Zur Berufung von Prof. Dr. Doris Henne-Bruns auf
den Lehrstuhl für Allgemeine Chirurgie und Visceralchirurgie der Universität Ulm
Prof. Dr. Doris Henne-Bruns wird bei Annahme ihres Rufes an die Chirurgische
Universitätsklinik in Ulm die erste Frau auf einem deutschen Lehrstuhl (C4) für
Chirurgie sein. Die Erste zu sein, ist ihr dabei fast schon zur Gewohnheit
geworden, denn am Universitätsklinikum in Hamburg war sie 1988 die erste Frau, die sich
mit einer Arbeit zur Auxiliären Hepatocytentransplantation überhaupt für
das Fach Chirurgie habilitierte, sie war 1984 nicht nur in Deutschland die erste Frau, die
ein Lebertransplantationsprogramm mit aufbaute und diese Operationen selbstständig
durchzuführen vermochte und sie erhielt schon 1993 einen Ruf auf eine
C3-Lebenszeitprofessur für Onkologie und Transplantationschirurgie an der CAU in Kiel,
verbunden mit der Position der stellvertretenden Direktorin der Klinik für Allgemeine
Chirurgie und Thoraxchirurgie.
Als ich mich anlässlich eines Forschungsaufenthaltes von Doris Henne-Bruns in Chicago bei
dem dortigen Chef des Departments nach dem Stand des Forschungsprogrammes erkundigte,
bekam ich die kurze Antwort Her program is running well, this is a straight forward
working woman. Dieser kurze Satz charakterisiert Prof. Henne-Bruns zwar einerseits
gut, wird ihr aber bei weitem nicht gerecht, weil er nur ein schmales Segment ihrer
Persönlichkeit beschreibt.
Ihre Antrittsvorlesung in Kiel zum Stellenwert des Sterbens in der Medizin hat an der
Fakultät einen bleibenden Eindruck hinterlassen und eine ganz andere Fassette dieser
scheinbaren Karrierefrau erkennen lassen, deren tägliches Leben sowohl in Beruf als auch
privat von hohem sozialen Engagement und Kompetenz geprägt ist. Ihre persönlichen
Interessen gehen weit über die medizinspezifischen hinaus und sie versteht es, sich
dafür die notwendigen Freiräume zu erhalten, was letztlich der Klinik und den Patienten
wieder zugute kommt. Diese schätzen an ihr nicht nur ihre außergewöhnlichen
chirurgisch-technischen Fähigkeiten, sondern besonders ihre Fähigkeit, zuzuhören und zu
raten bei der immer wiederkehrenden Frage nach der postoperativen Zukunft. Die dabei zu
Tage tretende Lebenserfahrung zeugt von einer ungewöhnlich komprimierten Lebensweise.
Nicht nur im Gespräch mit Patienten weicht Prof. Henne-Bruns keinem Problem aus. In den
vielen Jahren meiner Zusammenarbeit mit ihr habe ich es kein einziges Mal erlebt, dass sie
ein sich abzeichnendes Problem nicht sofort und analytisch klar seziert zur Sprache
gebracht hätte. Diese sie charakterisierende Fähigkeit einer außergewöhnlich starken
Persönlichkeit habe ich sehr zu schätzen gelernt, da das Resultat nicht immer die
einfachste aber sicher die geradlinigste Problemlösung darstellt. Auch in den letzten
zwei Jahren ihrer Bewerbungsphase ist sie in keinem Kommissionsgespräch, dessen Zeuge ich
war, davon zugunsten eventuell besserer Chancen abgewichen. Ich bin mir sicher, dass die
Kollegen in Ulm gerade diese Eigenschaft nach kurzer Eingewöhnungsphase zu schätzen
lernen werden.
Die Studenten in Ulm werden sie lieben, weil sie zwar einerseits viel fordert,
andererseits aber auch sehr viel einbringt. Sie gehört zu den Hochschullehrern im besten
Sinne, die nicht nur Fachwissen spannend zu vermitteln vermögen, sondern zusätzlich
Persönlichkeitsbildung einfordern mit dem Ziel, dass Verantwortlichkeiten erkannt und
später auch übernommen werden.
Prof. Dr. Henne-Bruns ist in der kürzeren Vergangenheit von frauenfördernden
Organisationen ein wenig im Sinne der Vorbildfunktion vereinnahmt worden. Für ihre
eigene Person hat sie staatlich geförderte Protektion immer abgelehnt, sie
hatte und hat sie auch nicht nötig, einmal, weil sie immer durch ihre Fähigkeiten
überzeugt, zum anderen, weil die Institutionen, an denen sie bisher gearbeitet hat, keine
frauenspezifischen Behinderungen aufweisen.
Aus der langjährigen Zusammenarbeit mit Doris Henne-Bruns weiß ich, dass sie zu den
Menschen gehört, die Visionen haben und auch umzusetzen vermögen. Sie wird zweifellos
sehr schnell unter Beweis stellen, dass die Fähigkeiten zur Leitung einer großen
chirurgischen Universitätsklinik von der Natur nicht geschlechtsspezifisch verteilt
werden. (Prof. Dr. Bernd Kremer)