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Medizin und Wissenschaft

p59-01.jpg (8841 Byte)BSE: Keine absolute Sicherheit für den Verbraucher

Wer kein Restrisiko eingehen will, muss in der heutigen Situation Fleisch meiden

Angesichts der Diagnose von BSE bei einem Rind in Schleswig-Holstein und des Krankheitsverdachts bei einem aus Deutschland stammenden Rind in Portugal nimmt der Verbraucher in Deutschland bei dem Verzehr von Rindfleisch ein Restrisiko in Kauf. Wer dieses Risiko nicht eingehen will, dem rät das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin, BgVV, in Berlin, auf den Verzehr von Rindfleisch und rindfleischhaltiger Wurst zu verzichten, bis offene Fragen hinsichtlich der Infektionswege beantwortet sind.
Der erste BSE-Fall bei einem deutschen Rind war nach Anwendung eines BSE-Schnelltests in Schleswig-Holstein entdeckt worden. Die Ergebnisse von mehr als 10 000 Tests, die in der Vergangenheit bereits u. a. an kranken und älteren Tieren durchgeführt wurden, waren negativ. Mit weiteren BSE-Fällen muss aber gerechnet werden, wenn die Tests großflächig eingesetzt werden. Das schleswig-holsteinische BSE-Rind wurde nach Inkrafttreten des Tiermehl-
verfütterungs-Verbotes an Rinder geboren. Als erste Reaktion wird in Deutschland ein umfassendes Tiermehlverfütterungs-Verbot an alle Nutztiere in Kraft treten.
Vor dem Hintergrund der Ereignisse ist eine Neubewertung des Risikos für den Verbraucher nötig. Die Situation stellt sich nach heutigem wissenschaftlichen Kenntnisstand folgendermaßen dar:

  • Auch deutsche Rinder können mit BSE infiziert sein.
  • Mit den derzeit eingesetzten Testverfahren lässt sich die Infektion sicher nur bei Tieren nachweisen, die mindestens 30 Monate alt sind und bei denen die Erkrankung bereits deutlich fortgeschritten ist.
  • Negative Testergebnisse bei jüngeren Tieren sind nicht aussagekräftig.
  • Der Verbraucher sollte Risikomaterialien (Gehirn, Rückenmark) grundsätzlich meiden. Sie müssen bei Schafen, Rindern und Ziegen seit dem 1. Oktober 2000 bei der Schlachtung entfernt und beseitigt werden.
  • Im Experiment konnte mit Muskelfleisch erkrankter Tiere keine Infektion erzeugt werden.
  • Milch und Milchprodukte gelten wissenschaftlich nach wie vor als unbedenklich. Infektionsversuche waren negativ.
  • Für Arzneimittel und kosmetische Produkte ist der Einsatz von Risikomaterial seit 1998 verboten. Weitere Sicherheitsmaßnahmen sind bei der Herstellung zu beachten.
  • Gelatine wird nach Aussagen der Hersteller in Deutschland zu über 90 % aus Schweineschwarte hergestellt. Die Gelatineherstellungsverfahren sind aggressiv und reichen nach wissenschaftlicher Ansicht aus, um die Sicherheit auch von Rindergelatine zu gewährleisten. Die Ausgangsmaterialien dürfen nur von genusstauglichen Tieren stammen.
  • Für die Herstellung von Babynahrung wurden nach Angaben der Hersteller in Deutschland auch in der Vergangenheit keine Risikomaterialien verwendet. Fleisch soll von besonders ausgewählten Tieren mit bekannter Herkunft stammen.
  • Das Fleisch von Schwein, Geflügel und Fischen ist nach heutigem Wissen in Bezug auf das BSE-Risiko als sicher anzusehen.
  • Schafe können an der BSE-ähnlichen Seuche Scrapie erkranken. Scrapie ist überall dort bekannt, wo Schafe gehalten werden. In England treten die Fälle allerdings häufiger auf. Solange wissenschaftliche Fragestellungen hinsichtlich möglicher Zusammenhänge zwischen Scrapie und BSE unbeantwortet sind, besteht bei dem Verzehr von Schaffleisch ein Restrisiko, das wissenschaftlich nicht abgeschätzt werden kann.
  • Unbeantwortet ist die Frage, ob die Verfütterung von Tiermehl die Ursache für das Auftreten von BSE in deutschen Rinderbeständen ist.
  • Nach wie vor wird das deutsche Herstellungsverfahren wissenschaftlich als sicher angesehen. Das aktuelle Verfütterungsverbot wurde aus Gründen des vorsorgenden Verbraucherschutzes erlassen.
  • Das BgVV geht davon aus, dass ein Zusammenhang zwischen BSE und der neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit besteht. Der endgültige wis- senschaftliche Beweis dafür steht allerdings aus. In Deutschland wurde diese Variante bislang nicht diagnostiziert. Die amtlichen Fallzahlen der klassischen Variante von Creutzfeldt-Jacob sind in den letzten Jahren stabil.

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Die Alarmglocken schrillen
Die Seuche BSE (Bovine Spongiforme Enzephalopathie = Rinderwahnsinn) hat Europa in eine tiefe Krise gestürzt. Seit Ausbruch der Seuche wurden in Großbritannien über 180 000 und im restlichen Europa knapp 1 600 BSE-Fälle bei Rindern bestätigt. Die Politiker bemühen sich durch Forderung eines EU-weiten Verbotes von Tiermehlfutter und die Einführung von BSE-Schnelltests um Schadensbegrenzung, während bei den Verbrauchern die Angst vor der tödlichen Krankheit grassiert. Denn nun gilt es als fast gesichert, dass der BSE-Erreger auch Menschen infizieren kann. Die Betroffenen erkranken nach einer längeren Inkubationszeit an der so genannten neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (vCJD). Bisher starben europaweit insgesamt 89 Menschen an dieser neuen Form einer schwammartigen Gehirnerkrankung. Die Gefahr, mit einem BSE-infizierten Rind in Kontakt zu kommen, ist allerdings nicht überall in Europa gleich. Über einen komplizierten Schlüssel hat der wissenschaftliche Lenkungsausschuss (SSC) der EU-Kommission die Wahrscheinlichkeit berechnet, in einem Land auf BSE-Erreger zu treffen. Großbritannien landet damit in der höchsten BSE-Risikoklasse IV, allerdings nimmt die BSE-Gefahr durch zahlreich getroffene Maßnahmen seitens der Regierung eher ab. Dagegen schrillen für Deutschland alle Alarmglocken. Denn nach Meinung des SSC zeigt das BSE-Risiko hier steigende Tendenz, noch gilt aber die Risikoklasse III.

Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin,
Thielallee 88 - 92, 14195 Berlin

Schleswig-Holsteinisches

Ärzteblatt 1/2001

S. 59 / 60

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