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Cox-2-Hemmer: Wie verträglich
sind sie eigentlich?
Tom Fjornes, Ekhard Heesemann
NSAR (Nicht-steroidale Antirheumatika) sind
bei rheumatischen Erkrankungen die häufigst verschriebenen Medikamente
(1). Die gastrointestinale Toxizität dieser Medikamente gehört
zu den häufigsten schwerwiegenden medikamenteninduzierten Nebenwirkungen
in den industrialisierten Ländern (2). Die Erwartungen waren groß,
als die selektiven NSAR, die so genannten Cox-2-Hemmer vor nicht langer
Zeit eingeführt wurden. Dieser Substanzgruppe wird nachgesagt, dass
sie die therapeutischen, aber nicht die unerwünschten Eigenschaften
der NSAR besitzen (3).
Die zugrunde liegende Theorie besagt, dass die klinischen Wirkungen der
NSAR vor allem durch die Hemmung des Enzyms Cyclooxygenase (Cox) im ersten
Schritt der Umwandlung von Arachidonsäure zu Prostaglandinen entstehen
(4). Cox kommt in zwei Isoformen vor: Cox-1 und Cox-2. Die Expression
von Cox-1, die konstitutiv im Rahmen von physiologischen Vorgängen
stattfindet, führt zur Bildung von Prostaglandinen in verschiedenen
Organen. Die im Gefäßendothel gebildeten Prostaglandine haben
antithrombogenetische und vasodilatierende Eigenschaften, die in der Mucosa
des Magens haben cytoprotektive, in den Nieren perfusionsfördernde
und in den Thrombozyten thrombozytenaggregations-
fördernde Eigenschaften. Die zweite Isoform, Cox-2, wird bei Entzündungsvorgängen
in verschiedenen Zellen (Makrophagen etc.) exprimiert und induziert die
Bildung von Proteasen, Cytokinen und anderen inflammatorischen Mediatoren
(4, 5). Prostaglandine, die für die Erhaltung der Schleimhautintegrität
im Gastrointestinaltrakt verantwortlich sind, werden also laut Theorie
durch Cox-1 gebildet und die bekannten toxischen Wirkungen am Gastrointestinaltrakt
werden folglich auf die Cox-1-Aktivität zurückgeführt (4).
Zwei Cox-2-Hemmer sind in Deutschland auf dem Markt: Rofecoxib (VIOXX)
und Celecoxib (Celebrex). Rofecoxib ist bisher ausschließlich zur
symptomatischen Schmerzlinderung bei Arthrose (6), Celecoxib zusätzlich
bei rheumatoider Arthritis zugelassen (7).
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| Dr. Tom Fjornes |
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Ekhard Heesemann
(Fotos: Privat) |
Gastrointestinale Nebenwirkungen
Wie bei den klassischen
NSAR, sind unter den Cox-2-Hemmern die Nebenwirkungen am Gastrointestinaltrakt
mit Abstand am häufigsten. Von den 1 120 Berichten über unerwünschte
Nebenwirkungen von Rofecoxib, die in einem Jahr beim britischen Committee
on Safety of Medicines (CSM) eingereicht wurden, betraf jeder zweite Bericht
den Magen-Darm-Trakt und in 12 % dieser Fälle handelte es sich um
gefährliche Komplikationen wie gastrointestinale Ulcera, Perforationen
oder Blutungen (PUB) (8).
Verschiedene Verträglichkeitsstudien sind bisher mit Rofecoxib durchgeführt
worden. In der VIGOR-Studie (VIOXX Gastrointestinal Outcomes Research)
wurden 8 076 Patienten mit rheumatoider Arthritis (in Deutschland keine
zugelassene Indikation) über 9 Monate entweder mit Rofecoxib 50 mg
pro Tag oder mit Naproxen 500 mg zwei mal täglich behandelt. Der
Behandlungseffekt beider Medikamente war vergleichbar. Rofecoxib halbiert
das Risiko gesicherter Komplikationen am oberen Gastrointestinaltrakt
(Perforation, Ulcus, Obstruktion und obere GI-Blutung) von 3 % auf 1,4
%. (9). Zwei Aspekte sind in diesem Zusammenhang wichtig. Erstens: Da
ausschließlich Hochdosierungen beider Medikamente untersucht wurden,
ist die Verwendung der Ergebnisse für Verträglichkeitsvergleiche
von therapeutischen Dosierungen problematisch (10). Zweitens: Die Verwendung
von NSAR-Maximaldosen über Monate ist mit den Regeln der klinischen
Praxis schwer in Einklang zu bringen. Hiernach wäre die niedrigste
effektive Dosis zu wählen. Da die Häufigkeit von gastrointestinalen
Ulzerationen von NSAR bekanntlich dosisabhängig ist, würde man
also bei adäquateren Dosen auch niedrigere Nebenwirkungsraten erwarten
(11).
