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Gefahr erkannt, Gefahr
gebannt
Zwei Jahre Marfan-Ambulanz der Uni Kiel
Tim Rausche, Friedrich Schröder, Gunhild Herrmann,
Hermann Alexander, Markus Lins und Rüdiger Simon
Am Universitätsklinikum
Kiel gibt es in der Klinik für Kardiologie seit ca. 2 Jahren eine
Marfan-Sprechstunde nach dem Vorbild des Universitätskrankenhauses
Hamburg-Eppendorf (UKE) in der Patienten mit der Verdachtsdiagnose eines
Marfan-Syndroms und verwandter Bindegewebs-
erkrankungen in Zusammenarbeit mit der Klinik für Ophthalmologie,
der Klinik für Orthopädie, der Klinik für Radiologische
Diagnostik, der Klinik für Herz- und Gefäßchirurgie und
dem Institut für Humangenetik, in der Regel nach Überweisung
durch ihre Hausärzte, eingehend untersucht werden.
Des Weiteren betreut diese ambulante Einrichtung bereits diagnostizierte
Patienten prä- und post-
operativ, vermittelt den Kontakt zur Marfan-Hilfe Deutschland e.
V. und steht den Patienten jederzeit für Fragen des täglichen
Lebens zur Verfügung.
Im Folgenden soll ein Überblick über diese oft verkannte Erkrankung,
ihre Diagnostik und Therapie sowie über die Arbeit der Marfan-Ambulanz
gegeben werden.
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Der französische Pädiater
Antoine-Bernard Marfan
(1858 - 1942) (Foto: Internet) |
Das Marfan-Syndrom (benannt
nach dem Erstbeschreiber, dem französischen Pädiater Antoine-Bernard
Marfan, 1858 - 1942) ist eine Erkrankung des Bindegewebes mit abnormen
Veränderungen von ca. 11 nm großen Mikrofibrillen aufgrund
einer autosomal dominant vererbten Mutation im Fibrillin-1 Gen. Bisher
konnten etwa 80 verschiedene Mutationen dieses Gens, welches auf dem Chromosom
15q lokalisiert ist, identifiziert werden.
Diese Mikrofibrillen sind ein Grundgerüst elastischer Fasern in verschiedenen
Organsystemen, so dass es bei Patienten mit entsprechenden Mutationen
zu einer gleichzeitigen Erkrankung von Muskel- und Skellettsystem, der
Augen, der Lunge, der Nervenhüllen und insbesondere des kardiovaskulären
Systems kommen kann.
Die Inzidenz des Marfan-Syndroms liegt heute bei 1 : 10 000, weist keine
rassen- oder geschlechtsspezifischen Unterschiede auf und bringt bei erwachsenen
Patienten mit unbehandeltem Syndrom aufgrund kardiovaskulärer Ereignisse
wie etwa einer Aortendis-sektion oder -ruptur eine Lebenserwartung von
32 Jahren mit sich.
Diagnostik
Das Marfan-Syndrom wird klinisch diagnostiziert, wobei es dazu nach der
Genter Nosologie von 1996 zur Diagnosestellung zweier Hauptkriterien aus
zwei unterschiedlichen Organsystemen und einer zusätzlichen Beteiligung
eines dritten Organsystems bedarf.
Die häufigsten phänotypischen Ausprägungen sind Hochwuchs
mit einem Armspannweite-Körpergröße-Verhältnis von
> 1,0, Arachnodaktylie, Überstreckbarkeit aller Gelenke, lumbosakrale
Duraektasie, Trichterbrust, Emphysemblasen der Lunge, gotischer Gaumen,
Striae atrophicae und eine ausgeprägte Varicosis, Mitralklappenprolaps
sowie Dilatation der Aorta ascendens mit Aortenklappeninsuffizienz und
nachfolgender Dissektion.
Die Arbeitsgruppe um v. Kodolitsch aus Hamburg hat bereits 1998 eine ausführliche
Darstellung der Diagnosekriterien publiziert.
Vom Marfan-Syndrom abzugrenzen sind Einzelorganmanifestationen, wie z.
B. das familiäre Aortenaneurysma oder der familiäre
Mitralklappenprolaps, bei denen auch bereits Mutationen im Fibrillin
Gen nachgewiesen werden konnten.
Das Vorliegen einer nachgewiesenen Mutation kann unter bestimmten Voraussetzungen
als Hauptkriterium zur Diagnosestellung herangezogen werden, jedoch schließt
ein negativer molekulargenetischer Nachweis das Vorliegen eines Marfan-Syndroms
nicht aus.
Bei vielen Patienten erfolgt die Diagnose eines Marfan-Syndroms erst bei
der Manifestation einer Aortendissektion mit entsprechenden Mortalitätsraten
und Risiken bei dem Versuch der operativen Sanierung.
Ziel muss deshalb eine frühzeitige Diagnosestellung sein.
