|
Zum
100. Geburtstag von
Professor Dr. Gerhard Küntscher
Ludwig Schroeder
Das Küntschersche
Vorgehen stellt in meinen Augen die größte Umwälzung dar, welche die
Behandlung der Knochenbrüche seit Erfindung der Nagelextension durch
Klapp erfahren hat, es wird sich die Welt erobern. (A. W. Fischer,
1944)
Anlässlich des 100. Geburtstages von Gerhard Küntscher am 6. Dezember
2000 soll anhand des Lebenslaufes und des wissenschaftlichen Werkes
dieses innovativen Unfallchirurgen und genialen Forschers gedacht
werden.
Voranstellen möchte ich den Original-Lebenslauf von Gerhard Küntscher
aus dem Jahre 1965:
Ich, Gerhard Bruno Gustav Küntscher, wurde am 06.12.1900 in
Zwickau als Sohn des Fabrikdirektors Gustav Hermann Küntscher und
seiner Ehefrau Marie-Therese, geb. Gottschaldt, geboren.
Ich besuchte die Volksschule und das Reformrealgymnasium in Chemnitz.
Hierauf studierte ich Medizin und Naturwissenschaften an der Universität
in Würzburg, Hamburg und Jena. 1922 bestand ich die ärztliche Vorprüfung
in Würzburg mit Note 1, 1925 die ärztliche Prüfung in Jena mit Note
1; 1926 promovierte ich zum Doktor der Medizin in Jena mit dem Prädikat
summa cum laude. Hierauf war ich 2 Jahre als alleiniger
Assistent am Städtischen Krankenhaus in Freiburg/Saale tätig. Meine
medizinische und röntgenologische Vorbildung erhielt ich an der Medizinischen
Universitäts-Poliklinik in Jena.
Am 27.01.1930 begann ich meine Tätigkeit an der Chirurgischen Universitätsklinik
Kiel unter Geheimrat Anschütz.
1935 habilitierte ich mich für das Fach der Chirurgie und wurde 1936
zum Dozenten ernannt. Nach dem Ausscheiden von Herrn Geheimrat Anschütz
1938 wurde ich von seinem Nachfolger, Prof. A. W. Fischer übernommen.
Meine Ernennung zum a. o. Professor für Chirurgie erfolgte im Jahre
1942. Im April 1941 wurde ich zum Feldheer eingezogen und blieb bis
zum Kriegsschluss an der Ostfront, und zwar arbeitete ich sowohl auf
Hauptverbandplätzen als auch in Kriegslazaretten. Zuletzt war ich
als beratender Chirurg in Finnland tätig.
Beim Zusammenbruch 1945 lag ich mit einer Diphtherieerkrankung in
einem Schleswiger Lazarett. Nach meiner Gesundung übernahm ich die
Leitung dieses Lazarettes. In den folgenden Jahren wurde hier hauptsächlich
Wiederherstellungschirurgie betrieben. 1948 wurde dieses Lazarett
jedoch in ein Kreiskrankenhaus umgewandelt mit allen Zweigen der Chirurgie.
Das Kreiskrankenhaus wurde am 01.04.1951 von der Stadt übernommen
und bestand als Stadtkrankenhaus Hesterberg weiter. Mit Ausnahme der
großen Thoraxchirurgie wurden hier alle Zweige der Chirurgie, wie
z. B. Magen-Darmchirurgie, Urologie usw., betrieben. Am 10.04.1957
wurde ich zum ärztlichen Direktor des Hafenkrankenhauses Hamburg berufen.
Meine wissenschaftlichen Arbeiten befassten sich zunächst mit der
Funktion des Knochens im Körper. Mit neuen Methoden der Technik gelang
es erstmalig, den Verlauf des Kraftflusses im Knochen experimentell
darzustellen, was bisher nur durch Näherungsberechnungen möglich war.