In einer Auswertung von acht Studien der Phasen II und III treten jährlich
unter 12,5 mg bis 50 mg Rofecoxib bei 1,3 % der Patienten schwerwiegende
gastrointestinale Komplikationen (Perforation, symptomatisches Ulcus oder
Blutung) auf, im Vergleich zu 1,8 % der Patienten unter Diclofenac, Ibuprofen
und Nabumeton. Die Halbierung des Risikos pro 100 Patientenjahre unter
Rofecoxib war nicht signifikant (12, 13).
Weitere Vergleiche zwischen Rofecoxib und Ibuprofen sind veröffentlicht
worden. Eine randomisierte Doppelblind- und plazebokontrollierte Wirksamkeitsstudie
(n = 736) zeigte, dass Rofecoxib in der 12,5 mg- und 25 mg-Dosierung etwa
gleich häufig unerwünschte Wirkungen wie Ibuprofen 800 mg täglich
verursacht (6, 14).
Im Gegensatz hierzu war in einer anderen randomisierten Studie über
24 Wochen mit 742 Patienten, die wegen Arthrose mit Rofecoxib (25 oder
50 mg pro Tag), Ibuprofen (2 400 mg pro Tag) oder Plazebo behandelt wurden,
die Häufigkeit gastroduodenaler Ulzerationen in beiden Rofecoxibgruppen
deutlich niedriger als in der Ibuprofengruppe und vergleichbar mit der
Ulzerationsrate in der Plazebogruppe (2). Aus verschiedenen Gründen
(inadäquates Studiendesign; nachweisbares dosisabhängiges gastrointestinales
Nebenwirkungsprofil von Rofecoxib etc.) werden diese Studienergebnisse
in Bezug auf den Plazebovergleich von anderen Autoren angezweifelt. Außerdem
ist bei Arthrosepatienten, die bis vor kurzem NSAR eingenommen hatten,
der Vergleich von Ulcushäufigkeit unter Analgetika und Placebo äußerst
schwierig (15).
Die bisherige Datenlage spricht dafür, dass die PUB-Häufigkeit
unter Rofecoxib mindestens 1 % beträgt (27). In der Fachinformation
von VIOXX (Stand Januar 2001) wird - im krassen Gegensatz dazu - die Häufigkeit
von Magen-Darm-Perforationen, -Ulzerationen, Blutungen und Gastritis mit
0,01 bis 0,1 % und sehr selten angegeben, eine Größenordnung,
die freilich im Plazebobereich liegt. Der klinisch tätige Arzt, der
seiner Sorgfaltspflicht nachzukommen hat und für den das nil
nocere als Maxime gilt, darf aber in seiner therapeutischen Entscheidungsfindung
nicht von der niedrigst denkbaren Wahrscheinlichkeit der Behandlungskomplikationen
ausgehen. Im Bereich der Pharmakologie wäre es außerordentlich
dienlich, wenn die Medikamentenhersteller ihn in diesem Prozess unterstützen
würden.
