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Gemeinsame Standpunkte
Das Fibromyalgie-Syndrom - Außer Kontrolle?
Joachim Georgi, Jörg-Dieter Herrlinger, Hans-Heinrich Raspe
1. Einleitung
Seit knapp 100 Jahren werden in der medizinischen Literatur Patienten mit
ausgedehnten chronischen Schmerzen des Bewegungsapparats, Abgeschlagenheit und
Schlafstörungen beschrieben. Diese Summe von Symptomen (= Syndrom) wurde Anfang des
Jahrhunderts fälschlicherweise als Fibrositis bezeichnet (1). Bis heute
werden im angloamerikanischen Sprachraum die Begriffe Fibrositis, Fibromyositis und
Fibromyalgie synonym gebraucht (2). Auch ca. ein Jahrzehnt nach der Etablierung
anerkannter Klassifikationskriterien (3) gibt es wenig Hinweise darauf, dass es sich bei
der Fibromyalgie (FM) um eine organische Erkrankung handelt. Eine nahe Beziehung zu
psychosomatischen Beschwerden wird schon lange diskutiert (4). Das nahezu logarithmische
Wachstum dieses Beschwerdebildes, neue ätiopathogenetische Vorstellungen und technische
Befunde werden im Folgenden ebenso stichwortartig beleuchtet wie die sozialmedizinische
Einordnung.
2. Epidemiologie
Das breite Spektrum klinischer Beschwerden von multiplen hyperalgischen Zonen
(Tenderpoints) bis hin zu psychovegetativen Symptomen führt zu einer gewissen
epidemiologischen Unschärfe. Die FM ist in allen industrialisierten Ländern prävalent;
man geht von ca. 3 % der Erwachsenen aus. In Deutschland nehmen wir 8 % betroffene Frauen
zwischen 35 und 74 Jahren an (5). FM-Patienten gehen durchschnittlich zehnmal jährlich
zum Arzt, ca. alle drei Jahre ins Krankenhaus (6).
3. Klinik, Ätiopathogenese und Differenzialdiagnose
Die FM beginnt schleichend über Jahre, meist als unspezifisches Cervikal-
und Lumbalsyndrom. Das Vollbild des Syndroms ist, obwohl vom nicht Erfahrenen immer wieder
verkannt, außerordentlich typisch: Betroffen sind meist Frauen zwischen 40 und 60 Jahren.
Leitsymptom ist das über Jahre an Intensität zunehmende Schmerzsyndrom des
Achsenskeletts und der stammnahen Muskulatur. Die Schmerzen sind nicht bewegungsabhängig,
haben einen eher dumpfen Charakter und zeigen keine zirkadiane Rhythmik. Beginnend meist
als Lumbalsyndrom breiten sich die Beschwerden zentrifugal aus. Begleitend bestehen
vegetative Stigmata wie Schlafstörungen, Abgeschlagenheit und funktionelle
Organbeschwerden. Kälte, Nässe, schwere körperliche Arbeit und auch emotionale
Belastungen wirken häufig schmerzverstärkend. Die körperliche Untersuchung ist relativ
unergiebig. Die aktive und passive Gelenkbeweglichkeit ist gut. Diskrepant dazu ist die
starke Schmerzhaftigkeit der so genannten Tender-Points (3).
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| Abb. 1:
Circulus Vitiosus der Fibromyalgie |
Fast alle FM-Patienten bieten uns laienhafte
Krankheitsmodelle (Osteoporose, Bandscheibenvorfall,
Verschleiß, Schadstoffe, etc.). Die Bestätigung dieser
unzutreffenden Krankheitsbilder fördert die Chronifizierung und Fehlentwicklung des
Patienten (7). Immer ist der Laie überzeugt, dass seine Schmerzen ein Warnsignal aufgrund
einer Gewebsschädigung darstellen (linear-kausales Schmerzverständnis) (8).
Tatsächlich existiert jedoch kein myopathologisches Substrat bei der FM (9). Eine Ursache
der Fibromyalgie ist bis heute nicht bekannt. Das vom Patienten häufig beschriebene
Trauma (Auffahrunfall) (10) spielt ebenso wenig eine ätiopathogenetische
Rolle wie Veränderungen der Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse (11) oder des
Melatoninspiegels (12). Auch besteht keine niedrigere dynamische oder isometrische
Muskelkraft als in der Normalbevölkerung (13). Für die starke Bevorzugung des weiblichen
Geschlechts bei der FM mag eine bei Frauen verminderte Schmerzschwelle verantwortlich sein
(14). Wie in ca. 40 % aller chronischen Schmerzzustände (15) ist eine hohe Komorbilität
der Fibromyalgie mit depressiven Erkrankungen gesichert (16). Entsprechend der bunten und
unbeständigen Symptomatologie ist das Spektrum der differenzialdi-agnostisch zu
erwägenden Erkrankungen breit. Der zur Abklärung erforderliche Umfang der Diagnostik ist
wesentlich durch die Erfahrung des Untersuchers mit diesem Krankheitsbild bestimmt. Den
Circulus Vitiosus der Fibromyalgie beschreibt Abb. 1.
