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Schleswig-Holstein

Zwischen Couch und EEG
Das Porträt - Dr. Bern Carrière
Heinz-Peter Sonntag


1983: Es war ein grieseliger Herbsttag in Paris, als ich den Schauspieler Matthieu Carrière besuchte, um ihn ohne Wissen und Wollen des Vaters zu überreden, als Stargast auf dem großen Lübecker Ärzteball 1985 aufzutreten. Anlass dieser großen Gala war das 95-jährige Bestehen des damals - vor der Wende - ältesten Deutschen Ärztevereins. Aus diesem Grunde hatte die Ärztekammer Schleswig-Holstein den Deutschen Ärztetag nach Travemünde eingeladen. Der Ballabend war übrigens bisher der vorletzte in der Geschichte der Ärztetage.
18 Jahre später ist es ein sonniger Herbsttag, als ich den Vater des Schauspielers, Dr. Bern
Carrière, damals erster Vorsitzender des sehr aktiven Lübecker Ärztevereins, in seinem im dichten Grün liegenden Haus besuchte. Zehn Jahre war Dr. Carrière ambitionierter und engagierter Vorsitzender des Ärztevereins, der - jetzt über 100 Jahre alt - sich sehr stark um die ärztliche Fortbildung bemüht.
1962 hatte der Kollege Carrière sich im Schatten der Aegidienkirche in Lübecks Altstadt als „Nervenarzt“ niedergelassen. 29 Jahre war er gerne niedergelassener Vertragsarzt, insbesondere da sich seine Tätigkeit auf drei Säulen stützte: die Psychiatrie, die Neurologie und die Psychotherapie. Als Sohn eines Psychiaters, der fast ausschließlich in Anstalten tätig war, verbrachte Bern Carrière seine Jugend in unmittelbarer Nähe von Heil- und Pflegeanstalten. So wurde er fast zwangsläufig auch Psychiater. 1945 hatte er in Wien sein Staatsexamen abgelegt und kam mit seiner Doktorarbeit im Koffer nach Leipzig. Er konnte die Arbeit über maligne Strumen dort einreichen und bei einem Hinweis auf Lücken im Literaturverzeichnis antwortet Carrière, dies sei wegen eines Bombentreffers in der Wiener Bibliothek leider unvermeidbar gewesen.

Dr. Bern Carrière
(Fotos: hps)

Bei der Ausbildung zum Facharzt wurde in den damaligen Anstalten „an der psychiatrischen Front gekämpft“ mit Insulin- und Elektroschocks. Psychopharmaka waren damals noch unbekannt. Sobald es möglich war, wurde Carrière Anhänger medikamentöser Therapie psychischer Erkrankungen mit „gezielter und genau dosierter Anwendung“. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass Bern Carrière häufig Hinweise der Prüforgane wegen der hohen Verschreibungskosten bekam. Er würde deshalb auch heute nicht mehr so gerne Vertragsarzt sein, da man absolut nicht machen könne, was einem für die Patienten wichtig erschiene.
Im enggassigen Bürgerquartier der Altstadt hatte Dr. Carrière eine Praxis ohne Chrom und Glas, natürlich mit einer Couch und einem hölzernen Schreibtisch, an dem er jetzt in seinem privaten Arbeitszimmer inmitten vieler Bücher über Vieles nachdenkt und schreibt, viel über die eigene Familiengeschichte. Hochmodern in der Praxis Carrière war das erste EEG eines in Lübeck niedergelassenen Arztes. Für mich war er als zuweisender Kollege und Patient ein Neurologe mit präzisen Diagnosen. Und auch seine Ehefrau, die Carrière beim Auszählen von Blutkörperchen kennen und lieben gelernt hatte, sah in ihm immer wieder den engagierten Neurologen.
Große Freude bereiteten Carrière die in der Ärztekammer zusammen mit Prof. Dr. Pribilla veranstalteten Ethik-Gespräche im Rahmen der Ausbildungsveranstaltungen für Ärztinnen und Ärzte im Praktikum. Eine Tätigkeit im Bereich der Kammer, die nicht mit Beschlüssen zu enden hatte, eine engagierte Diskussion mit jungen Kollegen besonders im Bereich der nicht (mehr) zu heilenden Krankheiten.
Bern Carrière leitete Veranstaltungen über Balintgruppen während der Norddeutschen Tagungen in Lübeck. Einmal in der Woche (oder öfter) ist der rüstige und rührige Rentner in der Strafvollzugsanstalt Lauerhof - unter „Insidern“ als streng bekannt - aber mit einer vorbildlichen medizinischen Ausstattung und einem breiten Resozialisierungsangebot. Viele Täter werden im Transitland Schleswig-Holstein als Schleuser, Schmuggler oder Kuriere gefasst. Da Carrière einen Teil seiner Kindheit und die ersten Schuljahre in Norwegen verbracht hatte, ist die Kommunikation mit Skandinaviern meist unproblematisch. Ein Merkmal dieser Tätigkeit hinter Gittern ist die Unterscheidung zwischen einer Psychose oder einem Haftkoller. Und bei der Einleitung einer Resozialisierung ist es vor allem bei den Tätern schwierig, denen ihre kriminellen Handlungen einen Lustgewinn versprechen.
Wie so viele Psychiater ist der Kollege Carrière vielseitig intellektuell interessiert. Und er bedauert es sehr, dass der gesellschaftliche Kontakt und der nicht organisierte Erfahrungsaustausch zwischen den Kollegen heute sehr nachgelassen hat. Eine treffsichere Diagnose hier: „Die Kollegen haben durch die Flut der amtlichen Verordnungen nicht mehr genügend Freiraum.“

Dr. Heinz-Peter Sonntag, Niobestr. 9, 23570 Travemünde

Schleswig-Holsteinisches

Ärzteblatt 12/ 2001

S. 16 / 17