Therapie
Eine causale Therapie gibt es derzeit nicht, die therapeutischen Optionen
bestehen in einer Einschränkung der sportlichen und allgemeinen körperlichen
Aktivität zur Schonung der aortalen Gefäßwand, einer adäquaten
antibiotischen Prophylaxe bei Verletzungen oder Operationen, einem operativen
Ersatz von Aorta und Aortenklappe sowie der Mitralklappe bei Schlussunfähigkeit,
der prophylaktischen Gabe eines ß-Blockers zur Verzögerung
der Aortenwurzeldilatation sowie der operativen Korrektur einer orthopädischen
Deformität.
Nach v. Kodolitsch et al. ist der wichtigste Entscheidungsparameter zum
Aortenersatz bei nachgewiesenem Marfan-Syndrom ein Aortenwurzeldurchmesser
von 5 - 6 cm oder eine Zunahme des Aortendurchmessers um mehr als 5 %
pro Jahr. Desgleichen sollte bei einem Aortenwurzeldurch-
messer von 5 - 5,5 cm vor anderweitigen Operationen oder vor Schwangerschaften
eine Sanierung des Gefäßes erfolgen.
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| Arachnodaktylie mit Überstreckbarkeit
der Gelenke (Foto: Marfan-Hilfe Deutschland e. V.) |
Eine Dissektion vom Typ-A (Aortenwurzel
und Aorta ascendens) ist Grund für eine sofortige Intervention, während
bei einer Typ-B Dissektion (distal der linken A. subclavia) eine abwartende
Haltung mit antihypertensiver Therapie eingenommen werden kann. Bei Kindern
sollte möglichst lange mit einem Ersatz gewartet werden, um eine
möglichst große Prothese implantieren zu können.
Die häufigste Methode ist zzt. die Operation nach Bentall mittels
eines Composite-Ersatzes (klappentragende Gefäßprothese) und
Reinsertion der Koronararterien. Als Alternative kann die Methode nach
David oder Yacoub angewendet werden, bei der die erhaltene Aortenklappe
in die Gefäßprothese eingenäht wird. Vorteil ist hier
der Verzicht auf eine Antikoagulation.
Ein Mitralvitium sollte bei Relevanz zeitgleich saniert werden, wobei
sich hier unter bestimmten Voraussetzungen neben einem Ersatz auch eine
Raffung anbietet.
Die Frühletalität nach elektivem Eingriff liegt bei 1 %, die
5-Jahresüberlebensrate zwischen 71 - 88 %.
Patienten mit einem Fibrillindefekt müssen sich jedoch häufiger
einem Zweiteingriff unterziehen, als Patienten mit lediglich hypertoniebedingten
Veränderungen der Aorta.
Während bei nicht voroperierten oder nicht an einem Klappenvitium
erkrankten Marfan-Patienten eine orale Antibiotikaprophylaxe ausreicht,
sollte bei Vitium und Klappenersatz bei Operationen, Zahnbehandlungen
und Infektionen immer eine intravenöse Abschirmung erfolgen.
Der Einsatz von ß-Blockern zur Verhinderung der Aortenwurzeldilatation
ist umstritten, da bisher nur in einer einzigen Studie ein Vorteil dieser
Therapie gegenüber einem unbehandelten Kollektiv nachgewiesen werden
konnte. Einige andere Studien konnten diese Ergebnisse nicht bestätigen,
bzw. lediglich einen Effekt bei initial geringem Aortendurchmesser zeigen.
Aufgrund o. g. Hinweise scheint es sich jedoch anzubieten, Patienten mit
erweiterter Aorta und dem Bedarf an einer antihypertensiven Therapie mit
einem ß-Blocker zu behandeln.
Taktisches Vorgehen
Jeder Patient mit dem Verdacht auf ein Marfan-Syndrom sollte in einem
kardiologisch oder kardiochirurgisch orientierten Zentrum vorgestellt
und im Bestätigungsfall weiter betreut werden, da eine adäquate
Verlaufsbeobachtung mit rechtzeitiger Indikationsstellung zum Aortenersatz
den Patienten eine fast normale Lebenserwartung bescheren kann.
Asymptomatische Marfan-Patienten mit einem Aortendurchmesser unter 4,5
cm werden in Kiel jährlich mittels eines CT oder MRT bzw. einer transösophagealen
Echokardiographie (TEE) kontrolliert.
Symptomatische Patientinnen oder Patienten, welche die vorgenannten beschriebenen
Operationsindikationen erfüllen, werden der Klinik für Herz-
und Gefäßchirurgie vorgestellt und im Verlauf operativ saniert.
Kieler Patienten
Seit August 1999 stellten sich insgesamt 22 Patienten in der Marfan-Sprechstunde
vor.