4. Technische Befunde und Therapieansätze
Eine Fülle technischer Befunde auf der Ebene der Muskulatur, der
Elektrophysiologie, der Immunologie und Endokrinologie erbrachte in den letzten Jahren
wenig Verwertbares für eine ätiologische Einordnung oder spezifische Therapie. Neben dem
fehlenden myopathologischen Substrat (s. o.) findet sich bei der FM eine unauffällige
Elektrophysiologie, unauffällige Antikörper gegen Serotonin oder Ganglioside und normale
Werte für Substanz P im Serum (nicht jedoch im Liquor) (17).
Die Assoziation der FM mit niedrigen Serumserotoninspiegeln ist bekannt, jedoch unklar.
Serotoninmangel findet sich auch bei anderen Erkrankungen wie Depression, Gewichtsverlust
oder Migräne; Verhältnisse im Serum sind nicht auf den Liquor zu übertragen (18). Die
Einordnung der FM als zentrale Schmerzregulationsstörung bleibt ebenso hypothetisch wie
die einer chronobiologischen Dysregulation des Schlaf-Wachrhythmus (19). Schließlich
können neuroendokrinologische Auffälligkeiten nicht nur Ursache, sondern auch Folge der
FM sein.
Bisher ist keine kausale Therapie der FM bekannt. Alle therapeutischen Maßnahmen sind
empirisch und symptomatisch. Neben der Linderung der muskuloskelettalen Schmerzen stehen
eine Verbesserung des Nachtschlafs und eine Beeinflussung der eventuellen depressiven
Stimmungslage im Zentrum unserer ärztlichen Bemühungen. Die Fülle verwirrender, teils
widersprüchlicher technischer Befunde führt zu einer Plethora medikamentöser und
nicht-medikamentöser Therapieansätze. Weder NSAR noch periphere oder zentrale Analgetika
bis hin zu Morphin i. v. führen zu einer zufriedenstellenden Schmerzlinderung (20).
Starke Opioide sollten unseres Erachtens bei der FM unbedingt gemieden werden, da sie der
Auffassung vieler FM-Patienten, an einer schlimmen, unheilbaren Krankheit zu leiden, die
nun sogar wie ein Krebs mit Morphium behandelt werden muss Vorschub leisten.
Auch der bei der FM bekannte ausgedehnte Konsum paramedizinischer Therapieansätze
(Akupunktur, Homöopathie, etc.) hat keinen nachweisbaren Effekt (21). Weitgehend
akzeptiert ist lediglich die niedrig dosierte Gabe von Amitriptylin (22). Auch für einige
neuere Antidepressiva (selektive Serotonin-Wiederaufnahme Inhibitoren) wie z. B.
Citalopram (23) werden tendenziell günstige Resultate beschrieben. Die Effektivität des
Serotonin-Rezeptor-Antagonisten Tropisetron (als Antiemetikum Navoban im Handel) bei der
FM wird kontrovers diskutiert (24).
Ausgehend von der starken subjektiven Beeinträchtigung des Allgemeinbefindens und dem
meist ausgeprägten Mangel an körperlicher Fitness sind physikalische Maßnahmen und
Physiotherapie integraler Bestandteil einer FM-Therapie (25). Passive physikalische
Maßnahmen (Fango, Massage, Solarium, etc.) haben eine weit höhere Akzeptanz als die
aktive Besserung der körperlichen Fitness. Aufgrund des linear-kausalen
Schmerzverständnisses der Patienten (s. o.) müssen wir Ärzte immer wieder aufklären,
dass man durch Muskeltraining nichts kaputt machen kann! Die simple Wahrheit,
dass sich Muskulatur nur durch Belastung kräftigen lässt, ist schwer zu vermitteln. Die
Selbsteinschätzung der Lebensqualität ist bei FM-Patienten niedriger als bei
rheumatoider Arthritis, Arthrose und sogar fortgeschrittenen Tumorleiden (26). Eine
begleitende Patientenschulung und psychologische Betreuung ist deshalb wichtig und
nachweislich wirksam (27). Die Übergänge zwischen somatogenen und psychogenen Schmerzen
sind fließend (Abb. 2).
