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Unsere Nachbarn

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Ärztliche Fortbildung in Alt Rehse?
Dirk Schnack

„An diesem Bissen kann man sich leicht verschlucken.“ Dr. Jürgen Grümmert, Hauptgeschäftsführer der Kassenärztlichen Vereinigung Mecklenburg-Vorpommern (KVMV), weiß, welche Risiken das Gut Alt Rehse birgt. Das 65 Hektar große Gelände bei Neubrandenburg verlangt dem künftigen Besitzer finanziell einiges ab. Neben den schwer zu kalkulierenden Unterhaltungskosten erwarten den Besitzer weitere Unsicherheitsfaktoren: Teile der Immobilie stehen unter Denkmalschutz, die Parkanlage unterliegt dem Landschaftsschutzgesetz und eine Reihe alter Bunker steht im Gelände.
Doch Alt Rehse hat auch andere Seiten. Wer sich entspannen und erholen will, findet hier ideale Bedingungen. Etwa an der 500 Meter langen Uferzone am Tollensesee oder auf dem riesigen Gelände mit der Vielzahl von Tier- und Pflanzenarten. Wer sich sportlich betätigen will, dem stehen eine Turnhalle und der Mountainbike-Parcours, auf dem im vergangenen Jahr die Deutsche Meisterschaft der Ärzte und Apotheker ausgetragen wurde, zur Verfügung. Wer sich für Geschichte interessiert, wird sich lange mit dem früheren Rittergut Alt Rehse beschäftigen können. Die Familie des Märchendichters Wilhelm Hauff wohnte hier, die Nationalsozialisten etablierten hier eine „Ärzteführerschule“, es folgten die Nationale Volksarmee und schließlich die Bundeswehr. Seit die 1998 abgerückt ist, weiß eigentlich niemand, wie es weitergehen soll.

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Wolfgang Köpp

Der jetzige Eigentümer, die Bundesvermögensverwaltung, hat das Gut ausgeschrieben. Inte-ressenten gab es einige, doch die waren nach Einschätzung von Alt Rehses Bürgermeister Dr. Wolfgang Köpp nicht alle ernst zu nehmen. Den Zuschlag hat bislang niemand erhalten. Die kleine Gemeinde wird bei der Vorstellung der Konzepte angehört, und Köpp macht von seinem Mitspracherecht Gebrauch. Investoren, die angeblich 70 Millionen DM einsetzen wollen und mit einer Bankverbindung in Bogota winken, sind dem Veterinär Köpp eher suspekt. Wichtiger ist dem Bürgermeister das Konzept, das der künftige Nutzer mitbringt. Und das erwartet er am ehesten von den Ärzten.

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Dr. Jürgen Grümmert (Fotos: di)

Die Mediziner in Mecklenburg-Vorpommern hätten tatsächlich einige Ideen, wie das geschichtsträchtige Gut genutzt werden könnte. Als bundesweite Fortbildungsstätte für Ärzte und Helferinnen könnte es dienen, als Akademie für Verwaltungskräfte der ärztlichen Institutionen oder für Seminare und Kongresse der Ärzteschaft. Doch die Ärzte an der Ostsee wissen, dass sie dieses Projekt nicht allein bewältigen können. In der KV gibt es inzwischen niemanden mehr, der einen Alleingang wünscht. „Hier ist die KBV gefordert“, sagt Grümmert.
Doch der Rest der Republik ziert sich. Seit fest- steht, dass KBV und Bundesärztekammer nach Berlin umziehen werden, ist allerdings eines der wichtigsten Argumente gegen Alt Rehse hinfällig geworden - die Entfernung zu den Zentralen der deutschen Ärzteschaft. Von Berlin aus ist der Tollensesee in nur 90 Minuten mit dem Auto zu erreichen. Auch für Besucher aus anderen Himmelsrichtungen rückt Alt Rehse immer näher - die Ostsee-Autobahn macht Fortschritte und wird eng an Neubrandenburg vorbei führen.
Bleibt das finanzielle Problem. Auf rund 10 Millionen DM werden die Kosten für den Ausbau Alt Rehses zu einer Verwaltungsschule geschätzt. Hinzu kommen die laufenden Kosten - von der KV auf rund 2 Millionen DM geschätzt - und der Kaufpreis für Alt Rehse. Für welchen Preis der Bund das Gut abgeben würde, erscheint inzwischen völlig offen. Eine untere Preisgrenze ist in der Ausschreibung nicht genannt. Gutachten bescheinigen der Immobilie einen Wert von rund 6 Millionen DM. Ob der Bund aber überhaupt einen nennenswerten Betrag beim Verkauf erzielen könnte, ist fraglich. Zurzeit ist Alt Rehse nur noch ein Kostenfaktor - rund 300 000 DM fallen jährlich allein für die Bewachung an. Die kann allerdings auch nicht verhindern, dass das Grundstück zunehmend verwildert und die Gebäude leiden. Seit die Bundeswehr Mitte der 90er Jahre mit Millionenbeträgen einzelne Gebäude instand setzen ließ, hat sich niemand mehr um die Erhaltung gekümmert.
KV und Ärztekammer in Mecklenburg-Vorpommern hoffen, dass auch die Ärzte außerhalb ihres Bundeslandes bald Inte-resse an Alt Rehse zeigen. Kammerpräsident Dr. Andreas Crusius sähe darin auch ein „positives Signal für eine aktive Wiedervereinigung“. Er rät allen Entscheidungsträgern, sich noch einmal vor Ort zu informieren. Crusius erinnert an die Geschichte des Ortes: „Dem Negativ-Touch aus dem Dritten Reich könnte man mit dem richtigen Konzept begegnen.“ Als internationale Begegnungsstätte für Fortbildungszwecke etwa - dann könnten eventuell sogar EU-Mittel eingeworben werden. Auch die KV sieht eine geschichtliche Mitverantwortung der Ärzte. Auf dem Gut hatten die Nationalsozialisten in den 30er Jahren eine „Ärzteführerschule“ eingerichtet. Auf dem Programm standen Fächer wie Erbbiologie, Rassenpflege und Euthanasie. Alt Rehse bietet den Ärzten die Chance, an gleicher Stätte den offenen Umgang mit dieser Geschichte zu beweisen.

Dirk Schnack, Dorfstr. 14 a, 24589 Schülp

SH Ärzteblatt 02/2001

Schleswig-Holsteinisches

Ärzteblatt 02/2001

S. 21 / 22

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