Medizin und Wissenschaft |
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Experten diskutieren neue Therapieansätze Das Flaggschiff der ärztlichen Fortbildung feierte Jubiläum: Seit 25 Jahren ist das Interdisziplinäre Forum »Fortschritt und Fortbildung in der Medizin« die zentrale Fortbildungsveranstaltung der Bundesärztekammer und der größte fachübergreifende Kongress dieser Art im deutschsprachigen Raum, so Prof. Dr. Heyo Eckel, Vorsitzender des Deutschen Senats für ärztliche Fortbildung. Auch in diesem Jahr standen neue Erkenntnisse der medizinischen Forschung und ihre Auswirkungen auf die Praxis im Mittelpunkt der Vorträge und Diskussionen. Gefragt wurde u. a. auch: Was ist neu und was ist hiervon für die praktische Medizin von Bedeutung? Welche Methoden sind überholt, welche werden zu Unrecht nicht mehr angewandt? Welche alten Methoden sind zu Unrecht in Vergessenheit geraten? Welche Fehler werden erfahrungsgemäß häufig gemacht? Fünf Themenkomplexe wurden bearbeitet:
In Deutschland werden immer noch viele Patienten am Lebensende in ein Krankenhaus eingewiesen, obwohl eine Versorgung zu Hause möglich wäre und von den meisten Menschen auch gewünscht wird. So sterben etwa 70 % aller Tumorpatienten in Krankenhäusern und nur 30 % in ihrer vertrauten häuslichen Umgebung. Ambulante Palliativdienste könnten das Defizit an häuslicher Betreuung mindern und wären eine große Hilfe für Patienten, Angehörige und Hausärzte. In Deutschland gibt es aber erst sehr wenige solcher Dienste, deren Strukturen darüber hinaus sehr heterogen sind.
Hausbesuche von Ärzten seien bei der ambulanten Betreuung von unheilbar Kranken unerlässlich, so Dr. Thomas Schindler, Arzt für Allgemeinmedizin aus Berlin. In den ärztlichen Gebührenordnungen seien palliativmedizinische Leistungen aber kaum berücksichtigt. Aufgrund der herrschenden Budgetierungszwänge werden die ohnehin fast nicht vorhandenen Abrechnungsmöglichkeiten für palliativmedizinische Leistungen noch weiter eingegrenzt, sodass engagierte Palliativmedizin im ambulanten Sektor immer auch ein hohes Maß persönlicher Einsatzbereitschaft bedeutet, so Schindler.
Die Palliativmedizin hat noch nicht den
Stellen-
Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparates, insbesondere Arthrose und Arthritis, haben in den Industrienationen stark zugenommen. Als Ursache für Arbeitsunfähigkeit, Schwerbehinderung und Frühberentung stehen sie an erster Stelle, sagten übereinstimmend der Orthopäde Prof. Dr. Bernd-Dietrich Katthagen von den Städtischen Kliniken Dortmund und der Rheumatologe Prof. Dr. Henning Zeidler von der Medizinischen Hochschule Hannover. Die Bewältigung der chronischen Gelenkzerstörung bleibe eine lebenslange Aufgabe, so die Experten.
Trotzdem wird gerade bei diesen Volkskrankheiten
der Rotstift angesetzt. Es ist erschreckend, dass trotz aller Fortschritte in der
Rheumatologie nur rund 15 % der rund eine Million Menschen mit chronischer Polyarthritis
in fachärztlicher Behandlung sind, beklagte Helga Germakowski, erste
Vizepräsidentin der Deutschen Rheuma-Liga in Nordrhein-Westfalen. Als einen der Gründe
nannte sie die strikte Budgetierung im Gesundheitswesen, die zu Schließungen von
Reha-Kliniken und Zulassungssperren für niedergelassene Rheumatologen geführt habe.
