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Arzt-Patienten-Beziehung
im Wandel der Zeit
Heinz-Peter Sonntag
...lautete der Titel der Festansprache von Prof. Dr. Fritz
Hohagen, dem Direktor der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie bei der
diesjährigen Promotionsfeier der MUL. Die Arzt-Patienten-Beziehung war seit jeher ein
Ausdruck und Spiegel der Gesellschaft, die seit Jahrhunderten einem dramatischen Wandel
unterliegt.
Leitmotiv des Vortrages von Prof. Hohagen war ein Zitat von Karl Jaspers: Anspruch
auf Wahr- heit hat nur der Patient. Die Arzt-Patienten-Beziehung sei auch Inhalt der
Reform des Studienplans im ersten Semester an der MUL, der in dieser Form nur in Lübeck
angeboten wird.
Das Arzt-Patienten-Verhältnis in prähistorischer Zeit liegt im Dunkeln. Aufgrund von
Felszeichnungen kann man annehmen, dass Krankheit eine Rache oder böse Laune der Geister
war. Zwischen den Geistern und den Erkrankten stand unter Umständen ein Heiler oder
Magier.
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Näheres weiß man erst seit
Erfindung der (Keil-) Schrift im ersten Jahrtausend vor Christus. Die Behandlung bestand
zunächst aus Beschwörung, aus Ritualen und Opfern. Erst später findet man in den
Schriften Anweisungen für Säfte, Salben und Ähnliches. Man hat auch Schriften gefunden,
in denen das enge Verhältnis der Ärzte zum Honorar dokumentiert wird. Dagegen wurden
Kunstfehler mit drakonischen Strafen belegt: Chirurgen wurde beispielsweise bei einem
Misserfolg die Hand entfernt: So konnte man sein Können später sofort beurteilen.
Die Medizin entfernte sich jetzt zunehmend vom Glauben und der Arzt spezialisierte sich
mehr und mehr. Es ist bekannt, dass an den Palästen Spezialisten als Hofärzte tätig
waren. Gleichzeitig aber auch Priester und Magier, wobei das Tätigkeitsfeld übergreifend
war.
In der griechischen Medizin im sechsten bis fünften Jahrhundert vor Christus wird die
Magie zunehmend von der Logik abgelöst, von der Naturbeobachtung. Aus seinem eigenen Fach
gab Prof. Hohagen ein Beispiel: Epilepsie wurde nicht mehr als heilige
Krankheit gesehen, sondern als eine im Gehirn lokalisierte Erkrankung. Aus dieser
Zeit stammt der Eid des
Hippokrates mit deutlichen Forderungen an das Arzt-Patienten-Verhältnis.
Die Krankheit und ihre Heilung werden im beginnenden Christentum als Läuterung angesehen.
Jesus als Christus medicus weist den Weg zur Sühne, zur Sauberkeit und der
Arzt sieht sich als Mittler zwischen Jesus Christus und den Erkrankten - als barmherziger
Helfer. Seelenheil kann man auch durch gute Taten erreichen, so werden die ersten
Hospitäler als Wohltaten reicher und mächtiger Männer gegründet.
Das siebzehnte Jahrhundert steht unter dem Zeichen des Experiments. Vesal führt die
Anatomie ein, Harvey entdeckt den Blutkreislauf. Das Nervensystem wird von Willis
erforscht und man entwickelt ein biomedizinisches Krankheitsbild. Bei diesem
mechanistischen Krankheitsbild ist das Verhältnis zum Patienten wie das von einem
Mechaniker, der eine Maschine zu reparieren hat.
Mit der Aufklärung kommt eine neue Empfindsamkeit und dadurch die Emanzipation der
Patienten. Eine Hinwendung auf die Patientengeschichte, auf das Umfeld mit emotionaler
Qualität bringt die Romantik und hier wird Dr. Grabow, der Hausarzt der
Buddenbrooks, als mitfühlender Hausarzt genannt.
Die Zellularpathologie von Virchow beherrscht das Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Die
Krankheit muss zellular objektiviert sein. In diesem Rahmen beginnt die große Bedeutung
der ärztlichen Chirurgie durch die Narkose und die Antisepsis.
Das Ende des neunzehnten Jahrhunderts bringt aber auch die Sozialversicherungen: Arzt und
Patient stehen sich nun durch die finanzielle Sicherung der Minderbemittelten nicht mehr
als gesellschaftlich gleich zu gleich gegenüber. Der Arzt ist der Experte und erwartet
Gehorsam: So ist das System asymmetrisch. Der Patient allerdings wird zunehmend
aufgeklärter und damit autonomischer (1923: bill of rights). Die Aufklärung des
Patienten bedeutet für ihn Zustimmung oder Ablehnung einer Therapie.
In der Neuzeit angekommen, führte der Vortrag fast zwangsläufig zur so genannten
Kostenexplosion. Wurden 1988 noch 11,4 % des Bruttosozialproduktes für die
Medizin aufgewandt, waren es 1996 bereits 13,5 %. Die Medizin entwickelt sich zunehmend
marktorientiert und der Arzt muss sich an das entsprechende Vokabular gewöhnen: Patienten
als Kunden, Ärzte als Leistungserbringer und Kliniken als Profitcenter. Der Unterschied
zwischen Patienten und Kunden bedarf für beide Seiten ein neues Denken. Doch unter dem
ständigen Druck, Kosten zu reduzieren, bleibt unter Umständen die Medizin auf der
Strecke. Wieder am Beispiel der Epilepsie erklärte Prof. Hohagen, dass die Krankheit in
der Klinik häufig medikamentös (aber teuer) optimal eingestellt werden kann. Nach
Entlassung würden die ambulant weiter therapierenden Kollegen oft aus Budgetgründen auf
preiswertere Medikamente ausweichen, die oft erhebliche Nebenwirkungen hätten.
Die politischen Gremien müssten jetzt unter Mitwirkung der Ärzte entscheiden, was die
Gesellschaft für die Medizin ausgeben will. In dieser Diskussion müsste von den Ärzten
(oft auch von dem Team) Qualifikation verlangt werden, von den Patienten die Autonomie.
Von beiden Seiten müsste einander Vertrauen entgegen gebracht werden und die Basis
müsste die Menschlichkeit bleiben.
Resümierend meinte der Referent, aus jeder Epoche sei etwas übrig geblieben:
Beispielsweise die magischen Heilerfolge lediglich durch apparative
Diagnostik.
Dr. Heinz-Peter Sonntag, Niobestr. 9,
23570 Travemünde |

Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 03/2001
S. 35 / 36 |