Es wurde damit ein Problem gelöst, das dem bekannten Anatomen W. Roux
als Wunschtraum vorgeschwebt hatte. Es gelang die Deformation des
Knochens bei der Beanspruchung darzustellen und auch quantitativ zu
erfassen und damit zahlreiche theoretische Fragen auf dem Gebiet des
Baues und der Funktion des Knochens zu lösen. Der weitere Verfolg
dieser Arbeiten führte unmittelbar zur Erfindung der Marknagelung,
die ich zunächst am Hunde ausprobierte und im Oktober 1939 auch erstmalig
am Menschen ausführte. Mit dem Schutz vor Röntgenstrahlen im chirurgischen
Betrieb habe ich mich eingehend befasst. In Zusammenarbeit mit einer
elektrotechnischen Firma entwickelte ich 1934 ein Hochfrequenzgerät
zum Aufsuchen von Geschossen im menschlichen Körper, mit dem während
des Krieges zahlreiche Lazarette ausgerüstet wurden und das zum Vorbild
für die späteren amerikanischen Geräte dieser Art wurde. Später wurde
noch eine Reihe von anderen Schutz-Apparaten entwickelt.
 |
| Subtrochantere
Femurfraktur, 1. Marknagelung Küntscher 1939 |
In der Folgezeit
habe ich das Verfahren der Marknagelung immer weiter entwickelt und
über die ursprüngliche Anwendung in der Behandlung des Knochenbruches
hinaus auf alle möglichen Knochenoperationen ausgedehnt. So wurden
die ersten Verkürzungen und Verlängerungen mit dem Nagel ausgeführt,
ebenso die Arthrodese praktisch aller in Frage kommenden Gelenke und
die subtrochantere Osteotomie. Das Verfahren der Aufweitung der Markhöhle
kam hinzu. Die Repositionsverfahren wurden vervollkommnet, und es
wurden Nägel zur Nagelung des spongiösen Knochens konstruiert. Es
gelang, eine besonders schonende Technik für Knochenoperationen zu
entwickeln, die mit sehr kleinen Hautschnitten auskommt. Diese führte
zur Erfindung und klinischen Ausarbeitung der Methode der perkutanen
Knochentransplantation. Einen großen Erfolg brachten schließlich die
perkutanen Operationsverfahren der Pseudarthrose. Mit der Erfindung
der Innensäge und des Hakenmeißels gelang es dann später sämtliche
Formen der Osteotomie geschlossen auszuführen, sogar die Verkürzung
und Verlängerung.
 |
|
Detentionsnagel
(Verriegelungsnagel) 1968
|
Eine größere Reihe
von theoretischen Arbeiten beschäftigte sich mit der Heilung des Knochenbruches
und der Callusentstehung, die zu neuen Verfahren der künstlichen Calluserzeugung
führten. Es gelang durch Hervorrufung von Entzündungen der verschiedensten
Art Callus experimentell zu erzeugen. Dies führte zur Aufstellung
einer Entzündungstheorie des Callus.
Sie wurde durch zahlreiche weitere Arbeiten erhärtet. Dies führte
schließlich zu einer besonderen Methodik der Darstellung des eigentlichen
Entzündungsvorganges. Mit dem im Körper durch Entzündungen in großer
Menge erzeugten Callus wurde ferner eine Reihe von Experimenten angestellt,
um die Fragen der mechanischen Beanspruchung des Callus zu beantworten.
Erstmalig wurden auch Untersuchungen über die Festigkeitswerte des
Callus angestellt. Dies alles führte schließlich zu sehr interessanten
Untersuchungen über das Problem der Hypertrophie des Knochens.
Ein neues Prinzip der Arthroplastik wurde entwickelt und klinisch
ausgearbeitet und ebenso ein besonderes Verfahren für die Nagelung
des Schenkelhalsbruches, das ganz wesentliche Vorteile bringt und
das besonders im Ausland weite Verbreitung gefunden hat. Es ist unter
dem Namen vollautomatische Nagelung bekannt.
Für meine Arbeiten auf dem Gebiet der Knochenchirurgie erhielt ich
im Jahre 1951 den Prix de Danis der Societé Internationale
de Chirurgie. Am 17.02.1965 ernannte mich die Universität Kiel zum
Ehrendoktor der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät.
