Universitätsklinika
in Schleswig-Holstein:
Steinbruch oder Standortfaktor?
Ekkehard KlugMitte Januar hat die
schleswig-holsteinische Landesregierung das Ziel proklamiert, die Hochschulmedizin im
nördlichsten Bundesland in einem einheitlichen Universitätsklinikum
Schleswig-Holstein zusammenzufassen.
Begründet wird dieses Vorhaben mit der Finanzknappheit der Universitätsklinika
aufgrund des Strukturwandels im Gesundheitswesen und mit dem zunehmenden Kostendruck
in diesem Bereich. In einer Pressemitteilung vom 23. Januar verweist das Kieler
Kultusministerium darauf, dass die Abrechnung mit den Krankenkassen 2003 auf
Fallpauschalen umgestellt werde, die die Kosten nicht-universitärer Krankenhäuser
widerspiegelten: Es sei deshalb zu befürchten, dass die Umstellung auf
Fallpauschalen für die Universitätsklinika zu weiteren Einnahmeeinbußen führten,
erklärte Staatssekretär Dr. Ralf Stegner.
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| Dr. phil. habil. Ekkehard
Klug, MdL |
Die Pläne der Landesregierung haben die
Betroffenen in Kiel und Lübeck in helle Aufregung versetzt. Der Lübecker Bürgermeister
meldete sich mit der Forderung zu Wort, die Hochschulmedizin solle auf den Standort
Lübeck konzentriert werden. Explizit schlug er vor, die Medizinische Fakultät der
Universität Kiel zu schließen. Dieses Beispiel zeigt, dass die Landesregierung mit ihrem
Fusionsplan Risiken und Nebenwirkungen heraufbeschwört, die zerstörerisch
sein können. Die Befürchtung, ein Zusammenschluss der Kieler und der Lübecker
Universitätsklinika könne womöglich nur der Auftakt - und ein Hebel - zur Demontage der
Hochschulmedizin sein, kann sogar dazu führen, dass einer der beiden Standorte insgesamt
in Frage gestellt wird.
Dabei hatte es nach der letzten Landtagswahl noch so ausgesehen, als wolle man in
Schleswig-Holstein neue Standortchancen für die Medizin erschließen, statt deren
Elite, die Universitätsklinika, zur Demontage freizugeben.
Ministerpräsidentin Heide Simonis vertrat in ihrer Regierungserklärung im Mai 2000 die
Auffassung, Gesundheit werde zum wichtigsten Zukunftsmarkt, zur
Wachstumslokomotive des 21. Jahrhunderts. Die Regierungschefin forderte
deshalb den Ausbau Schleswig-Holsteins zu einer hochkarätigen Adresse für Wellness
und Gesundheit und bezeichnete dies als einen Schwerpunkt ihrer Regierung. Massive
Einschnitte in der Hochschulmedizin wären so ziemlich das Letzte, was zur Realisierung
dieser Ziele beitragen könnte. Falls es bei den Ankündigungen der Ministerpräsidentin
nicht von vornherein um den Aufbau Potemkinscher Dörfer gehen sollte, kann und darf es
nicht zu solchen radikalen Schnitten kommen. Die Universitätsklinika in Lübeck und Kiel
sind in unserem Land schließlich die einzigen Einrichtungen der klinischen
Maximalversorgung. Der Wissenschaftsrat hat ihnen in seiner letzten Stellungnahme eine im
Vergleich zum Bundesdurchschnitt qualitativ gute Lehre bescheinigt. Das Niveau
ihrer medizinischen Forschung bezeichnete der Wissenschaftsrat sogar als in einigen
Bereichen sehr hoch.