Chronisch Kranke werden wegen der Budgets grundsätzlich zur Belastung. Jeder Arzt
wird den normal Kranken haben wollen, nicht aber den Rheumakranken, der sein
Budget insgesamt belastet und ihn eventuell zwingt, sich für oder gegen die Mehrheit
seiner Patienten zu entscheiden, sagte Helga Germakowski. Trotz der rasanten
Entwicklung in der Rheumatologie drohe der Fortschritt in der Behandlung Rheumakranker
nachhaltig durch die Budgets behindert zu werden, warnte sie.
Die Meldung von der Entschlüsselung des menschlichen Genoms wurde im vergangenen Jahr als Jahrhundertereignis gefeiert. Bisher sind jedoch nur etwa 50 % des menschlichen Genoms durch entsprechende Publikation der forschenden Öffentlichkeit zugänglich. Darauf machte Prof. Dr. Detlev Ganten vom Berliner Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin aufmerksam. Die Aufklärung der Gesamtsequenz des menschlichen Erbgutes sei zu einem Wettlauf zwischen nicht-kommerziellen (staatlichen) und kommerziellen (privatfinanzierten) Einrichtungen geworden. Zu großen Teilen ist das wissenschaftliche Forschungsprojekt zu einem biotechnologischen Unternehmen geworden, hinter dem mit handfesten marktorientierten Interessen die pharmazeutische Industrie steht, sagte Ganten.
Schon jetzt habe die Einführung gen-
Biotechnologische Firmengründungen mit dem
Schwerpunkt Genomforschung sind inzwischen das am schnellsten wachsende Industriesegment
in Deutschland. Dadurch gewinne auch die Patentierung isolierter Gensequenzen große
Bedeutung, so Ganten. Bei der Erteilung von solchen Biopatenten müsse eine Behinderung
der Forschung auf diesem Gebiet vermieden werden: Statt einer Patentierung sollten
Gensequenzen grundsätzlich in Datenbanken frei verfügbar gehalten werden und durch
Erhebung einer Benutzungs- bzw. Lesegebühr finanziellen Anreiz für eine weitere
Erforschung bieten, schlägt Ganten vor. Mögliche Konflikte durch prädiktive Diagnostik von Krebserkrankungen
Mit konkreten Anwendungsmöglichkeiten der Molekularen Diagnostik befasste sich Prof. Dr. Peter Propping vom Institut für Humangenetik der Universität Bonn. Er erläuterte, welche großen Chancen der Krankheitsfrüherkennung und Krankheitsvermeidung sich durch die molekulargenetische Diagnostik ergeben, sowohl im Hinblick auf die erblich bedingten Krebserkrankungen als auch im Hinblick auf die viel häufigeren nichterblichen Tumorkrankheiten. Schon heute gibt es z. B. für erblichen Darmkrebs und erblichen Brustkrebs Programme zur Früherkennung von Anlageträgern. Durch eine frühe Diagnose der Krankheit kann dann rechtzeitig die Therapie eingeleitet werden. Propping beschrieb aber auch die möglichen Konflikte, die sich aus der prädiktiven genetischen Diagnostik von Krebserkrankungen ergeben können. Schon bei der Berufswahl könnten Probleme entstehen, wenn es bei dem angestrebten Beruf auf völlige Gesundheit ankomme. Auch im partnerschaftlichen Bereich oder bei der Entscheidung über eigene Kinder können sich Probleme ergeben. Dies gilt insbesondere für junge Menschen, die einem Partner ihre Tumordisposition offenbaren, sagte Propping. In der Familie können Konflikte dann entstehen, wenn beispielsweise die Eltern einer zum Test entschlossenen jungen Risikoperson ihre eigene Veranlagung noch nicht kennen. In einem solchen Fall sei das Informationsbedürfnis des Ratsuchenden höher einzuschätzen als das Nichtwissen des betreffenden Elternteils, betonte Propping.
