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Von der Molekülanalyse
zur klinischen Therapie
Heinz-Peter Sonntag
Warum werden wir krank? Warum lassen uns schleichende Abbauprozesse im
Alter langsamer denken, schneller vergessen, schlechter bewegen und leichter
ermüden? Warum sorgt eine Entzündung bei dem einen dafür,
dass ungebetene Eindringlinge wie Viren und Bakterien erfolgreich bekämpft
werden, bei dem anderen sie jedoch Auslöser sind für eine schwere,
mitunter lebensbedrohliche Erkrankung? Fragen, mit denen sich Wissenschaftler
und Kliniker der Medizinischen Universität Lübeck seit einigen
Jahren schwerpunktmäßig in einem Sonderforschungsbereich (SFB
367) beschäftigen.
Gemeinsam mit dem Forschungszentrum Borstel und der Rheumaklinik Bad Bramstedt
werden an verschiedenen MUL-Kliniken und -Instituten Krankheitsbilder
wie Osteoporose, Arthritis, Tuberkulose oder Arteriosklerose auf ihre
degenerativen und entzündlichen Ursachen untersucht. Besonderer Vorteil
dieser gelungenen Vernetzung: Der Weg aus den Forschungslabors an das
Krankenbett ist extrem kurz; die Patienten profitieren unmittelbar von
den in der Region gewonnenen Erkenntnissen.
Der Mikrobiologe Prof. Dr. Matthias Maaß beschäftigt sich mit
der Frage, ob und inwieweit die Arteriosklerose - ein wesentlicher Grund
für die Entstehung eines Herzinfarktes - durch das Bakterium pneumonia
entsteht oder fortschreitet. Wenn das so wäre, könnte man möglicherweise
den Herzinfarkt durch vorbeugende Antibiotikagabe verhindern.
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| Herrenhaus am Forschungszentrum Borstel
(Foto: Internet) |
Auch die Entschlüsselung
der Blutvergiftung (Sepsis) bzw. des septischen Schocks ist ein weiterer
Forschungsschwerpunkt. Eine Sepsis ist die häufigste Todesursache
auf operativen Intensivstationen. Noch kann man den Betroffenen kaum helfen:
Antibiotika, künstliche Beatmung, Stabilisierung des Kreislaufs und
- wenn der Sepsisherd ausgemacht werden konnte - eine möglichst rasche
chirurgische Beseitigung der Entzündungsursache sind nur bedingt
erfolgreich. Der Behandlungsansatz der Forscher in Borstel geht deshalb
weiter ins Detail: Die Wissenschaftler ergründen, was auf molekularer
Ebene im Verlauf einer Blutvergiftung passiert, um mit diesem Wissen geeignete
neue Behandlungsstrategien zu entwickeln.
Von besonderer Bedeutung ist hier das Endotoxin; ein Giftstoff, der von
Bakterien produziert wird. Bei gesunden Menschen wehrt sich das körpereigene
Immunsystem im Verlauf einer harmlosen Entzündung erfolgreich gegen
das Endotoxin. Bei einer Sepsis jedoch, bei der die Bakterien in großer
Zahl auf den Organismus einwirken, wird das Endotoxin zur tödlichen
Bedrohung.
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| Rheumaklinik Bad Bramstedt (Foto: Pressestelle) |
Den Forschern ist es nun gelungen,
die Strukturen des Endotoxins vollständig zu analysieren und entsprechende
Antikörper zu entwickeln. Mit der Gabe dieser Antikörper als
Medikament, so die Hoffnung der Wissenschaftler, lässt sich der lebensbedrohliche
Entzündungsprozess stoppen. Von einer Heilung der Sepsis ist man
noch weit entfernt, doch geht der in Borstel entwickelte Antikörper
jetzt in eine klinische Phase-1-Studie.
In der Suche nach molekularen, mikrobiologischen, immunologischen und
biochemischen Ursachen entzündlicher und degenerativer Erkankungen
wird auch der wissenschaftliche Nachwuchs einbezogen.
Seit vier Jahren besteht in Lübeck und Borstel das von Prof. Dr.
Wolfgang Jelkmann geleitete Graduiertenkolleg Strukturen und Mediatoren
der Zellinteraktion, das sich eng an diesen beschriebenen Sonderforschungsbereich
anlehnt.
Weitere Informationen:
Prof. Dr. Wolfgang Jelkmann,
Institut für Physiologie der MUL,
Tel. 0451/5004152, Fax 0451/500-4151,
E-Mail jelkmann@physio.mu-luebeck.de
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Dr. Heinz-Peter Sonntag,
Niobestr. 9, 23570 Lübeck
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 8/ 2001
S. 36 - 37
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