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Palliativmedizin
fördern
Ein vorrangiges Arbeitsziel der Ärztekammer Schleswig-Holstein
Ingemar Nordlund
Sinn und Notwendigkeit einer strukturierten Palliativmedizin sind seit
Jahren unumstritten. Vielfältige Initiativen und Modellprojekte vorwiegend
auf regionaler Ebene sind Ausdruck eines regen Interesses auch innerhalb
der Ärzteschaft. Die wesentliche Pionierarbeit bei der Entwicklung
konsentierter Konzepte hat dabei die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin
(DGP) in Übereinstimmung und Zusammenarbeit mit den befassten Referaten
bei der Bundesärztekammer geleistet. Ergebnis ist ein Weiterbildungskonzept
in curricularer Form mit einem 40-stündigen Basiscurriculum und weiteren
darauf aufbauenden modularen Einheiten.
Als erste Ärztekammer im Bundesgebiet hat die Fort- und Weiterbildungsakademie
der Ärztekammer Schleswig-Holstein dieses Basiscurriculum in das
Programm für 2002 aufgenommen.
Wir verstehen dieses Angebot auch als einen wichtigen Beitrag zu der Debatte
über aktive Sterbehilfe. Die gesamte Diskussion um die Begleitung
von schwerstkranken und sterbenden Menschen macht deutlich, dass auch
unsere Rolle als Arzt überdacht werden muss.
Dies hat verschiedene Gründe. Einer ist sicher die Veränderung
der Bevölkerungsstruktur.
Dies wird deutlich in der graphischen Darstellung der so genannten Bevölkerungspyramide,
ein Begriff, der fast nur noch historisch ableitbar ist. Heute gleicht
sie eher schon einem Tannenbaum mit einem weiteren Ausbau der Gipfelposition
in der Prognose für 2050 (Grafik nächste Seite).
Diese neue Altersstruktur bedeutet, dass ein größerer Anteil
der Bevölkerung näher vor seinem eigenen unausweichlichen Tod
steht, wobei die Hoffnung auf ein langes Leben mehr und mehr zu einer
selbstverständlichen Erwartung geworden ist.
Für uns Ärzte bedeutet dies, dass unser Standpunkt, Leben zu
retten um jeden Preis, nicht mehr die einzig mögliche Haltung ist.
Mit den Möglichkeiten der modernen Medizin, immer mehr leisten zu
können, müssen wir uns immer häufiger fragen, was aus dem
Blickwinkel des Patienten sinnvoll ist.
Die Fähigkeit, ethische Fragestellungen bearbeiten und verarbeiten
zu können, wird immer öfter nachgefragt.
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| Grafik: Statistisches
Bundesamt, Juli 2000 |
Andererseits glauben
wir aber nicht, dass Palliativmedizin schlicht als Alternative zur aktiven
Sterbehilfe verstanden werden kann. Die Frage ist zu vielfältig und
komplex.
Die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin hat als Reaktion auf
die Gesetzesveränderung in den Niederlanden eine Stellungnahme in
Bezug zur aktiven Sterbehilfe formuliert. Zitat: Die Aufgabe von
Ärzten ist die Vorbeugung, Heilung und Linderung von Krankheiten.
Darauf müssen sich kranke, alte und gebrechliche Menschen jederzeit
verlassen können! Die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin
setzt sich mit aller Entschiedenheit für verbesserte Rahmenbedingungen
im Gesundheitswesen ein, die dazu beitragen können, dass der Wunsch
nach aktiver Sterbehilfe sehr viel seltener empfunden wird als häufig
behauptet. ... Ängste und andere seelische Nöte werden angesichts
des bevorstehenden Todes gerade von Schwerstkranken und Sterbenden häufig
geäußert, sollten jedoch weder zum Wegschauen noch zu zweifelhaften
Tötungsangeboten, sondern vielmehr zur hilfreichen Auseinandersetzung
mit ihnen führen. ... Statt aktiver Sterbehilfe sind deshalb regelmäßige
und verpflichtende Aus-, Fort- und Weiterbildungsangebote in Palliativmedizin
für alle betroffenen Berufsgruppen sowie bessere Versorgungsstrukturen
für schwerstkranke und sterbende Menschen zu fordern.
In Deutschland gab es 1999 12 Palliativ- und Hospizbetten/1 Mio. Einwohner.
Die entsprechende Zahl für Schleswig-Holstein ist 11,6. Es gibt heute
in Schleswig-Holstein Palliativstationen in Kiel, Neumünster, Flensburg
und Eutin und Hospize in Rendsburg und Lübeck. Außerdem gibt
es 38 meist ehrenamtlich organisierte ambulante Hospizinitiativen.
Vertreter dieser verschiedenen Einrichtungen haben vor einigen Jahren
den Arbeitskreis Palliativmedizin für Schleswig-Holstein
gegründet.
Das vorliegende Programm wurde auf der Basis des bundeseinheitlichen Curriculums
in enger Zusammenarbeit mit diesem Arbeitskreis entwickelt.
Basis für die gemeinsame Planung dieses Kurses ist folgendes Grundverständnis
der Palliativmedizin, das in sechs Forderungen zusammenzufassen ist.
Die Palliativmedizin soll:
- Leben bekräftigen,
aber den Tod als unausweichlich akzeptieren.
- Den Tod weder beschleunigen
noch verzögern.
- Patienten die Behandlung
von Schmerzen und anderen quälenden Symptomen anbieten.
- Psychologische,
soziale und spirituelle Aspekte der Behandlung so integrieren, dass
es dem Patienten möglich wird, den bevorstehenden Tod konstruktiv
zu verarbeiten.
- Durch strukturierte
Behandlung und Pflege dem Patienten bis zu seinem Tod ein aktives und
kreatives Leben ermöglichen.
- Beistand anbieten,
der Familien hilft, die Krankheit und den unausweichlichen Verlust des
Angehörigen zu verarbeiten.
Wenn wir diese Forderungen
in unsere Arbeit umsetzen können, muss der Tod des Patienten nicht
immer als Misserfolg erlebt werden. Eine palliativmedizinische Behandlung
kann dann erfolgreich sein, wenn der Patient gut symptomgelindert gestorben
ist, und die Angehörigen konstruktiv mit ihrer Trauerarbeit umgehen.
Dies fordert eine Neuorientierung von uns Ärzten, die u. a. durch
den geplanten Kursus initiiert und ermöglicht werden soll.
Die Ziele des Kurses können wie folgt formuliert werden:
- Vermittlung von
Grundlagenwissen in der Palliativmedizin.
- Vermittlung von
Grundlagenwissen in Tumorschmerztherapie und Symptomkontrolle.
- Eine Auseinandersetzung
mit Trauer.
- Erkennen der Wichtigkeit
eigener Reflektion.
- Kommunikationsmuster
erkennen und auf hilfreiches Verhalten überprüfen.
- Erkennen der Wichtigkeit
ethischer Fragestellungen.
Einzelheiten zu diesem
Kurs entnehmen Sie bitte dem Programmhinweis der Akademie.
Ingemar Nordlund,
Leiter des Katharinen-Hospizes Am Park,
Mühlenstr. 1,
24937 Flensburg
und
Dr. Franz-Joseph Bartmann,
Ärztekammer Schleswig-Holstein,
Bismarckallee 8 - 12,
23795 Bad Segeberg
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 12/ 2001
S. 12 / 13
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