Immer mehr Menschen in Deutschland leiden unter krank machenden Ohrgeräuschen. Rund drei Millionen Bundesbürger sind von chronischem Tinnitus betroffen; für etwa 1,5 Millionen von ihnen bedeutet das Summen im Ohr eine starke Beeinträchtigung der Lebensqualität. Dabei können die Folgen eines chronischen Tinnitus vielfältig sein, erklärte Prof. Dr. Hans-Peter Zenner, Direktor der Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde (HNO) in Tübingen. Schlafstörungen und Depressionen seien keine Seltenheit. Hinzu kämen soziale Auswirkungen, ausgelöst durch die Einschränkungen in der sprachlichen Kommunikation. Dies könne so weit führen, dass Vereinsamung, der Verlust des Arbeitsplatzes und zerbrechende Freundschaften den Betroffenen in Einzelfällen sogar in den Selbstmord treiben können, so Zenner.
Helfen Arzneimittel nicht, dann könne die so
genannte Tinnitus-Bewältigungs-
Neben Tinnitus war auch die Therapie der
Altersschwerhörigkeit Thema des Expertenkongresses. Dass dies kein kleines Problem ist,
zeigte Prof. Dr. Klaus Seifert, HNO-Arzt aus Neumünster, anhand eindrucksvoller Zahlen:
In Deutschland benötigten etwa 11 bis 12 Millionen Menschen eine Hörhilfe, tatsächlich
versorgt sind aber nur 1,8 Millionen. Auch und gerade die Altersschwerhörigkeit werde in
der Regel zu spät für eine optimale Versorgung erkannt und konsequent versorgt. Mit
besserer Aufklärung der Bevölkerung sowie einer gesteigerten Aufmerksamkeit der
Hausärzte wäre allerdings einiges zu erreichen. Dennoch bedarf es dann zusätzlicher
Anstrengungen, die Hemmungen des Hörbehinderten überwinden zu helfen, sich zu dieser
Behinderung zu bekennen und die Hörgeräteversorgung zu akzeptieren. Er muss aber auch
damit leben, dass selbst mit einer optimalen Hörgeräteversorgung - die bei beidohriger
Schwerhörigkeit auch beidohrig erfolgen sollte - er nicht wieder so wie
früher hören kann. Ein weiteres aktuelles Problem neben der Akzeptanz ist, so
Seifert, dass der GKV-versicherte Hörgeräteträger auf bessere Hörgeräte wird
verzichten müssen, wenn er nicht eine Zuzahlung leisten kann.
Wer mit dem Rauchen aufhört, wird zwangsläufig
an Gewicht zunehmen. Das ist die große Sorge vieler entwöhnungswilliger Raucher. Doch
Experten geben Entwarnung: Die vorübergehenden Gewichtsveränderungen nach dem
Rauchstopp gleichen sich innerhalb von wenigen Jahren wieder aus, so Prof. Dr.
Knut-Olaf Haustein vom ersten deutschen Nikotinforschungsinstitut in Erfurt. Die
Gewichtszunahme lässt sich zu Beginn der arztgestützten Entwöhnungsbehandlung auch mit
einer entsprechenden Diät und körperlicher Bewegung in Grenzen halten. Unter den
vorhandenen medikamentösen Verfahren zur Raucherentwöhnung gilt die Behandlung mit
Nikotin-Präparaten inzwischen als Mittel der Wahl: Bei 30 bis 40 % der Raucher führt sie
zur erfolgreichen Entwöhnung. Die größten Vorteile von einer Nikotin-Ersatztherapie
hätten Raucher mit einer starken physischen Abhängigkeit, betonte Haustein.
Auffällig hoch ist Anteil der Alkoholabhängigen unter den Rauchern.
Frühwarnsystem zur Erfassung von Substanzabhängigkeit Auf die Bedeutung einer kontinuierlichen, wissenschaftlich gestützten Erfassung
des Abhängigkeitspotenzials von Medikamenten machte Prof. Dr. Bruno
Müller-Oerlinghausen, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft
(AkdÄ), aufmerksam. Als Skandal bezeichnete er es in diesem Zusammenhang,
dass dem in der Bundesrepublik etablierten und über Jahrzehnte bewährten
Spezialinstrument zur breitflächigen Erfassung von Substanz- Dr. Edda Oppermann, Bismarckallee 8 - 12, 23795 Bad Segeberg |
Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt 02/2001 S. 30 - 35 |
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