Behandlung von ADS-Kindern, insbesondere mit Ritalin®, wird derzeit
engagiert geführt. Dr. Martin Jung war von der Beratenden Kommission
Sucht und Drogen gebeten worden, für die Ärztinnen und Ärzte
in Schleswig-Holstein ein kurzes Statement hierzu zu verfassen.
Die Verordnungshäufigkeit von Stimulanzien im Kindesalter bei ADHS
ist bundesweit deutlich, regional z. T. sprunghaft angestiegen. Auch wenn
sich aus Prävalenzdaten abschätzen lässt, dass bei einer
medikamentösen Vollversorgung aller betroffenen Kinder insgesamt
noch höhere als die gegenwärtigen Verordnungszahlen zu erwarten
wären1, geben Hinweise aus den USA² und
Deutschland³ über Kinder Anlass zur Besorgnis, denen teilweise
auch langfristig ein Stimulanz verordnet wurde, ohne dass die Diagnose
ADHS als gesichert gelten konnte. In diesen Fällen wären Methylphenidat
oder andere Stimulanzien falsch verordnet worden, mit ungünstigen
Folgen sowohl für die betroffenen Kinder als auch für den Stand
der Ärzteschaft in der öffentlichen Diskussion des Themas.
Rahmenbedingungen zur Behandlung des Hyperkinetischen Syndroms sind in
den Leitlinien der deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie
und -psychotherapie niedergelegt4. Sie weisen auf
die Notwendigkeit einer genauen Diagnostik, einer multimodalen Therapie
unter Einbezug der Eltern, Erzieher und Lehrer und auf die Titration einer
medikamentösen Therapie hin.
Unruhezustände unterschiedlicher Ausprägung finden sich bei
einer Reihe weiterer - u. a. kinderpsychiatrischer und pädiatrischer
Störungen. Auszuschließen sind z. B. reine Störungen des
Sozialverhaltens, Angst- oder depressive Störung, reaktive Störungen,
psychotische Störungen (affektiv oder schizophren), tief greifende
Entwicklungsstörungen, aber auch neurologische oder endokrinologische
Erkrankungen.
Untersuchungsbefunde zu störungsrelevanten körperlichen, kognitiven
und psychischen
Funktionen sowie sozialen Bindungen sind vonnöten. Daher sind eine
somatisch-neurologische Untersuchung (Differenzialblutbild, Elektrolyte,
Leberstatus, Schilddrüsen- und Nierenfunktionswerte), ein Ruhe-EEG
und eine kognitive Leistungsdiagnostik unerlässlich. Auch eine orientierende
Familiendiagnostik und Verhaltensanalyse ist erforderlich. Der Beginn
der Störung liegt vor dem sechsten Lebensjahr, die Symptome sollen
längere Zeit bestehen (> 6 Monate).
Die Beschränkung auf eine reine Pharmakotherapie missachtet
elementare Bedürfnisse der Kinder und widerspricht den Regeln der
guten klinischen Praxis 5.
Die Therapie der hyperkinetischen Symptomatik ist multimodal angelegt
und kann folgende Interventionen umfassen:
- Aufklärung
und Beratung der Eltern, des Kindes/Jugendlichen und des Erziehers bzw.
des Klassenlehrers (wird immer durchgeführt)
- Elterntraining
und Interventionen in der Familie (einschl. Familientherapie) zur Verminderung
der Symptomatik in der Familie
- Interventionen
im Kindergarten/in der Schule (einschl. Platzierungs-Interventionen)
zur Verminderung der Symptomatik im Kindergarten/in der Schule
- Kognitive Therapie
des Kindes/Jugendlichen (ab dem Schulalter), Selbstinstruktionstraining
oder Anleitung des Kindes/Jugendlichen zur Modifikation des Problemverhaltens
(Selbstmanagement)
- Pharmakotherapie:
Mittel der ersten Wahl sind Stimulanzien eine Dosierung von 0,5 bis
1 mg/kg KG Methylphenidat hat sich als optimal erwiesen. Der Nutzen
einer Dosierung von mehr als 1 mg/kg KG/die ist fraglich, es wächst
vielmehr das Risiko erheblicher körperlicher und psychischer Nebenwirkungen.
Der Therapieerfolg
muss regelmäßig kontrolliert werden. Während der Behandlung
werden folgende Kontrolluntersuchungen empfohlen:
jede Visite
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Wirksamkeit;
somatische und psychische Auffälligkeiten, insbesondere Tics |
| monatlich |
Herzfrequenz,
Blutdruck, Körpergewicht, Körperlänge |
| vierteljährlich |
Differenzialblutbild
(nach mehrfach unauffälligen Befunden halbjährlich) |
| halbjährlich |
EEG-Kontrolle,
Transaminasen (nach mehrfach unauffälligen Befunden jährlich) |
(nach Rothenberger, 2001 6).
Literatur
beim Verfasser.
Dr.
Martin Jung,
Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie,
Friedrich-Ebert-Str. 5,
24837 Schleswig
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 12/ 2001
S. 29 / 30
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