Wird
die Hochschulmedizin in unserem Land zu einem Steinbruch für Sparmaßnahmen oder nutzen
wir sie als einen im 21. Jahrhundert immer wichtiger werdenden Standortfaktor? |
Es ist erst wenige Wochen her, dass
Kultusministerin Ute Erdsiek-Rave sich an ihre Kollegin in der Bundesregierung gewandt
hat, um für den Ausbau der Biotechnologie- Forschung Gelder aus den UMTS-Zinserlösen des
Bundes locker zu machen. 100 Millionen Mark sollen in den Aufbau eines Gründer- und
Innovationszentrums Biotechnologie an den Standorten Kiel und Lübeck fließen. An
beiden Orten bereits vorhandene Forschungskompetenzen sollen dabei zu einem Center
of excellence gebündelt werden. Würde man die hierfür benannten
Forschungsstandorte nun in Schleswig-Holstein selber in Frage stellen, so wäre das aus
Berliner Sicht gewiss kein überzeugender Beitrag, die Bitte um Bundesmittel als
ernsthaftes Anliegen erscheinen zu lassen.
Auch die BSE-Krise und die damit verbundenen Sorgen vor einer Ausbreitung der
Creutzfeldt-Jacob-Krankheit haben die Bedeutung einer medizinischen Forschung auf
höchstem Niveau nachdrücklich ins Bewusstsein gerufen. Gleichwohl ist im Lande
verschiedentlich zu hören, die Ausgaben für Hochschulmedizin müssten radikal
beschnitten werden. Ihr Anteil an den schleswig-holsteinischen Hochschulausgaben sei zu
hoch; unser Land bilde im Vergleich zu anderen Bundesländern zu viele Mediziner aus.
Würde sich in anderen Bundesländer eine ähnliche Sichtweise durchsetzen, bekämen wir
aber bald noch ganz andere Probleme: Dann nämlich würde man uns vorwerfen, dass unser
Land, das beim Studentenexport im Uni-Bereich mit einem Minus-Saldo von 34 %
die schlechteste Bilanz aller Bundesländer vorweist, eigentlich rund 12 000
Universitätsstudenten mehr ausbilden müsste, als dies derzeit der Fall ist.
Der hohe Anteil der Medizin an den schleswig-holsteinischen Hochschulausgaben beruht auf
Strukturentscheidungen, die bereits mehrere Jahrzehnte zurückliegen. Die
Maximalversorgung im Krankenhauswesen ist auf die Uniklinika ausgerichtet. Es spricht
daher alles dafür, dass wir die Hochschulmedizin nun als Standortfaktor für den
Zukunftssektor Gesundheit nutzen, statt einen der wenigen Bereiche, in denen
Schleswig-Holstein günstige Rahmenbedingungen als Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort
vorweisen kann, auf ein vermeintliches Normalmaß zurückzustutzen. Im
Übrigen würde die Schließung eines der beiden schleswig-holsteinischen
Hochschulmedizin-Standorte den Bund dazu veranlassen, die dort investierten
Hochschulbaumittel zurückzufordern. Auch dies wäre ein unverzeihliches Eigentor.
Bei der Diskussion über die weitere Entwicklung der Universitätsklinika in Kiel und
Lübeck sollte der Fusionsplan nicht zu einem Dogma erhoben werden. Würden die Kieler und
die Lübecker Hochschulmedizin zu einem Universitätsklinikum
Schleswig-Holstein zusammengeschlossen, wäre dessen Anbindung an die Medizinische
Universität Lübeck bzw. die Medizinische Fakultät der Uni Kiel sicher nur sehr schwer
zu gewährleisten. Der Dekan des Fachbereichs Humanmedizin der FU Berlin, Professor Martin
Paul, schrieb am 30. November 2000 im Berliner Tagesspiegel:
Die organisatorische und vor allem räumliche Trennung von medizinischem Fachbereich
und Klinikum ist stringent in Deutschland nur einmal im so genannten Bochumer
Modell verwirklicht. Dort zeigt sich an Hand der Leistungszahlen, insbesondere in
Forschung und Lehre, dass solche Strukturen zu hinteren Plätzen in der Rangliste
deutscher Universitätsklinika führen.
