zurück zur Rubrikensuche
zurück zum Inhaltsverzeichnis
Schleswig-Holstein
Foto: BilderBox

Zwangsstörungen im Kindes- und Jugendalter
Sylvia Hajduk


Aus der Universität in Würzburg ist PD Dr. Christoph Wewetzer am 24. Oktober zu seiner Vorlesung nach Lübeck in die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie angereist, um über die Verläufe von Zwangsstörungen im Kindes- und Jugendalter zu berichten.
Dr. Wewetzer berichtet über seine eigenen Erfahrungen, die er an der Universität gesammelt hat. Ihm ist aufgefallen, dass sich viele Kinder für ihre Symptomatik schämen, sie merken, dass sie ein auffälliges Verhalten haben. Die häufigste Störung ist die soziale Phobie. Die Kinder meiden den Kontakt zu anderen Menschen, manchmal auch zur Familie. Dadurch isolieren sie sich, sie haben keine Freunde oder Bekannten. Wenn Eltern dann über ihre Kinder im Bekanntenkreis berichten, werden diese schon als sozial zurückgezogen bewertet. Durch diese Zurückgezogenheit beginnen sie mit bizarren Zwangshandlungen oder -gedanken, z. B. Selbstverstümmelung oder Waschzwang.
Man hat angefangen zu forschen, ob Zwangsstörungen vererbbar sind. Darüber gibt es bereits verschiedene Studien, die belegen, dass Zwangssymptome bei Eltern von gestörten Kindern sehr hoch sind, weniger aber die Zwangsstörungen.
In der Klinik von Dr. Wewetzer ist das Durchschnittsalter von Kindern mit Zwangsstörungen 11,5 Jahre, das heißt, es gibt durchaus Kinder, die mit 9 Jahren bereits erste Störungen aufweisen.

Psychische Lebenszeit-Diagnosen bei Eltern
von Kindern mit Zwangsstörungen
Angststörung
24 %
Depressive Störung
17 %
Ticstörung
12 %
Drogenmissbrauch
7 %
Persönlichkeitsstörungen
18 %


Zwangskranke Kinder binden zu 85 % mindestens ein Elternteil in die Symptomatik ein, sie verüben zu 59 % verbale Aggressionen und zu 23 % körperliche Angriffe gegenüber den Müttern. Die Väter werden körperlich und verbal ebenso angegriffen, jedoch nicht so häufig, da noch immer die Mütter die ersten Ansprechpartner für die Kinder sind.
Zwangsstörungen therapieren kann man durch

  • Verhaltenstherapie,
  • Pharmakotherapie und
  • Familienberatung und -therapie.

Um ein Extrembeispiel zu nennen, berichtet Wewetzer von einem 17-jährigen Jungen, der immer das Verlangen hatte, alles gleich zu machen und zu sagen, wie es seine Mutter tat. Das Nachahmen steigerte sich soweit, dass, als die Mutter ihn zur Schule gefahren hatte, er die Kleidung im Auto mit ihr tauschen musste, um im übertragenden Sinne sie selbst zu sein. Dieser Junge musste von der Polizei in eine Anstalt zur Therapie gebracht werden, die Mutter wurde damit nicht mehr fertig.
In der Pharmakotherapie wird oft das Medikament Ritalin® angewandt. Wewetzer stellt hierzu fest, dass die Kinder dadurch motorisch unruhig werden und dass das Medikament oft zu schnell und zu hoch dosiert wird. In Amerika werde dieses Medikament in viel niedrigeren Mengen verordnet. Kinder seien schwer für eine Therapie zu motivieren, weil das Kind annimmt, ihm wird eine Macht entzogen. Wenn ein Kind in einer aggressiven Auseinandersetzung mit den Eltern steckt, hat es eine Art von Macht, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Wird es therapiert, merkt es schnell, dass es sich nicht frei entfalten kann wie vorher, daher der Gedanke des Machtentzuges. Man nimmt dem Kind etwas, womit es sonst Aufmerksamkeit erregt hat.
Wewetzer, selbst Vater, appelliert an Eltern, die Symptomatik früh zu erkennen und an Ärzte, sich die Probleme der Eltern anzuhören und gemeinsam Schritte einzuleiten.

Sylvia Hajduk,
Ärztekammer Schleswig-Holstein,
Bismarckallee 8 - 12,
23795 Bad Segeberg

Schleswig-Holsteinisches

Ärzteblatt 12/ 2001

S. 19