
Risiko II
Die Sicherheit des Luftverkehrs aus der Sicht des Piloten
Heinz-Peter SonntagDer Berichterstatter war nicht überrascht,
dass der Referent schon im Titel seines im Rahmen des studium generale im Wintersemester
2000/ 2001 an der MUL gehaltenen Vortrages eine Schwerpunktverlagerung vornahm, vom Risiko
zur Sicherheit.
Peter Dehning, Flugkapitän bei der nicht genannten größten deutschen Fluggesellschaft,
vielfacher Funktionär bei der Piloten-Vereinigung Cockpit, Ausbildungs- und
Trainingskapitän auf verschiedenen Flugzeugmustern ist zurzeit Kapitän auf einem Airbus
340. Peter Dehning ist seit 34 Jahren in der Luft und befasst sich in seiner Vereinigung
unter anderem mit dem Design des Cockpits.
In einem kurzen Abriss der Geschichte der Passagierluftfahrt zeigte der Referent die
Armaturen einer
F 13 aus dem Jahre 1920, die den Piloten zwangen, mehr oder weniger mit dem
Hintern zu fliegen. Dem gegenüber steht jetzt eine schier unübersehbare Anzahl von
Bildschirmen und Kontrollanzeigen. Und trotzdem wurde die Cockpit-Besatzung seit der
letzten viermotorigen Propellermaschine bis zum heutigen wieder vierstrahligen Jet von
fünf auf zwei herabgesetzt.
Beide haben die gleiche Ausbildung und die gleichen Zertifikate, aber einer ist
dienstälter und somit der Kapitän. Wer allerdings den Flieger startet, landet oder
fliegt, ist eine Frage der Abstimmung untereinander. Und in dieser Abstimmung liegt
insgesamt der wesentliche Faktor der Sicherheit. Pilot zu sein bedeutet nicht nur, eine
Maschine zu bedienen, sondern in diese Maschine integriert zu sein.
Ein großer Flugzeughersteller hat einmal versucht, die menschlichen Fehler dadurch
auszuschalten, dass er seine Flieger vollständig computerisiert hat. Mehrere Unfälle und
Beinaheunfälle haben aber den Hersteller von diesem System wieder abkommen lassen: Für
den Ernst- und den Notfall muss die Crew in der Lage sein, nach einem rubrizierten
Ablaufschema Entscheidungen fällen zu können. Und dies wird immer wieder trainiert unter
der Kennung CCC (co cooperation concept). Und trotz des gewaltigen Trainingsaufwandes, auf
das der Flugkapitän immer wieder einging, passieren Fehler bei allen Menschen, die mit
dem Fluggerät zu tun haben. Schon bei der Reinigung kann ein umgekippter Wassereimer zu
folgenschweren Kurzschlüssen führen. Dies darf aber nicht verheimlicht werden. Diese
Anzeigen müssen selbstverständlich vertraulich sein. Der Verursacher des Fehlers muss
keine disziplinären Maßnahmen befürchten, sondern eher ein Lob dafür erwarten dürfen,
dass er diesen vielleicht vorher noch nie bedachten Vorfall gemeldet hat. Dass ein
Fehler möglichst nur einmal vorkommt, ist Sinn der Sache.
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Sturmböen in Bodennähe (Scherwinde) befürchten
die Piloten beim Wetterbriefing mehr als Nebel, Gewitter oder Schnee. Und Flüge über
Ozeane sind im Notfall weniger gefürchtet als über Wüsten oder über Sibirien.
Flugzeuge für derartige Routen müssen besonders ausgerüstet und gecheckt werden.
Auf die technische Sicherheit der Fluggeräte angesprochen, schilderte Flugkapitän
Dehning die zum Teil dreifache Redundanz und die Berücksichtigung zum Beispiel der
Restflugzeit beim Ausfall von Triebwerken.
Befragt nach sprachlichen Problemen beim Kontakt mit der Flugsicherheit am Boden,
erklärte der Vortragende, dass ja die Flugsprache Englisch sei. In Russland und Ostasien
sei das Englisch der Fluglotsen nur marginal, das aber gut verständlich. Angst hätten
die Piloten allerdings in den USA, weil die amerikanischen Lotsen fest davon überzeugt
seien, dass jedermann auf der Welt ihren Slang verstehe.
Prof. Dr. phil. Dietrich von Engelhardt, Leiter dieser Vortragsreihe, kam abschließend
zurück auf den strikten Ablauf der Entscheidungskette zwischen den beiden Piloten und das
co cooperation concept. Hier sei die Nähe zum Arztberuf, bei dem auch Probleme außerhalb
der Routine zu ähnlichen Sofortentscheidungen führen können.
Dr. Heinz-Peter Sonntag, Niobestr. 9, 23570 Travemünde |

Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 03/2001
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