Wenn es darum geht, mehr Wirtschaftlichkeit im Betrieb der Uniklinika zu erreichen, so
zeigen gerade die Erfahrungen aus der Wirtschaft, dass Großfusionen dazu nicht unbedingt
immer der geeignete Weg sind, um dieses Ziel zu erreichen. Große Konzerne sind vielmehr
oft zu dezentralen Lösungen übergegangen, etwa zum Aufbau von Profit-Centern. Mit
gemeinsamen Dienstleistungs- und Serviceeinrichtungen für die Kieler und die Lübecker
Uniklinika, etwa zur kostengünstigen Beschaffung des Klinikbedarfs, ließe sich dies
durchaus verbinden, vielleicht sogar im Rahmen einer Teilprivatisierung. Eine erweiterte
Kooperation und Arbeitsteilung zwischen Kiel und Lübeck kann sicher hilfreich sein, und
zwar nicht nur im Sinne von Kosteneinsparungen, sondern auch zur verstärkten Nutzung des
gemeinsamen Forschungspotenzials. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat vor einiger Zeit
die Förderung so genannter Transregio-Sonderforschungsbereiche begonnen, bei
denen mehrere Universitäten ihre Forschungskapazitäten bündeln. Solche Ansätze zur
Zusammenarbeit bieten sich gerade auch für die Universitätsklinika in Kiel und Lübeck
an, die bisher bereits mit rund 19 bzw. 17 Millionen DM beachtliche Drittmitteleinnahmen
vorweisen können.
Darüber hinaus gibt es derzeit manche Belastung, die das Land den Universitätsklinika
ersparen könnte. Bislang sind die Uniklinika in Schleswig-Holstein gesetzlich dazu
verpflichtet, bei Baumaßnahmen die Dienstleistungen der GMSH - der ehemaligen
Landesbauverwaltung - in Anspruch zu nehmen. Könnten sie Aufträge in diesem Bereich auch
kostengünstiger an andere Auftragnehmer vergeben, so wäre dies gewiss ein hilfreicher
Beitrag, um sie von dem ja auch von der Landesregierung beklagten Kostendruck zu
entlasten.
Auch in einem anderen Bereich könnte das Land den Universitätsklinika helfen,
wirtschaftlicher zu arbeiten. Die schleswig-holsteinische Gesundheitsministerin hat den
Uniklinika wiederholt Beschränkungen auferlegt: in Lübeck durch die Deckelung der
Operationszahlen in der Herzchirurgie oder in Kiel durch den Abzug von Patientenfällen
aus der Orthopädie. Solche administrativen Vorgaben führen zu einer regierungsseitig
verordneten Unwirtschaftlichkeit.
In den kommenden Monaten steht die Landespolitik im Bereich Hochschulmedizin vor wichtigen
Weichenstellungen. Im November will die Landesregierung konkrete Beschlüsse über einen
Referentenentwurf fassen. Nach der dann folgenden öffentlichen Anhörung wird - nach der
derzeitigen Terminplanung - das Kabinett im April 2002 einen Gesetzentwurf zur Reform der
Universitätsklinika beschließen. Nach dessen 1. Lesung im Landtag (Mai 2002) soll die
parlamentarische Beratung und Beschlussfassung bis zum Jahresende 2002 abgeschlossen
werden.
Als Hochschulpolitiker würde ich es sehr begrüßen, wenn die schleswig-holsteinische
Ärzteschaft den bevorstehenden Diskussionsprozess intensiv begleitet und mitgestaltet. Es
geht um nichts Geringeres als um die Frage: Wird die Hochschulmedizin in unserem Land zu
einem Steinbruch für Sparmaßnahmen oder nutzen wir sie als einen im 21. Jahrhundert
immer wichtiger werdenden Standortfaktor?
Dr. phil. habil. Ekkehard Klug, F.D.P.-Landtagsabgeordneter,
Parlamentarischer Geschäftsführer der F.D.P.-Fraktion |

Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 03/2001
S. 17 - 19 |