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| Prof. Dr. Carl Schirren (Foto: Schipke) |
Gedanken zur Stellung der
Andrologie in der Reproduktionsmedizin
Carl Schirren
Das Thema zu meinem Vortrag entstand aus
Erfahrungen in den letzten Jahren, in denen immer wieder darüber
gesprochen und geschrieben wurde, dass die Andrologie doch ein Teil der
Reproduktionsmedizin und aus diesem Grunde wohl am Besten innerhalb derselben
untergebracht sei. Darüber hinaus erinnerte ich mich meiner eigenen
Bemühungen um die Gründung des ersten Zentrums für Reproduktionsmedizin
an der Universität Hamburg in den 80er Jahren. Wir haben damals Diskussionen
darüber geführt, welche Stellung die Andrologie in diesem Zentrum
haben sollte und in welcher Weise man eine Gleichberechtigung zwischen
den beiden beteiligten Einheiten gynäkologische Endokrinologie und
Andrologie als den beiden Kerneinheiten erreichen könnte. Ich war
damals sehr daran interessiert, beide Institutionen unter einem Dach zu
vereinen. Wir hatten Pläne ausgearbeitet, wie dieses Projekt baulich
zu konzipieren sei, hatten einen Architekten dafür gefunden und bemühten
uns um die notwendigen finanziellen Mittel dafür. Die räumliche
Zusammenlegung scheiterte daran, dass die Aufsichtsbehörde sich mit
unseren Plänen nicht einverstanden erklärte mit dem Tenor Wo
käme man hin, wenn man bei einem Staatsbetrieb private Wege beschreiten
würde?. Die räumliche und organisatorische Zusammenlegung
scheiterte außerdem daran, dass der geschäftsführende
Direktor der Universitätshautklinik, zu der ich damals noch gehörte
nach dem Verwaltungsgliederungsplan, seine Zustimmung mit dem Argument
verweigerte Was würde wohl der Präsident der Deutschen
Dermatologischen Gesellschaft dazu sagen? und damit den Klinikrat
auf seine Seite zog. Ich habe mich von diesen Rückschlägen nicht
beeinflussen lassen und ließ in meinen Bemühungen um eine gemeinsame
Zentrale nicht nach. Über den gynäkologischen Partner G. Bettendorf
erhielten wir durch die Hamburgische Bürgerschaft 500 000 DM als
Anfangskapital, welches uns jedoch seitens der Behörde, nach schwierigen
Verhandlungen erst ausgezahlt wurde. Die laufenden Kosten konnten wir
aus den Einnahmen unserer KV-Tätigkeit im Rahmen einer Ermächtigung
bestreiten. Wir hatten damit einen Anfang erreicht und viele Jahre recht
erfolgreich unser Zentrum betrieben. Andrologie und gynäkologische
Endokrinologie arbeiteten absolut gleichberechtigt miteinander, alle Probleme
wurden gemeinsam besprochen und entschieden, wobei niemals ein Beschluss
gegen den anderen Partner durchgesetzt wurde. Ich meine, dass unsere Organisationsform
beispielhaft gewesen ist für die Stellung der Andrologie in der Reproduktionsmedizin
und auch in der Zukunft sein kann. Unser Zentrum existiert allerdings
nicht mehr.
In diese Zeit fällt auch eine Auseinandersetzung mit Hornstein im
Jahre 1978 anlässlich der Etablierung unseres Hamburger Zentrums
für Reproduktionsmedizin in die Fortschritte der Medizin. Er vertrat
damals den Standpunkt, dass die Andrologie ein essenzieller Bestandteil
der Dermatologie sei und daher nicht aus ihr herausgelöst werden
könnte, um Teil der Reproduktionsmedizin zu werden. Die Zeit hat
ihm jedoch nicht Recht gegeben, das insbesondere dadurch, dass die Direktoren
der Dermatologischen Universitätskliniken ihr Desinteresse an der
Andrologie zugunsten der experimentellen Dermatologie bekundeten und danach
handelten, indem sie für die Andrologie-Stellen in ihren Kliniken
bei der jeweiligen Fakultät Kein Bedarf vorhanden erklärten
und diese Stellen dementsprechend umwandeln ließen. Diese Entwicklung
ändert jedoch nichts daran, dass die Andrologie als Spezialdisziplin
auch weiterhin ihre Berechtigung besitzt.