Die gastrointestinale Verträglichkeit von Celecoxib wurde in der
so genannten CLASS-Studie (Celecoxib Long-term Arthritis Safety Study)
untersucht. 8 059 Patienten mit Arthrose oder rheumatoider Arthritis nahmen
für ein halbes Jahr entweder 800 mg Celecoxib, 2 400 mg Ibuprofen
oder 150 mg Diclofenac täglich ein (16). Bei kombinierter Auswertung
von Ulzerationen und Ulcuskomplikation ist das relative Risiko unter Celecoxib
verglichen mit Ibuprofen signifikant niedriger, verglichen mit Diclofenac
aber nicht. Aber: Wenn nur Ulcuskomplikationen berücksichtigt werden,
lässt sich im Vergleich zu den beiden anderen Medikamenten kein signifikanter
Unterschied feststellen. Bei den Patienten, die zusätzlich niedrigdosierte
ASS eingenommen hatten, konnte ein paradoxer Trend beobachtet
werden: Die Häufigkeit von Geschwüren alleine oder in Kombination
mit Ulcuskomplikationen war in der Ibuprofen-Gruppe niedriger als in der
Celecoxib- und Diclofenac-Gruppe (17).
Thromboembolische kardiovaskuläre
Ereignisse
In der VIGOR-Studie traten unter Rofecoxib Herzinfarkte viermal häufiger
auf als unter Naproxen (0,4 % vs. 0,1 %). Die Autoren erklären diese
Tatsache damit, dass einige Teilnehmer niedrig dosierte Acetylsalicylsäure
als kardiovaskuläre Prophylaxe hätten einnehmen müssen,
was aber verboten war. Diese Patienten hätten von der Studie ausgeschlossen
werden müssen (10).
Anhand einer erneuten Auswertung der CLASS-Studie von Mitarbeitern der
FDA (Food and Drug Administration) in den USA, kommen ischämische
kardiovaskuläre Ereignisse, wie Vorhofflimmern, Angina pectoris und
Herzinfarkte häufiger unter Celecoxib vor als unter klassischen NSAR.
Da all diese schwerwiegenden Ereignisse in einer Größenordnung
unter 1 % liegen, konnte keine endgültige Schlussfolgerung gezogen
werden (17). Kardiovaskuläre Todesfälle traten in der Celecoxib-Gruppe
nicht signifikant häufiger auf als in der Diclofenac- oder Ibuprofengruppe
(17, 18).
Weitere Nebenwirkungen
Die Cox-2-Hemmung hat ähnliche Auswirkungen auf die Nierenfunktion,
wie sie nach Gabe nicht-selektiver NSAR beobachtet werden. Interessanterweise
spielt nicht nur Cox-1, sondern auch Cox-2 eine wichtige Rolle in der
Nierenfunktion des Menschen (3). 3 - 4 % der Anwender entwickeln Ödeme
an den unteren Extremitäten oder Bluthochdruck (6). Cerebrale Insulte
werden unter Rofecoxib signifikant häufiger beobachtet als unter
nichtselektiven NSAR (19). Die auffällig hohe Rate an Hautausschlägen
bei der Behandlung mit Celecoxib wird auf dessen Sulfonamid-Struktur zurückgeführt.
Hautausschläge, Thrombozytopenie und Hepatotoxizität sind bekannte
Nebenwirkungen von Sulfonamiden (7).
Zusammenfassung
Die häufigsten Nebenwirkungen unter den Cox-2-Hemmern sind wie unter
nicht-selektiven NSAR die gastrointestinalen Schäden. Studienergebnisse
sprechen dafür, dass Rofecoxib weniger endoskopisch nachweisbare
gastrointestinale Schäden als zum Beispiel Ibuprofen hervorruft.
Unklar ist, ob dieser Unterschied auf die Cox-2-Selektivität zurückzuführen
ist (20). Ob die bessere Verträglichkeit beim Vergleich niedrigerer
Dosierungen Bestand hat, bleibt zu prüfen.
Anhand der Ergebnisse der CLASS-Studie kam ein Beraterkomitee der FDA
zu dem ernüchternden Schluss, dass Celecoxib hinsichtlich gastrointestinaler
Toxizität und globaler Verträglichkeit keine Vorteile gegenüber
herkömmlichen NSAR bietet (17)!
Weitere Langzeitstudien sind erforderlich, um die klinische Wirksamkeit
und Sicherheit der Cox-2-Hemmer einschätzen zu können (21).
Literatur bei den Verfassern
Dr. Tom Fjornes, Ekhard Heesemann, Städtisches Krankenhaus Priwall,
Mecklenburger Landstr. 49 - 59, 23570 Lübeck
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 7/ 2001
Seite 53 - 55
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