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Aus Bad Segeberg

Eröffnungsveranstaltung 2001 der Akademie für medizinische Fort- und Weiterbildung
„Was macht den Arzt?“
Horst Kreussler

„Omnia dominat morbus“
Ein guter Arzt ist mehr als nur ein guter Mediziner, ist oft zu hören. Was aber macht den guten Arzt, die gute Ärztin aus? Wo und wie sind die erwünschten Eigenschaften zu erwerben? Welche Rolle spielen Universität, Gesellschaft und Politik? Keine endgültigen Antworten, aber viele Hinweise auf diese Fragen erhielten - unter Moderation von Reinhard Kahl, Hamburg - die Teilnehmer des Ärzte-Patientenforums am 3. Februar in der „Werkstatt“ der Kammer.

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Hob die humanitäre Ausrichtung des Arztes hervor: Prof. Dr. Peter F. Matthiessen, Krankenhaus Witten-Herdecke (Foto: rat)

Viele gute Eigenschaften könnten von Ärzten verlangt werden, überlegte Kammerpräsident Dr. Eckard Weisner in seiner Einführung: offen, einfühlsam, kommunikativ, ehrlich, betriebswirtschaftlich geschult usw. Oder zugleich Samariter und Dienstleister, Anwalt des Patienten und beauftragter Sparkommissar? Nein, das sei wohl eine Überforderung. Dass aber mehr als nur gute kognitive Fähigkeiten („Einser-Abiturienten“) wichtig seien, leuchte ein: Sozialkompetenz und Patientenorientierung müßten einen mindestens so großen Stellenwert haben. Das sei aber schwierig bei kontraproduktiven Rahmenbedingungen, vom Studium angefangen. Ob richtig mit den Ärzten umgegangen werde - das sei auch eine Frage. Und zufriedene Ärzte seien letztlich gut für die Gesellschaft, schloss Weisner.
Die humanitäre Ausrichtung des Arztes hob auch Prof. Dr. Peter F. Matthiessen vom reformorientierten Krankenhaus Witten-Herdecke hervor. Sie geselle sich entgegen verbreiteter Ansicht nicht einfach im Laufe der Zeit zur medizinischen Kompetenz hinzu. Entscheidend sei, ob der Medizinstudent von früh an ein reduziertes naturwissenschaftliches Bild vom Menschen, vom Patienten habe, oder ob er die Einheit von Körper, Geist und Seele wahrnehme, die sich auch durch eine Krankheit weiterentwickeln könne. Ärztliche Tätigkeit sei für ihn primär Hilfe für einen in Not geratenen Menschen, auch mit Hilfe der Naturwissenschaften, nicht umgekehrt zuerst angewandte Naturwissenschaft. Dieser Ansatz führe zu unterschiedlichen Auffassungen von Diagnose und Therapie.

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Weitere Referenten bei der Eröffnungsveranstaltung, v. l. n. r.:
Dr. Eckard Weisner, Präsident der Ärztekammer, Prof. Dr. jur. Edzard Schmidt-Jortzig, MdB und Ex-Justizminister und Prof. Dr. Peter F. Matthiessen, Krankenhaus Witten-Herdecke (Fotos: hk)

In der naturwissenschaftlichen Sicht der Determination sei Krankheit eine passive Funktionsstörung, deren Symptome kausal ableitbar seien. Dagegen beinhalte die Perspektive der Eigengesetzlichkeit Krankheit als „veränderte Gesamtleistung“ und die Symptome auf Selbstheilung zielend (gelingend oder misslingend). Ein bekanntes Beispiel: Fieber entweder als thermoregulatorische Fehlleistung oder als biologische Selbstbehauptungsreaktion.
Ein „ganzheitliches“ Verständnis des individuellen Falles könne es nur in dem Sinne geben, dass der Arzt versuche, den Patienten nicht nur aus einer, sondern aus verschiedenen Perspektiven zu sehen. Auch das Krankheitserleben des Patienten gehöre dazu. Erfahrene Ärzte seien oft in dieser Gesamtbeurteilung besser, jüngere wiederum in der Erfassung der Symptome.

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Steuerte ein humorvolles Intermezzo bei: Kurt Kieselbach, Journalist aus Bonn (Foto: rat)

Der von Matthiessen abschließend skizzierte fallorientierte Modellstudiengang Medizin in Witten-Herdecke werde in ähnlicher Form nach Berlin noch in diesem Jahr auch in Hamburg erprobt, kündigte Prof. Dr. Winfried Kahlke (Universitätsklinik Eppendorf) an. Bereits in früheren Jahren habe es in Hamburg ermutigende Reformansätze gegeben (gegen die „Beharrlichkeit des etablierten Systems“), etwa eine Orientierungswoche für Anfänger und andere interdisziplinäre, auch die Ethik einschließende Veranstaltungen. Allerdings sei die Universität nur ein Faktor auf dem Weg zum Arzt: „Wer den aufrechten Gang nicht eingebüßt hat, sollte eigentlich ein guter Arzt werden.“
Weitere Kriterien des guten Arztes trug Prof. Dr. phil. Manfred Schleker (Bonn, Berlin, Eutin) aus philosophischer Sicht vor. Für ihn kennzeichnet den guten Arzt heute wie seit Beginn der Philosophie- und Medizingeschichte die Hilfe für den einzelnen Menschen in seiner Ganzheit: Heilkunst, misericordia (in der mittelalterlichen Mönchsmedizin), Gesprächsmedizin. Erst im 19. Jahrhundert habe das aufkommende naturwissenschaftliche Denken das ursprüngliche Philosophicum im Medizinstudium zugunsten des Physikums verdrängt. Den guten Arzt, der auch heute Medizin als Humanwissenschaft verstehe, mache aus: ärztliches Ethos, Liebe zum Menschen, Ausgleich ökonomischer Zwänge durch Religion oder philosophische Lebenskunst, Achtung des Kranken als anders (nicht normdefizitär), meditatio mortis, Maßhalten und Zeit für die Kranken.

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„Bereits in früheren Jahren habe es in Hamburg ermutigende Reformansätze gegeben“, so Prof. Dr. Winfried Kahlke, Universitätsklinik Eppendorf

Nach beeindruckenden Diskussionsbeiträgen aus Medizinstudium, ärztlichem Praktikum und Intensivpflege (Elke Sadlowsky, Flensburg) und einem humorvollen Intermezzo des Bonner Journalisten Kurt Kieselbach („Die Welt“) über das teils sehr positive, teils auch kritische Arztbild in der Bevölkerung (Seitenhieb: schwache Pressearbeit der meisten ärztlichen Körperschaften und Verbände!) betonte Prof. Dr. jur. Edzard Schmidt-Jortzig, MdB (ehemals Uni Kiel, Ex-Justizminister), neben der medizinischen Kompetenz seien konstitutiv für den guten Arzt sein Gewissen und seine Fähigkeit, sich ganz auf das Leiden des Patienten konzentrieren zu können
(...„omnia dominat morbus“).
Die Schlussbemerkungen der Tagungsleiter und des Präsidenten verbanden Forderungen an den einzelnen Arzt wie an die Gesellschaft: mehr Autonomie (Dr. Bartmann), mehr Selbstreflektion (Dr. Sachau), moralische Haltung des einzelnen Arztes - ja, aber die Gesellschaft muss dabei helfen (Dr. Weisner)!

Dr. jur. Horst Kreussler, An der Karlshöhe 1, 21465 Wentorf

SH Ärzteblatt 03/2001

Schleswig-Holsteinisches

Ärzteblatt 03/2001

S. 7 - 9

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