Ich nehme diese eigenen Erfahrungen als Basis für meine Ausführungen
und betone, dass sie keineswegs verbindlich für die Stellung der
Andrologie in der Reproduktionsmedizin sein müssen. Sie können
aber Hinweis darauf geben, ob und in welcher Weise man die Spezialdisziplin
Andrologie in die Reproduktionsmedizin integriert. Es versteht sich von
selbst, dass dabei gerade übergeordnete Gesichtspunkte in die Erörterung
einbezogen werden müssen. Ich halte mich an den Oberbegriff Andrologie
und nehme keine Stellung zu den Einzelfächern, die an der Andrologie
beteiligt sind. Zu den Gedanken über die Stellung der Andrologie
in der Reproduktionsmedizin gehören auch Überlegungen über
deren zukünftige Position. Soll die Andrologie ggf. völlig in
der Reproduktionsmedizin aufgehen? Hat sie überhaupt eine Berechtigung
für ein Eigenleben? Und wie kann dieses ggf. aussehen?
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| War Sitz des ersten Reproduktionszentrums:
das Universitätskrankenhaus Eppendorf in Hamburg (Foto: Pressestelle) |
An den Anfang möchte ich stellen, dass
sich in zunehmendem Umfange andere Disziplinen der Andrologie anzunehmen
beginnen .... alle unter einem speziellen Aspekt ihrer eigenen Disziplin.
So finden wir Endokrinologen und Internisten, welche die Andrologie unter
endokrinologischen Gesichtspunkten sehen; wir finden Gynäkologen,
die ebenso wie Endokrinologen den alternden Mann aging male
entdeckt haben und hier ihre Aktivitäten entfalten mit dem besonderen
Aspekt, die Andrologen kümmerten sich ja nicht darum und deshalb
seien sie gefragt. Vordergründig wird damit argumentiert, dass die
Andrologen ausreichend mit dem Sperma und den Spermatozoen beschäftigt
seien. Die Urologen haben die erektile Dysfunktion auf ihre
Fahnen geschrieben und sehen hier eine ihrer Hauptbetätigungsfelder.
Das alles sind Fakten, mit denen der Androloge sich auseinander zu setzen
und bei denen er wohl zu überlegen hat, ob er in diese Definition
der Andrologie in der Reproduktionsmedizin hineingehört und überhaupt
hineinpasst. Bisher war er ja der Auffassung gewesen, dass er in den von
mir aufgezeigten Bereichen tätig war und auch die Überzeugung
gewonnen hatte, das richtig zu machen. Sollte dieses nun alles anders
werden? Und was mögen die dafür maßgebenden Begründungen
sein?
An diesem Punkte erscheint es mir angebracht zu sein, Überlegungen
zu Praxis und Forschung in der Andrologie anzustellen. Es wird jedem einigermaßen
Vernunftbegabten einleuchtend sein, dass diese beiden Bereiche voneinander
getrennt werden müssen, da der in der Praxis tätige Androloge
niemals den Anspruch erheben kann, in gleicher Weise wie der in der Forschung
Tätige wirken zu können, ohne dass damit zum Ausdruck gebracht
werden soll, dass der eine vom anderen nichts wissen kann oder darf bzw.
dass beide sich nicht verständigen können. Es muss also einen
Consensus geben, da beide aufeinander angewiesen sind. So ist der praktizierende
Androloge auf Ergebnisse der Forschung angewiesen, wie der Forscher ohne
den Praktiker im quasi luftleeren Raum arbeiten müsste. Als Beispiel
möge folgendes dienen:
Auf die Belange der Endokrinologie angewendet bedeutet das, dass ohne
Kenntnis der Klinik und ohne den entsprechenden Kontakt zum Patienten
eine klinisch-endokrinologische Forschung vollkommen illusorisch sein
dürfte. So ist es unerlässlich, wenn die aus der Forschung gewonnenen
Erkenntnisse sinnvoll klinisch überprüft werden sollen, dass
der Forscher den Effekt seiner Forschung mit dem Praktiker kontrollieren
kann. ... auf die klinische Andrologie kann er also nicht verzichten.
