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Abgeordnetenversammlung
der KVSH
Kein Basar
im Norden!
Heinz-Peter Sonntag
Nachdem die Politik und die Medien sich intensiv mit dem Vorderen Orient
befassen, schleichen sich auch orientalische Begriffe in den deutschen
Sprachgebrauch. Insbesondere bei den Verhandlungen zwischen Gesundheitsministerium,
Leistungserbringern, Kostenträgern und letztlich dem Bundeskanzler
fällt immer wieder das Wort Basar*). Und über diesen
Basar berichtete der 1. Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung
Schleswig-Holstein (KVSH), Dr. Klaus Bittmann aus Plön, in seinem
Bericht zur Lage auf der Abgeordnetenversammlung am 14.11.2001. Nicht
weniger als 6 000 bürokratische Verordnungen sind seit den 70er Jahren
zum Sozialgesetzbuch erlassen worden. Die jetzige Bundesgesundheitsministerin
Ulla Schmidt ist angetreten, um Ruhe zu schaffen. Vor uns,
so Bittmann, liegt ein neues Debakel ... Dieser Staat wird zum Basar
der Gesundheitsgüter unter dem Motto Rette sich, wer kann
... Die einzige stabile und gleichzeitig steuernde Funktion der ärztlichen
Selbstverwaltung ... soll weiterhin ausgeschaltet werden. Und gegen diese
Ausschaltung will und wird sich die KV vehement wehren. Die Möglichkeiten
wurden von Dr. Bittmann angerissen.
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| Im Gespräch:
Dr. phil. Bodo Kosanke (Mitte) und Robert Quentin (re., Pressesprecher
der KV) |
Ein Schlüsselkapitel
im Berliner Basar ist der Risikostrukturausgleich, wobei die Prüfdienste
festgestellt haben, dass bei der Erfassung von Versichertenstatus und
Versichertenrisiko eine Fehlerquote von 20 % festzustellen sei. Teure
Fälle sollen finanziert werden, bei Kosten über 40 000 DM erhalten
anfordernde Kassen 60 % der Überschreitung des Schwellenwertes. Zusätzlich
werden Programme für chronische Erkrankungen aufgelegt, bekannt als
Disease Management Programme (DMP). Ein unkalkulierbares und folgenschweres
Unterfangen. Ein neuer Basar ist eröffnet! Unter dem Deckmantel
verbesserter medizinischer Versorgung der Patienten ist der Wettstreit
um die Töpfe eröffnet. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung
(KBV), so Bittmann weiter, sei zwar überrascht und dann stolz, dass
die Ärzteschaft über den Koordinierungsausschuss die Anforderungsprofile
für die DMPs mitbestimmen darf, aber Umsetzung und strukturelle Begleitung
seien auf Landes-ebene nicht vorgesehen. Unter dem wohl alleinigen Diktat
der Krankenkassen werden schätzungsweise 60 % des Gesamthonorars
der niedergelassenen Ärzte für chronisch Kranke aufgewandt.
Einen Vorgeschmack völlig unberechtigter Krankenkassen-Selbstherrlichkeit
bekommen die schleswig-holsteinischen Vertragsärzte durch die Reaktion
auf die derzeitige Ermächtigungspraxis des Niederlassungsausschusses.
Die persönliche Leistungserbringung mit der Begrenzung auf das Notwendige
als Anforderung an die Klinikambulanzen hat reichlich Unruhe geschaffen.
Die KVSH verlangt Qualitäts-, Abrechnungs- und Wirtschaftlichkeitsprüfungen
wie für alle sonstigen ambulanten Leistungen. Dies wird womöglich
umgangen durch die Zusage der Krankenkassen, ambulante Klinikleistungen
direkt zu bezahlen und später der KV in Rechnung zu stellen. Dieses,
obwohl die KVSH mit den meisten Klinikkollegen inzwischen einen Konsens
gefunden hat.
Die Budgetierung war ohne den erwarteten Erfolg und auch verfassungsrechtlich
fragwürdig. Am 19.10.2001 wurde in erster Lesung das ABHG,
das Arzneimittelausgabenbegrenzungsgesetz, vom Bundestag auf den Weg gebracht.
Haftungen sind dabei keineswegs abgeschafft. Jetzt wirkt die Individualhaftung
in der Wirtschaftlichkeit und bei der fachgruppenspezifischen Richtwertvereinbarung.
Eine Verweigerung von Seiten der KV ist nicht aufrecht zu erhalten nach
dem Gesetz und den zunehmend validen Daten der Krankenkassen seit Anfang
dieses Jahres.
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Dr. Jürgen
Schmidt
(Fotos: hps) |
Weiterhin auf dem
Basar: Die Ablassstaktik der Pharmaindustrie. Reichen 300
Mio. DM um sich von Preissenkungen und Haftung freizukaufen? Und auf diesem
Basar wird auch aut idem gehandelt, das von Dr. Bittmann locker
als irgendwas übersetzt wird. Poker über Naturalrabatte
oder Prozente hat nach Meinung des 1. Vorsitzenden der KVSH mit seriöser
Politik nichts zu tun: Basar!
Seit langem und immer wieder fordern die KV-Abgeordneten in Schleswig-Holstein:
Keine neue Leistung ohne das entsprechende Geld außerhalb
des Budgets. In diesem Zusammenhang machte Klaus Bittmann der KBV
den Vorwurf, politisch nur auf Apeasement abzuzielen. Wenn ... sinnvolle
Leistungen nicht bezahlt werden oder mit Preisdumping, so haben wir die
Pflicht, öffentlichkeitswirksam die Bevölkerung über das
Verhalten der jeweiligen Kassen zu informieren.
Angeregt durch einen sehr fundierten Diskussionsbeitrag des Abgeordneten
Dr. Jürgen Schmidt aus Ahrensburg wurde von mehreren Abgeordneten
Kritik an der immer wieder laut werdenden kritischen Haltung der KVSH
gegen die KBV geäußert. Faktum ist aber, so Schmidt, dass die
im SGB V unglücklich subsumierten Gesetze einzuhalten sind. Die Speerspitzen
müssen sich deshalb gegen die Politik richten.
Traditionsgemäß wird im November auch bei der KV der Haushalt
des vorvergangenen Jahres verabschiedet und die Haushaltspläne des
kommenden Jahres zur Diskussion gestellt. Das war kein Basar! Das sachlich
und zügig vom Hauptgeschäftsführer Dr. phil. Bodo Kosanke
vorgetragene Zahlenwerk wurde zum Teil einstimmig, zum Teil mit einigen
wenigen Gegenstimmen oder Enthaltungen genehmigt. Auch die Umstellung
der Regelwerke auf Euro fand nur eine Enthaltung!
Dr.
Heinz-Peter Sonntag, Niobestr. 9, 23570 Travemünde
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 12/ 2001
S. 7 / 8
*) Das Wort Basar
kommt aus dem persisch/französischen Sprachschatz und besagt neben
dem orientalischen Markt laut Duden auch einen Verkauf zu wohltätigen
Zwecken!
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