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Aus Schleswig-Holstein

Fachtagung Selbsthilfe
Nicht gut auf Krankenkassen zu sprechen

Selbsthilfegruppen - für viele Patienten sind sie inzwischen ein unverzichtbarer Bestandteil ihres Alltags geworden. Im Austausch mit anderen Patienten finden sie hier neben der Arztpraxis eine zweite Anlaufstelle, um sich mit ihrer Krankheit auseinanderzusetzen. Mit der Arbeit und mit den Problemen der Selbsthilfe beschäftigte sich die Fachtagung „Selbsthilfe - Gestaltung von Gesundheit“ am 16. Mai in Kiel.

Andreas Greiwe (Fotos: di)

Zwar wurde der Veranstalter KIBIS (Kontakte, Information, Beratung im Selbsthilfebereich) bei der Organisation der Tagung von der Techniker Krankenkasse (TK) unterstützt, gut zu sprechen auf die Kassen allgemein sind viele Selbsthilfegruppen aber nicht. Grund ist die zögerliche Förderpraxis vieler Kassen. Statt die im Sozialgesetzbuch geforderte 1 DM pro Versichertem im Jahr für die Selbsthilfe auszugeben, beschränkten die Kassen sich in 2000 auf durchschnittlich 25 Pfennig. „Die konkrete Umsetzung der Förderung der Selbsthilfe durch die Krankenkassen ist vollkommen unzureichend“, behauptet etwa Andreas Greiwe. Der Beauftragte für Selbsthilfe und Bürgerengagement im Paritätischen Nordrhein-Westfalen (NRW) hat eine Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit in der Selbsthilfeförderung ausgemacht: „Die öffentliche Förderung der Selbsthilfe steht immer noch weit zurück hinter der verbalen Wertschätzung, die sie erfährt.“ Zumindest am zweiten mangelte es in Kiel nicht. Sozialministerin Heide Moser, Landarzt Ralf Büchner, TK-Leiter Johann Brunkhorst - sie alle machten sich tatsächlich verbal stark für die Arbeit der Selbsthilfegruppen. Im Alltag der Gruppen ist von dieser Wertschätzung aber oft nicht viel zu spüren. Birgit Miersen von der Kieler Migräne-Selbsthilfegruppe etwa berichtete von vielen erfolglosen Anträgen, um von den Kassen gefördert zu werden. Das von Büchner ausgesprochene Lob hörte sie ebenfalls mit einigem Erstaunen. „Viele Ärzte haben es nicht so gern, wenn ihre Patienten sich in Selbsthilfegruppen informieren."

Birgit Miersen

Die Kassen gaben vor, sich bessern zu wollen. Brunkhorst kündigte an, dass das finanzielle Engagement ausgeweitet werde. Das tatsächliche Fördervolumen seiner Kasse hatte er an diesem Tag zwar nicht parat, aber Greiwe konnte ihn beruhigen. Die größten Zauderer bei der Selbsthilfeförderung seien AOK und Barmer Ersatzkasse, berichtete er. Nach seiner Einschätzung könnte nur ein einheitlicher Fördertopf aller Kassen den wirren Zustand in der Selbsthilfeförderung beenden. Für Gesundheitsministerin Heide Moser ist die zögernde Bewilligung der Kassen völlig unverständlich. Schließlich helfen nach ihrer Einschätzung die Gruppen den Patienten, schneller die für sie passende Behandlung zu finden - und damit den Kassen, Kosten zu sparen. Doch die Selbsthilfegruppen haben es oft schon aufgegeben, sich durch die zahllosen Anträge - jede Kassenart hat ihr eigenes Formular - zu kämpfen und zahlen Referenten, Raummieten oder Öffentlichkeitsarbeit lieber gleich aus eigener Tasche. „Viele Gruppen sind einfach frustriert“, hat Greiwe beobachtet. Manchmal passieren aber auch in der Selbsthilfeförderung noch angenehme Überraschungen. Birgit Miersen, immerhin schon zehn Jahre in ihrer Migräne-Gruppe aktiv, hat es jetzt erstmals erlebt, dass die Kassen der Gruppe einen Zuschuss bewilligt haben. (di)

Schleswig-Holsteinisches

Ärzteblatt 6 / 2001

Seite 24 / 25