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Schleswig-Holstein
30. Norddeutsche Psychotherapietage in Lübeck
Sexualität und Gewalt


Sexualität und Gewalt war das wohl mehr auf eine breite Öffentlichkeit zielende Thema des traditionell „publice“ Montagabend der „Psychotherapiewoche“, die in diesem Jahr das Thema „Sexualität in unserer Zeit“ hatte. „Ausverkauft“ war die Aula der Oberschule zum Dom, doch wer Sensationelles erwartet hatte, wurde enttäuscht.
Prof. Dr. Wolfgang Berner, Leiter der Abteilung für Sexualforschung an der Hamburger Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, zeigte in seinem in charmantem österreichischen Dialekt gehaltenen Vortrag mehr sexuelle Verweigerung in Partnerschaften denn Gewalt. Verweigerung in seinen beispielhaften Fällen aus Angst vor der latenten Gewalt, den Gewaltfantasien.
Aus den Anamnesen der verbal vorgestellten Patienten lässt sich häufig eine liebe Mutter und ein strenger Vater explorieren. „Gewalt muss fortlaufend Gewalt erzeugen.“ - „Später werde ich den Triumph erleben“.
Diskussionspodium: Prof. Dr. Christian Reimer (li.) und Prof. Dr. Wolfgang Berner (re.) (Foto: hps)

Man kann von einem Nicht-Fachmann als Berichterstatter nicht erwarten, dass er den mit vielen Hinweisen und Zitaten gespickten Vortrag in aller Breite wiedergibt. Es fiel ihm, dem Berichterstatter aber auf, dass Prof. Berner den alten Graben zwischen der reinen Psychotherapie und der medikamentösen Therapie zuzuschütten versuchte. Ein Mangel von Serotonin und ein Überschuss von Testosteron lassen sich bei diesen Erkrankungen feststellen. Und so redete Berner der kombinierten Therapie das Wort. Und er wies darauf hin, dass in allen diesen Fällen die Zeit dränge.
Prof. Dr. Christian Reimer aus Gießen moderierte die Diskussion. Auf Nachfragen wurde gewarnt vor von Therapeuten suggerierter Erinnerung („false memory syndrom“). Sehr späte Erinnerungen an Missbrauch sind meistens auszuschließen.
Wie sieht das Umfeld von missbrauchten Kindern aus? Meistens, wie man es sich vorstellt: Verwahrlosung und Schmutz. Doch in allen Schichten findet man den Missbrauch, in einem zu freien Umfeld (ständig offene Türen) ohne Rückzugsmöglichkeit, in einem ständig erotisierten Bereich.
Nur 5 % der Straftäter in diesem Bereich müssen nach Prof. Berner sicherheitsverwahrt werden. Und er forderte, eine eventuelle Sicherheitsverwahrung schon im Urteil anzukündigen, damit man in der Therapie während der Haft eine Handhabe habe.
Letztlich hatte Prof. Wolfgang Berner persönlich weniger Angst vor einem irgendwo gespeicherten genetischen Fingerabdruck als vor der Angabe der Konfession im Pass, wie zurzeit in Griechenland noch üblich. (hps)

Schleswig-Holsteinisches

Ärzteblatt 12/ 2001

S. 14