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Abb. 2: Fließender
Übergang
somatogener <-> psychogener Schmerz |
5. Prognose und Sozialmedizin
Wie bei fehlendem wissenschaftlichem Konsens über Ätiologie, Pathogenese und Therapie
der FM zu befürchten, ist die Prognose der Fibromyalgie unbefriedigend. Im
Langzeitverlauf erfüllen nach ca. vier Jahren 85 % weiterhin die FM-Kriterien (28). Auch
nach sieben Jahren werden, ungeachtet jedweder Therapie, kaum Besserungen in der
Patienten-Selbsteinschätzung gefunden (29).
Die direkten Kosten (Arztbesuche, Labor, Rönt- gen, etc.) und die indirekten Kosten
(Krankheitstage, Berentungen, etc.) der Fibromyalgie sind gewaltig. Muskuloskelettale
Beschwerden verursachten allein in den USA Kosten von ca. 150 Billionen Dollar oder 2,5 %
des Bruttosozialprodukts (30). Die sozialmedizinische Bewertung der FM ist somit von
größtem Interesse. Das subjektive Phänomen Schmerz kann nicht vollständig objektiviert
werden. Durch Übertreibung können auch Gesunde formal die ACR-Kriterien der FM erfüllen
(31).
Die Diskrepanz zwischen miserabler Selbsteinschätzung des Patienten und der objektiv
guten Funktionalität des Bewegungsapparates ist immer wieder erstaunlich (32). Wie bei
allen chronischen Schmerzsyndromen sind psychologische und soziale Faktoren mit zu
bedenken. In die ärztliche Begutachtung fließen die korrekte Di-agnose
(Klassifikationskriterien, verminderte Schmerzschwelle, Schlafstörungen, Müdigkeit,
vegetative/psychologische Symptome), die Ausprägung der Beschwerden (Schmerzdiagramm,
funktionelle Einschränkungen, Ausfallszeiten), das Ansprechen auf Therapie und auch die
Aktivitäten des Patienten ein. Da jemand, der bei der Arbeit durch Beschwerden
beeinträchtigt ist, unter diesen auch während der Freizeit leidet, ist eine eingehende
Exploration des Freizeitverhaltens wertvoll (unbeobachtetes Gangbild, flüssiges An- und
Auskleiden, Handverschwielung, Tätigkeiten im Haushalt, Treppensteigen,
Freizeitaktivitäten, Urlaube, Spaziergänge, Autofahrten, etc.) (33). Berichte aus den
USA zeigen, dass die staatliche Unterstützung den wichtigsten Indikator für
Langzeitberufsunfähigkeit darstellt (34). Arbeitende FM-Patienten bieten weniger
Tagesmüdigkeit und weniger funktionelle Gastrointestinalbeschwerden. Vergleiche zwischen
arbeitenden und nicht-arbeitenden FM-Patienten weisen darauf hin, dass höherer
Bildungsstand, langjährige Beschäftigung bei einem Arbeitgeber und Zufriedenheit mit der
Arbeitssituation wesentliche Faktoren für eine kontinuierliche Beschäftigung sind (35).
Auch tragen rege familiäre und soziale Aktivitäten zur Besserung der Schmerzsymptomatik
bei (36).
Die gutachterliche Beurteilung des Leistungsvermögens von FM-Patienten ist problematisch.
Ein völlig aufgehobenes Leistungsvermögen liegt in aller Regel nicht vor. Unter
Berücksichtigung individueller Besonderheiten ist eine vollschichtige Tätigkeit für
körperlich leichte, gelegentlich auch mittelschwere Arbeiten gegeben (37). Bei seelischen
und Verhaltensauffälligkeiten ist die Mitbeurteilung der psychischen Komorbidität durch
den Neuropsychiater unabdingbar. Zwangshaltungen, feuchte kalte Räume oder Zugluft
sollten vermieden werden. Das Gehvermögen, die intellektuelle Belastbarkeit und die
Umstellungsfähigkeit auf neue Arbeitsbereiche ist nicht beeinträchtigt. In der Regel ist
ein Grad der Behinderung von 30 gerechtfertigt. Es sei betont, dass allein die Diagnose
der Fibromyalgie, wie von einigen Betroffenen angenommen, noch keine Anspruchsgrundlage
für Leistungen darstellt.
Literatur bei den Verfassern
Dr. Joachim Georgi, Ostseeklinik Damp
Prof. Dr. Jörg-Dieter Herrlinger, KreiskrankenhausRendsburg
Prof. Dr. Dr. phil. Hans-Heinrich Raspe,
Institut für Sozialmedizin der Medizinischen Universität Lübeck |

Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 04 / 2001
S. 32 - 35 |