Das bedeutet aber weiterhin, dass klinische Andrologie gelehrt wird, um
in der Praxis angewendet werden zu können. Wenn das jedoch nicht
geschieht, weil die dafür erforderlichen Ausbildungsstätten
nicht oder nicht mehr vorhanden sind bzw. deren Leiter selbst eine ausschließlich
theoretische Tätigkeit nachweisen können, weil sie im Zuge der
Wertigkeit von Drittmitteleinwerbung für die Forschung bei Berufungen
sich ausschließlich um Laborarbeit gekümmert haben, wenn also
diese Voraussetzungen fehlen, dann ist es schlechterdings nicht möglich,
Andrologie in ihrer Gesamtheit als Ausbildung anzubieten. Daran wird leider
nicht gedacht wiewohl ich mich manchmal frage, was und wo und worüber
überhaupt noch nachgedacht wird. Das betrifft nun nicht nur die Andrologie,
fällt hier aber im Zusammenhang mit meinem Thema besonders ins Gewicht.
Meine Erfahrungen mit Seminaren in Andrologie im Ausland haben mir gezeigt,
dass z. B. bei einem Teilnehmerkreis von ca. 100 Ärzten und Studenten
diese vornehmlich an der neuesten Entwicklung interessiert waren, andererseits
aber Fragen nach den Grundlagen der andrologischen klinischen Untersuchung
stellten und auf Rückfragen meinerseits dann zugeben mussten, dass
sie keinerlei klinische Ausbildung erfahren hatten. Auf die Frage von
mir, aus welchen Gründen sie überhaupt zu diesen Fortbildungsseminaren
gehen würden, antworteten sie, dass sie allgemein an Andrologie interessiert
seien. So weit so gut: Es ist auch nichts dagegen einzuwenden ... nur
muss man sich fragen, was die Informationen eines Fortbildungsseminars
bewirken sollen, wenn keine Grundlage für deren Verständnis
vorhanden sind.
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Aber: Sie zeigen
Interesse und dann fragen sie natürlich auch uns, weil sie
uns für sachverständig halten in Dingen der Reproduktionsmedizin,
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wie wir über die Eizellspende, über
das Klonen und über die sog. Vorkernstadien denken; mit letzteren
ist hier in Bonn gerade ein Spectaculum durch die Presse gegangen. Ich
habe dazu Zweifel, ob das in die Entscheidung und Verantwortung des einzelnen
Forschers gelegt werden kann, wie der Bonner Rektor dazu erklärte.
Übrigens: Das Vorkernstadium, über das in letzter Zeit so viel
geredet wird, ist zwar durchaus Realität, aber es dient offensichtlich
mehr dazu, um das Embryonenschutzgesetz zu umgehen.
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Die Bedeutung der
Andrologie wird dadurch besonders unterstrichen, dass zunehmend
in den Medien Berichte und Kommentare zu andrologischen Problemen
erscheinen.
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So war im Dezember 2000 eine Mitteilung in
Die Welt zu lesen, wonach ein Allgemeinmediziner und
Naturkundler - so seine Berufsbezeichnung - ein Mediziner-Forum
Männerarzt in Frankfurt gegründet hatte mit der
Begründung:
Wie die Frauen haben auch Männer hormonelle Dissonanzen in
der Mitte ihres Lebens und Während Frauen in den Wechseljahren
vom Gynäkologen betreut werden, haben Männer keine derartigen
Ansprechpartner. Solche Initiativen sind im Grundsatz zu begrüßen.
Andererseits zeigen sie aber auch, dass unsere andrologischen Bemühungen
um Darstellung der eigenen Tätigkeit in der Öffentlichkeit immer
noch nicht in das allgemeine Bewusstsein gedrungen sind und auch bei den
ärztlichen Kollegen nicht bekannt sind. Wir müssen uns also
fragen, ob wir Andrologen nicht zu sehr in einem Elfenbeinturm leben,
in dem wir uns unserer Wissenschaft widmen, jedoch weniger daran denken,
dass unsere Erkenntnisse breiter gestreut werden müssen. In einer
Zeit, da alles globalisiert wird, sollten wir uns darum bemühen,
an der Globalisierung teilzunehmen und das bedeutet, mehr und intensiver
den Schritt in die Öffentlichkeit tun, um damit für uns zu werben.
