|
| Foto: Bilderbox |
Eine ungewöhnliche Praxis
Die Anwohner in der Clemens-Schulz-Straße zahlen mit die höchsten
Abfallentsorgungsgebühren in ganz Hamburg. Trotz der intensiven Bemühungen der
Müllmänner - gegen den Schmutz der nahen Reeperbahn kommt man hier einfach nicht an. Der
Müll und die Kriminalität sind die einzigen Nachteile, die Dr. Sibylle Quellhorst zu
ihrem Praxis-Standort einfallen. Mitten auf St. Pauli, einen Steinwurf von der Reeperbahn
entfernt, liegt ihre Gemeinschaftspraxis. Einen anderen Standort kann sich die junge
Ärztin nicht vorstellen: Ich habe es nie bereut, dass ich hier eingestiegen
bin.
Wer sich in diesem Viertel niederlässt, hat sein Wartezimmer bald voll mit schrägen
Typen. Alt-Linke, Punks aus der Hafenstraße, Penner, zählt Sibylle
Quellhorst auf. Aber auch ganz normale Familien, Studenten und Rentner kommen in die
Praxis. Keiner wundert sich über den anderen. Kiez-Größe, Junkie oder
Durchschnittsmensch akzeptieren sich gegenseitig. Wegen seines Äußeren wird hier niemand
schief angesehen. Sibylle Quellhorst gefällts: Hier sind die Menschen
ehrlich. Die sagen offen, was sie denken.
Trotz aller Toleranz - in der Praxis gibt es Grenzen, die Patienten nicht überschreiten
dürfen. Wenn ein Patient hier unverschämt auftritt, wird er rausgeschmissen. Einige
kommen wieder. In die Praxis ist wiederholt eingebrochen worden. Die mehrfach gesicherte
Eingangstür lässt erahnen, dass man schlechte Erfahrungen gemacht hat.
Unkonventionell wie die Patienten sind bisweilen auch die Methoden, mit denen sich Ärzte
und Mitarbeiter aus der Gemeinschaftspraxis helfen müssen. Etwa wenn man einen
türki-schen Patienten nicht versteht und Sprechstundenhilfe Tülay Seker wegen ihres
freien Tages nicht übersetzen kann. Dann holt man Sabri Celik, der auf der anderen
Straßenseite einen türkischen Imbiss betreibt, zum Dolmetschen herüber.
|
| Dr. Sybille Quellhorst (Foto:
di) |
Die Patienten hier sind es gewohnt, dass ihnen in
der Gemeinschaftspraxis von Sibylle Quellhorst, Michael Klemperer und Birgit Schack
weitergeholfen wird. Nicht nur medizinisch. Man kommt mit Behördenformularen, berichtet
vom Ärger mit dem Sozialamt, von der Wohnungssuche oder den Problemen bei der Arbeit. Und
die Ärzte versuchen zu helfen, wo sie können. Etwa, als das Hafenkrankenhaus geschlossen
wurde. Die niedergelassenen Ärzte gründeten ein Netz, um die entstandene
Versorgungslücke besser auffangen zu können. Sibylle Quellhorst fühlt sich nicht
zuletzt wegen der guten Zusammenarbeit mit den Kollegen so wohl auf St. Pauli. In der
Praxis sitzen die drei Ärzte täglich zusammen und tauschen sich in der Mittagspause
über ihre Arbeit aus. Das Teamwork bei uns stimmt.
Die Bezahlung des ärztlichen Engagements dafür umso weniger. Doch Sibylle Quellhorst
beklagt sich nicht. Auf Nachfrage sagt sie nur: Eine Goldgrube ist das hier
nicht. Von der Höhe eines Oberarztgehaltes kann sie mit ihrer freiberuflichen
Tätigkeit bestenfalls träumen. Für die Hamburger Ärztin steht der Verdienst aber nicht
im Vordergrund. Für sie zählt, dass ihr die Arbeit Spaß bringt und sie Neues
kennenlernt. Und das bietet ihr die Praxis auf St. Pauli als zweites großes Plus neben
dem Teamwork: Die Patienten kommen mit ganz anderen Krankheiten zu ihr, als in eine
durchschnittliche allgemeinmedizinische Praxis. Das Spektrum ist breit, Sibylle Quellhorst
hat das Gefühl, ständig hinzu zu lernen. Eine Husten-Schnupfen-Durchfall-Praxis
wäre nicht mein Fall. Viele Patienten hier haben deutlich schlimmere Probleme.
Querschnittsgelähmte, Drogenabhängige, HIV-Infizierte zählen dazu. Und es gibt
Patienten, die den Weg in die Praxis schon lange nicht mehr schaffen. Sibylle Quellhorst
besucht sie zu Hause, rund um die Reeperbahn, 15 Hausbesuche jede Woche. Einmal begleitete
sie ein Fernsehteam einen Tag lang. Die Reportage wurde Ende vergangenen Jahres auf Arte,
3sat und im ZDF ausgestrahlt. Seitdem bekommt Sibylle Quellhorst viel Post von Zuschauern,
denen die Ärztin auf St. Pauli weit mehr zusagte als die Klinik unter
Palmen. (di) |

Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 02/2001
S. 24 / 25 |