Neue Chancen für
Borderline-Patienten
Heinz-Peter SonntagIn nur zwei Minuten von
himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt - treffender lassen sich
Stimmungsschwankungen von Borderline-Patienten kaum charakterisieren. Diese Patienten sind
mit sich und ihrer Persönlichkeit so wenig im Reinen, dass ihnen dieser schnelle Wechsel
zwischen Euphorie und Depression kaum bewusst wird. Sie reagieren oft unmittelbar auf
plötzliche Impulse und können ihre Wut schlecht kontrollieren.
Kennzeichnend ist bei vielen Patienten ein mangelhaftes Selbstbewusstsein. Sie
fühlen sich in ihrer Rolle als Mann oder Frau nicht wohl, meinen, nicht liebenswert oder
einfach nur nutzlos zu sein. Sie klammern sich oft an andere, haben Angst vorm
Verlassenwerden nahe stehender Menschen. Innere Spannungen bewältigen sie mit riskantem
Verhalten, mit gefährlichen Sportarten, schnellem Auto- oder Motorradfahren, mit
sexuellem Risikoverhalten und Selbstverletzungen. Sie drücken Zigaretten auf ihrem
Körper aus, verweigern die Nahrungsaufnahme oder essen bis zum Brechanfall und/oder
schlucken Alkohol und Tabletten bis zur Besinnungslosigkeit.
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| Prof. Dr. Fritz Hohagen (Fotos:
Pressestelle) |
Dies nur wenig bekannte Krankheitsbild ist dennoch
weit verbreitet: 20 % aller Krankenhausaufnahmen im psychiatrischen Bereich stehen mit
entsprechenden Symptomen im Zusammenhang.
Damit gehören Borderline-Störungen von der Häufigkeit her zu den ganz großen
psychischen Erkrankungen, erklärt Prof. Dr. Fritz Hohagen, Direktor der Klinik für
Psychiatrie und Psychotherapie an der Medizinischen Universität Lübeck (MUL). Aufgrund
der wachsenden Patientenzahlen wurde in Lübeck ein Behandlungsschwerpunkt für die
Borderline-Patienten eingerichtet: Die 19 Therapieplätze umfassende Station ist die
größte ihrer Art in Deutschland.
Der Ende der 30er Jahre vom amerikanischen Psychoanalytiker William Louis Stern geprägte
Begriff Borderline charakterisiert psychische Beeinträchtigungen, die zwischen Neurose
und Psychose schwanken. Heute gelten Borderline-Störungen als eigenständiges
Krankheitsbild, definiert als Instabilität von Gefühlen und Verhalten. Ein Viertel der
Patienten ist männlich, vor allen betroffen sind Mädchen und Frauen zwischen 15 und 25
Jahren.
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Selbstverletzte Unterarme
einer Borderline-Patientin |
Entsprechend einem Entwurf des
Psychologie-Professoren Linehan aus Seattle/USA gilt es zunächst, dass die Patienten
freiwillig mit dem selbstschädigenden Verhalten aufhören. Es werden deshalb gezielte
Verhaltensverträge zwischen Patienten und Therapeut abgeschlossen. Außerdem werden
Hilfen zur psychischen Stabilisierung angeboten.
In Lübeck werden zusätzlich fünf Module eingesetzt:
1. Selbstmanagement
2. Stresstoleranz
3. Emotionsmanagement
4. Soziale Kompetenz
5. Achtsamkeit. |
Außerdem werden begleitende psychische
Erkrankungen, die bei den meisten Patienten vorhanden sind, mit speziellen Angeboten in
die Therapie eingebunden. Die Klinik in Lübeck zum Beispiel verfügt über eine
Lehrküche, in der die Betroffenen normales Essverhalten üben und die MUL
bietet Selbstverteidigungskurse an, in dem die meist weiblichen Patienten trainieren, sich
effektiv zu wehren.
In einer weiteren Therapiephase wird das Erlernte in den Alltag übertragen. Ziel der
Behandlung ist es, dass die Betroffenen im sozialen Alltag besser zurecht kommen.
Die durchschnittliche 12-tägige stationäre Therapie verzeichnet gute Erfolge: Bei mehr
als der Hälfte der Erkrankten gehen die Symptome erheblich zurück und die soziale
Anpassung verbessert sich deutlich. Eine Hoffnung bleibt allen: Mit zunehmenden Alter
wächst sich die Krankheit offensichtlich aus - jenseits der 40 werden Borderline-Symptome
selten.
Diese Thematik stand auch im Mittelpunkt des 4. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für
Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde unter der Leitung von Prof. Fritz Hohagen
Anfang April in Lübeck.
(Quelle: Pressedienst der MUL - Uwe Groenewold)
Dr. Heinz-Peter Sonntag, Niobestr. 9, 23570 Travemünde |

Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 05 / 2001
S. 55 / 56 |