Eine Weiterbeschäftigung von Küntscher am Hafenkrankenhaus Hamburg
nach Erreichen der Altersgrenze wurde von der Gesundheitsbehörde abgelehnt.
Küntscher versuchte dann bei Barcelona ein Nagelzentrum aufzubauen.
Dieses schlug fehl. Nach einem kurzen Aufenthalt in den USA war er
dann schließlich Gastarzt am St. Franziskus-Hospital in Flensburg
(Chefarzt Dr. Wolfers).
Bereits während seines letzten Jahres in Hamburg hatte Küntscher einen
langen, gebogenen Nagel entwickelt, mit dem pertrochantere Femurfrakturen
vom Condylus medialis aus, also wirklich frakturfern versorgt wurden.
Während seiner Flensburger Zeit entwickelteKüntscher den Detentionsnagel
und stellte ihn erstmals 1968 beim Kongress der Deutschen Gesellschaft
für Chirurgie in München vor. Küntscher beendete seinen Vortrag in
München mit den Worten: Mit dem beschriebenen Verfahren der
Detention ist das Endziel in dem Bemühen des Vortragenden erreicht,
für die Behandlung möglichst sämtlicher Brüche Verfahren zu schaffen,
die die Gefahren und Nachteile der konservativen und offenen operativen
Methoden umgehen. Hinzu kommen: absolute Garantie der knöchernen Heilung
und ideales anatomisches und kosmetisches Resultat, kürzeste Behandlungsdauer
und rasche vollständige Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit.
Dieser Detensionsnagel wurde durch Klemm und Schellmann in Frankfurt
sowie Grosse und Kempf in Straßburg weiter entwickelt und mit Einverständnis
von Küntscher als Verriegelungsnagel bezeichnet.
Küntscher starb am 17.12.1972 in Glücksburg bei Flensburg.
Sein Osteosyntheseverfahren hat sich mittlerweile weltweit durchgesetzt.
Gerade in den letzten Jahren ist der Wert dieser Operationsmethode
allgemein anerkannt worden und hat mittlerweile eine Renaissance erfahren,
da die heutigen Anforderungen an ein Operationsverfahren, wie minimalinvasive
Arbeitsweise, natürliche Knochenbruchheilung durch Callus sowie Übungsstabilität
und frühzeitige Belastungsstabilität durch die Marknagelung erfüllt
werden.
Küntscher hatte den Wert seines Verfahrens vorausschauend richtig
eingeschätzt: Die Marknagelung stellt eine ganz neue Form der
Chirurgie dar. Sie erfordert eine große Erfahrung und Übung. Es gibt
hier nicht - wie so häufig in der Medizin - Unklarheiten und Ungenauigkeiten.
Die Ursache des Misserfolges ist stets klar zu sehen, andererseits
ist bei peinlich genauem Arbeiten die Garantie des Erfolges gegeben
(1962).
Siegfried Fischer aus Bad Bevensen, der frühere langjährige Oberarzt
von Küntscher in Schleswig und Hamburg, der in diesem Jahr verstorben
ist, schreibt in einem Nachruf über Gerhard Küntscher u. a.: Küntscher
war ein einfacher, bescheidener, gütiger, jedoch auch eigenwilliger
Mensch, der still und zurückgezogen lebte. Er war außerdem ein hervorragender
Zeichner, Techniker und Physiker. Uns Schülern war er ein großzügiger
Lehrer und verständnisvoller Chef, für alle ein genialer Forscher
und Wissenschaftler, ein ausgezeichneter Operateur und vorbildlicher
Arzt. Leider erst in sehr späten Jahren fanden Küntschers Leistungen
und sein Werk verdiente Anerkennung durch Auszeichnung. Zu seinem
Leidwesen wurden seine Operationsmethoden zunächst sehr skeptisch
beurteilt, ja z. T. abgelehnt.
PD
Dr. Ludwig Schroeder, Unfallchirurgische Abteilung des
Martin-Luther-Krankenhauses, Lutherstr. 22, 24837 Schleswig
|

Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt
1/2001
S.
51 - 53
|