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ADS:
Nehmt unsere Not endlich wahr und helft unseren Kindern
Claudia Kloster
Wir Eltern von ADS-Kindern gehen meist schon
früh auf die Suche nach Hilfe, weil wir spüren und täglich
erleben, dass unser Kind auf eine uns nicht erklärliche Art anders
ist. Trotz oft jahrelanger Odysseen zwischen Ärzten, Psychologen,
Therapeuten, Beratungsstellen und manch obskuren Wunderheilern müssen
wir ohnmächtig mit ansehen, wie unsere Kinder immer weiter ins Abseits
geraten und nicht wieder gutzumachenden Schaden nehmen.
Gerade unsere ersten Anlaufstellen, die Kinder- und Hausärzte, verkennen
vielfach den Ernst der Lage, fertigen uns mit jovialen Sprüchen wie
das wächst sich schon aus oder organisch ist alles
bestens, was wollen Sie mehr? ab.
Was bliebe uns und unseren Kindern erspart, wenn das Wissen um Erscheinungsformen
und Hintergründe des ADS endlich ausreichend verbreitet wäre!
Haben Sie eine Vorstellung, wie der Alltag mit einem ADS-Kind aussieht,
zumal mit einem hyperaktiven? Die ganze Familie lebt jenseits der Belastungsgrenze,
ein täglicher Kampf um ein Stückchen Normalität und um
Schadenbegrenzung; Erziehungsarbeit rund um die Uhr, ohne Aussicht auf
nachhaltigen Erfolg. Immer hecheln wir Eltern den Ereignissen hinterher:
unser Kind hat die Jacke eines Klassenkameraden zerrissen, die Klassenarbeit
unterschlagen, Schulregeln verletzt, Nachbars Hund geärgert, einen
Kleineren zu Ausdrücken angestachelt (und das sind vergleichsweise
harmlose Untaten). Bevor wir auch nur die erste Sache in Ordnung
gebracht haben, müssen wir bereits weitere Hiobsbotschaften verdauen,
die vielfach schnelles Handeln und das sofortige Hintenanstellen alles
anderen verlangen - Leben auf dem Pulverfass und Dauerstress!
Zu Hause ist Chaos-Management gefragt: Berge von Schmutz- und Flickwäsche,
Unordnung, schrottreife Möbel, Spielsachen und Schulmaterialien,
die repariert oder ersetzt werden müssen. Durch Unachtsamkeit, Überdrehtheit
und das Unvermögen, aus Erfahrungen zu lernen, ereignen sich laufend
Missgeschicke, die für Ärger und Kosten sorgen. Lautstarke,
oft handgreifliche Auseinandersetzungen mit Geschwistern sind Standard,
das tägliche Drama Hausaufgaben, Schule überhaupt, strapaziert
die ohnehin bloßliegenden Nerven der Eltern.
Nichts funktioniert automatisch, alles muss ausdrücklich eingefordert
und kontrolliert werden - jeden Tag aufs Neue.
Überdies drücken Ängste, Zweifel und Schuldgefühle
auf Seele und Gewissen: die Sorge, was aus unserem Kind einmal werden
soll, der Schmerz zuzusehen, dass es gemieden und nirgends eingeladen
wird, die eigene Hilflosigkeit, mit seinem unverständlichen, anstrengenden
Verhalten umzugehen, geschweige denn, es davon abzubringen, das Spießrutenlaufen
auf Schulveranstaltungen oder Einkäufen in Nachbarschaftsläden,
das Laborratten-Dasein auf Familienfesten, sich ständig
entschuldigen und verantworten müssen, die bittere Erkenntnis, unserem
Kind nicht gerecht werden zu können, kurzum das niederschmetternde
Gefühl von Unzulänglichkeit und Versagen - aller Liebe und Anstrengung
zum Trotz.