Das bedeutet auch, dass wir uns seitens unserer Andrologischen Gesellschaft
im Internet etablieren, dort Adressen angeben, wo man Andrologen finden
kann und was man unter einem Andrologen zu verstehen hat und schließlich
auch aktuelle andrologische Probleme direkt ansprechen und zwar allgemein
verständlich, ohne z. B. auf die e. D. hinzuweisen, unter welcher
sich der Laie sowieso nichts vorstellen kann. Gedanken über die Stellung
der Andrologie in der Reproduktionsmedizin können auch bedeuten,
dass wir uns nicht nur fragen, wie wir unsere Position halten bzw. festigen
können, sondern ebenso wie wir unsere Verantwortung in der Reproduktionsmedizin
wahrnehmen können und sollen. Das kann Themen betreffen, die gemeinhin
von Gynäkologen beansprucht werden wie z. B. das Klonen oder die
Präimplantationsdiagnostik. Wir sollten uns nicht mit dem Argument
bescheiden, das würden wir nicht verstehen, denn wir seien nur für
die männliche Seite zuständig. So schiebt man in der Regel unbequeme
Partner beiseite. Als gleichberechtigter Teil der Reproduktionsmedizin
haben wir auch eine Verantwortung für das Gesamtgebiet und können
in die Diskussion um diese zweifellos brisanten Themen durchaus Aspekte
einbringen, welche die anderen Partner zumindest nachdenklich machen könnten.
Wir sollten also keine Scheu haben, uns zu Wort zu melden und unsere Meinung
nachhaltig zu vertreten. Dabei dürfen wir uns nicht von dem zurzeit,
vielfach benutzten Argument beeinflussen lassen, dass ein PGD-Tourismus
oder ein Klon-Tourismus ins Ausland einsetzen würde,
wenn diese Dinge bei uns nicht erlaubt wären. Wir haben auf einem
derartigen Sektor ja insofern einschlägige Erfahrungen aus der Zeit
als die Schwangerschaftsunterbrechung in Deutschland nicht mehr so ohne
weiteres in der freien Praxis möglich war und eine Wanderung in die
Niederlande einsetzte, wo man in Fragen des Lebens eine Haltung an den
Tag legt, die zwar mit dem Begriff liberal umschrieben wird,
damit aber nun wirklich nichts zu tun hat, sondern mehr als eine Art von
Alibi-Argument bewertet werden muss. Die Stellung der Andrologie in der
Reproduktionsmedizin könnte bedeuten, dass ausschließlich die
Fortpflanzung des Mannes damit gemeint sei, wie es gemeinhin den Anschein
hat. Andrologie ist aber mehr und diesen Aspekt gilt es zu erhalten und
auszubauen. Zu sehr ist aufgrund der Entwicklung auf dem Gebiet der modernen
Befruchtungstechnologien dieser Gesichtspunkt vernachlässigt worden
zugunsten einer Ausrichtung auf die Fortpflanzung. Das liegt zwar in der
Natur der Entwicklung, muss aber nicht immer so bleiben.
Wir Andrologen sind dazu aufgerufen, uns nicht damit zu begnügen.
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Wir müssen
vielmehr zeigen, dass wir im Interesse der von uns betreuten Patienten
mehr anzubieten und zu leisten in der Lage sind als nur Laboruntersuchungen
bei Fortpflanzungsproblemen.
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Gerade der kürzlich aus der Taufe gehobene
Trend, sich auch des alternden Mannes anzunehmen, sollte Anlass genug
sein, um auf diesem Gebiet unseren Anspruch geltend zu machen. Denn diese
Gruppe von Patienten bedarf nicht nur der Therapie mit Hormonen, sondern
sehr viel intensiver einer ärztlichen Betreuung und Führung.
Das ist in sehr vielen Fällen wichtiger als die Hormonmedikation.
Prof. Dr. Carl Schirren,
Buurnstraat 13, 25938 Midlum
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 6 / 2001
Seite 43 - 50
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