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Medizin und Wissenschaft

Newsletter des rehabilitationswissenschaftlichen Arbeitskreises Schleswig-Holstein
Neuere Ergebnisse zur Wirksamkeit von Stressbewältigungstrainings

Oskar Mittag

Seit der Begriff „Stress“ vor mehr als 40 Jahren in die Medizin eingeführt wurde, hat das Stresskonzept eine gewaltige Popularität erlangt. Kaum eine Vorstellung ist so fest in den Köpfen von Patienten verankert wie der Zusammenhang zwischen Stress und Krankheit. Dies gilt in besonderem Maße für die Laienätiologie der koronaren Herzerkrankung. Auch wenn das Stresskonzept dabei oft bis zur Sinnlosigkeit ausgeweitet wird, indem nämlich alles, was in irgendeiner Weise aufregt, als Stress bezeichnet wird, gelten chronische Stressbelastungen heute aber tatsächlich als (koronares) Risikomerkmal.
Es gibt inzwischen auch eine ganze Reihe von Studien, die belegen, dass ein systematisches Training zur Erhöhung der Stressbewältigungskompetenz das Gesundheitsrisiko senken kann. Untersucht wurden dabei u. a. die Langzeiteffekte bezüglich der (koronaren) Morbidität und Mortalität sowie Blutdrucksenkung, Stresserleben, körperliche Beschwerden und die psychische Befindlichkeit (Ängstlichkeit, Depressivität).
Von Linden, Stossel und Maurice liegt jetzt eine neuere Arbeit vor, in der die AutorInnen eine Metaanalyse von insgesamt 23 randomisierten Studien mit zusammen über 2 000 Versuchspersonen vornahmen. Eingeschlossen wurden randomisierte, kontrollierte Studien an PatientInnen mit nachgewiesener koronarer Herzerkrankung, die mindestens eine Behandlungsgruppe hatten, in der zusätzlich zu der „usual-care“ auch psychosoziale Interventionen eingesetzt wurden.
Die psychosozialen Interventionen beinhalteten typischerweise eine Verbindung von Entspannungstraining und einem kognitiv-behavioralen Stressbewältigungstraining. Als Erfolgskriterien wurden sowohl „weiche“ Indikatoren (Risikofaktoren) wie Stresserleben, Blutdruck, Pulsfrequenz und Cholesterinspiegel als auch die „harten“ Kriterien der Morbidität und Mortalität genommen.
Während sich in den Kontrollgruppen kaum Veränderungen hinsichtlich der „weichen“ Kriterien ergaben, zeigte sich in den Behandlungsgruppen eine statistisch hochsignifikante Reduktion von subjektiv erlebtem Stress sowie eine jeweils signifikante Abnahme von Pulsfrequenz, Cholesterin und systolischen Blutdruck- werten. Bezüglich der „harten“ Kriterien zeigte sich in einem Beobachtungszeitraum von bis zu zwei Jahren in den Experimentalgruppen eine statischtisch hochsignifikant geringere Morbitdität (Vorkommen von nicht-tödlichen Myokardinfarkten) und kardiale Mortalität; bei einem Beobachtungszeitraum von mehr als zwei Jahren war nur die Mortalität in den Experimentalgruppen signifikant geringer, nicht jedoch die Morbidität. Die Ergebnisse zeigen außerdem einen „Dosis-Wirkungs-Effekt“, d. h. Programme, die über einen längeren Zeitraum liefen, „intensiver“ angelegt und anhand individueller Ziele „maßgeschneidert“ waren, führten zu größeren Effekten.
Diese Metaanalyse zeigt sehr überzeugend, dass Maßnahmen zur Erhöhung der Stressbewältigungskompetenz zum Standardprogramm der Rehabilitation von Koronarpatienten gehören. Auch die Autoren der Studie kommen (für die USA!) zu diesem Schluss und sie rechnen überzeugend vor, dass die Kosten für derartige Maßnahmen im Verhältnis zum Nutzen äußerst gering sind, eine Überlegung, die heute notwendiger denn je erscheint.
Informationen über den Arbeitskreis Reha:

Dr. Ruth Deck, Institut für Sozialmedizin des UKL, Beckergrube 43 - 47, 23552 Lübeck

Schleswig-Holsteinisches

Ärzteblatt 11/ 2001

S. 58