Zumeist handelte es sich um Patienten, deren Hausärzte aufgrund bestimmter
Körpermerkmale ein Marfan-Syndrom vermuteten. Bei fünf Patienten
konnte ein Marfan-Syndrom sicher ausgeschlossen werden. Bei zwei Patienten
muss zum sicheren Ausschluss eine erneute Vorstellung nach zwei Jahren
erfolgen. Hier liegen zwar zwei Hauptkriterien vor, die Betroffenen erfüllen
jedoch nicht die Gesamtkriterien nach der Genter-Nosologie.
Bei einer Patientin mit bekanntem Ehlers-Danlos Syndrom Typ 4 stellte
sich die Frage nach einer Überlappung der Krankheitsbilder. Hier
konnte keine Beteiligung des kardiovaskulären Systems dokumentiert
werden. Eine Kombination dieser Erkrankungen taucht in der Literatur bisher
nicht auf.
Ein Patient befindet sich in jährlicher Kontrolle, da sein Bruder
an einer Spontandissektion der Aorta verstarb und auch bei ihm eine erweiterte
Aorta nachzuweisen ist. Keiner der beiden Patienten weist jedoch andere
marfantypische Veränderungen auf. Hierbei könnte es sich um
ein sog. familiäres Aortenaneurysma handeln, da in der histologischen
Aufarbeitung ein Mangel an Fibrinfasern in der rupturierten Aorta nachgewiesen
werden konnte.
Mit gesichertem Marfan-Syndrom werden regelmäßig 15 Patienten
(10 Frauen und 5 Männer) in der Kieler Ambulanz betreut.
In den zwei Jahren des Bestehens der Sprechstunde konnte bei insgesamt
sechs Patienten die Erstdiagnose eines Marfan-Syndroms gestellt werden.
Bei zwei dieser Patienten führte die Erstuntersuchung aufgrund einer
schweren Aortenklappeninsuffizienz in einem Fall bzw. einer sehr weiten
Aorta mit Beschwerdesymptomatik im anderen Fall zur raschen operativen
Versorgung.
Neun Patienten mit bereits vordiagnostiziertem Syndrom befinden sich in
regelmäßiger Kontrolle, davon sechs postoperativ.
Vier dieser operierten Patienten erhielten eine Bentall-OP, ein Patient
wurde mit der Methode nach David versorgt, eine Patientin erhielt eine
Y-Prothese bei infrarenalem Aneurysma.
Insgesamt kam es bei vier Patienten zu einer Re-OP, wobei bei einem Patienten
ein erneuter Ersatz der Aorta ascendens mit Klappenersatz notwendig war.
Die anderen erhielten einen Ersatz der Aorta descendens.
Bei einer dieser Patientinnen kam es postoperativ zu einer Subarachnoidalblutung
unter der Einnahme von Marcumar.
Diese Patienten zeigen, wie wichtig eine regelmäßige Kontrolle
auch nach einer Operation ist.
Postoperativ und bei Risikokonstellationen scheint zunächst eine
halbjährliche (in Kiel bei fünf Patienten) Kontrolle angezeigt.
Bei Befundkonstanz kann dieses Intervall dann auf jährliche Kontrollen
mittels Echokardiographie (transthorakal und transösophageal) und
CT/ MRT Untersuchung (bei Bauchaortenbeteiligung mittels Sonographie)
ausgedehnt werden.
Bei einer initialen MRT/CT Untersuchung sollte nicht nur der Thorax, sondern
auch das Abdomen dargestellt werden, da hier nicht nur die nicht behandlungsbedürftige,
jedoch sehr eindrucksvolle und für die Diagnose hilfreiche caudale
Duraektasie dargestellt werden kann, sondern auch die wesentlich seltenere
Erweiterung der Bauchaorta dokumentiert oder ausgeschlossen werden sollte.
Bei der Beratung der Patienten erfolgt der Hinweis darauf, dass das Risiko
einer Vererbung bei 50 % liegt, unabhängig vom Geschlecht des Kindes.
So werden auch in Kiel mehrere Mitglieder zweier sog. Marfan-Familien
betreut.
Abschließend bleibt die Feststellung, dass eine adäquate Therapie
und rechtzeitige Indikationsstellung zur operativen Sanierung der Aortenproblematik
den betroffenen Patienten ein nahezu normales Berufs- und Familienleben
ermöglicht, sowie die Lebenserwartung erheblich steigern kann.
Literatur bei den Verfassern.
Dr. Tim Rausche, Dr. Friedrich
Schröder, PD Dr. Gunhild Herrmann,
Dr. Hermann Alexander, Dr. Markus Lins, Prof. Dr. Rüdiger Simon,
Universitätsklinikum Kiel, Klinik für Kardiologie, Schittenhelmstr.
12, 24105 Kiel
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Kontaktadresse:
Marfan-Sprechstunde, Klinik für Kardiologie des UK Kiel, Schittenhelmstraße
12, 24105 Kiel;
Marfan-Hilfe Deutschland e. V., Schleswig-Holstein und Hamburg,
Auestr. 15, 23701 Eutin
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 9 / 2001
S. 24 - 26
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