Wie muss es in einem Kind aussehen, das Sie fragt warum bin ich
anders als andere Kinder?, wie, wenn es sich wünscht, nicht
mehr leben zu müssen? Womit sollen wir unserem Kind Mut machen, es
schützen, stärken und aufrichten, wo wir oft selbst nicht mehr
weiter wissen (und können)?
Angesichts solch fortdauernder Überlastung nimmt es nicht Wunder,
dass die Familienatmosphäre mehr als angespannt ist. Nervenzusammenbrüche,
Kurzschlusshandlungen und Trennung sind hier überdurchschnittlich
oft zu finden.
Wie dringend bräuchten wir Ärzte, Psychologen, Therapeuten,
die mit diesem Störungsbild vertraut sind, die unsere Not wahrnehmen,
uns Eltern anleiten und unserem Kind helfen, nicht mehr so anders
sein zu müssen!!
5
- 10 % aller Kinder eines Jahrgangs sind nach aktuellen medizinischen
Schätzungen von ADS betroffen, nur jedes 80. bis gar 200. Kind wird
diagnostiziert, zuzüglich der üblichen Dunkelziffer. Zugegeben,
die Diagnose ist schwierig, die aufwandsgerechte Abrechnung mit den Krankenkassen
ebenso. Längst sind wir Eltern bereit (und daran gewöhnt) zuzuzahlen;
Hauptsache wir bekommen endlich die längst überfällige
Behandlung für unser Kind.
Hypoaktive Kinder, die gedankenaktiven Träumer auf Wolke 17, erhalten
noch seltener und später Hilfe, weil sie - im Gegensatz zu ihren
hyperaktiven Kollegen - nicht für Aufruhr sorgen. Sang- und klanglos
werden sie vor allem in unserem Schulsystem nach unten aussortiert. Nicht
etwa mangels Intelligenz der Kinder, sondern mangels Wissen und Konzepten
zu diesem Störungsbild.
Laut Presseberichten wurde kürzlich für Schleswig-Holstein ein
psychotherapeutischer Versorgungsgrad von bis zu 270 % ermittelt. Leisten
wir uns womöglich den Luxus, am Bedarf vorbei-
zutherapieren? Im Bereich unserer Gesprächskreise sind uns nur 5
Therapeuten bekannt, die sich mit ADS auskennen; zwei davon erhalten keine
Kassenzulassung, eben weil wir statistisch so paradiesisch besetzt sind!
Obwohl hier die Eltern aus eigener Tasche bezahlen müssen, betragen
die Wartezeiten mehrere Monate, teilweise sogar Jahre. Was aber wird aus
unseren Kindern in der Zwischenzeit, zumal wenn sie bereits Vorderkante
Abschussrampe stehen?
Diese Frage entpuppt sich bei näherer Betrachtung beileibe nicht
als reine Privatsache. Die Folgen fehlender Versorgung und Prävention
müssen wir alle tragen, u. a. in Form von Jugend- und Sozialhilfe,
Arbeitslosengeld, Alkohol- und Drogenentzug, Justizvollzug, Krankheitskosten
und durch immensen Ausfall von Beitragszahlungen zur Solidargemeinschaft.
Je früher ADS erkannt und behandelt wird, umso besser die Prognose.
Bewährt hat sich ein multimodaler Ansatz aus kindzentrierter (Verhaltens-)
Therapie, Unterweisung und Einbindung des erzieherischen Umfeldes sowie
ggf. Medikation. Die Annahme, dass sich ADS mit der Pubertät verlieren
würde, hat sich als falsch herausgestellt. Ca. 2/3 leiden auch als
Erwachsene weiter an Aufmerksamkeitsstörung und Impulsivität
mit höchst nachteiligen Auswirkungen auf Partnerschaft und Beruf.
Diese Betroffenen sind medizinisch und therapeutisch übrigens noch
schlechter versorgt als die Kinder ...
Claudia Kloster, AdS e.
V. Elterninitiative zur Förderung von Kindern mit Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom
mit/ohne Hyperaktivität, Iltisstieg 1, 22846 Norderstedt
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 6 / 2001
Seite 19 / 20
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