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Medizin und Wissenschaft

p41-01.jpg (11362 Byte)Hormonsubstitution beim älteren Menschen –
ein Weg zum „erfolgreichen Altern“?

Heiner Mönig, Albrecht Ziegler

Der Wunsch, das Altern hinauszuzögern, gehört sicher zu den ältesten Menschheitsträumen. Es ist nicht erstaunlich, dass wir derzeit eine Phase des gesteigerten Interesses an eventuellen Möglichkeiten der Realisierung dieses Wunschtraumes erleben. Die Steigerung des Interesses hat mehrere Gründe:

  • die Entwicklung der Bevölkerungsstruktur mit einem zunehmenden Anteil älterer Menschen,
  • neue Erkenntnisse zum Alterungsprozess, die potenzielle Ansätze für eine Intervention erkennen lassen,
  • die Erfahrung der Menschen, dass dank einer stürmischen Entwicklung der therapeutischen Wissenschaften Erkrankungen behandelt werden können, die bislang keiner Therapie zugänglich waren,
  • die Verkennung des physiologischen Alterungsprozesses als Krankheit.

Aus dem sehr vielschichtigen Thema soll an dieser Stelle nur ein Teilaspekt beleuchtet werden, nämlich die Frage, ob und unter welchen Voraussetzungen die nachlassende Funktion endokriner Drüsen im Alter durch eine entsprechende Hormonsubstitution kompensiert werden sollte.
Wie ein Blick ins Internet zeigt, gibt es vielfältige Aktivitäten auf diesem Sektor. Angebot und Nachfrage spielen sich nicht nur in einer Grauzone des Medizinbetriebes ab; vielmehr etablieren sich vielerorts Arbeitsgruppen - auch an Universitätskliniken - mit der Zielsetzung, die „Endokrinologie des Alterns“ zu erforschen. Zur gleichen Thematik werden regelmäßig auf Fachkongressen Seminare und Symposien angeboten. Dabei wird der Eindruck erweckt, als sei das altersbedingte Nachlassen endokriner Funktionen für einen wesentlichen Teil des Alterungsprozesses an sich verantwortlich und als könne man dieses durch Ersatz von Hormonen weitgehend verhindern. Auch im niedergelassenen Bereich haben sich Kolleginnen und Kollegen offenbar darauf spezialisiert, bei älteren Menschen hormonelle Defizite aufzudecken und auszugleichen, gelegentlich unter öffentlichkeitswirksamer Schützenhilfe durch die Laienpresse. Derzeit stehen folgende Ansätze im Mittelpunkt der Diskussion:

Die Hormonersatztherapie der Frau nach der Menopause wird in diesem Beitrag nicht berücksichtigt, da sie unter ganz anderen Gesichtspunkten zu diskutieren ist.

p42-01.jpg (23478 Byte)1. Testosteronsubstitution beim Mann
Es steht außer Frage, dass Männer mit einem Testosteronmangel, z. B. infolge einer Hypophysenerkrankung, adäquat mit Testosteron substituiert werden müssen. Es hat jedoch in den letzten Jahren nicht an Versuchen gefehlt, auch das altersbedingte Nachlassen der männlichen Keimdrüsenfunktion mit dem Stigma einer Krankheit zu versehen. Mittel zum Zweck war dabei die Konstruktion einer Analogie zum peri- oder postmenopausalen Zustand, der bekanntermaßen nicht nur erhebliche Beschwerden mit sich bringen kann, sondern auch zum Auftreten einiger Erkrankungen prädisponiert, die bei Frauen vor der Menopause selten sind (z. B. Osteoporose, kardiovaskuläre Erkrankungen). Dementsprechend wird in Analogie zur Menopause von der „Andropause“ gesprochen. Dass diese Analogie unzulässig ist, ergibt sich aus dem Verlauf der weiblichen Keimdrüsentätigkeit im Vergleich zur Situation beim Mann (Abb. 1 und 2). Die Östrogenproduktion fällt zu Beginn der zweiten Lebenshälfte innerhalb eines kurzen Zeitraums drastisch ab, verbunden mit dem definitiven Versiegen der Regelblutung (Menopause = letzte Regelblutung, von griech. pauein, aufhören). Eine vergleichbare Situation existiert für die männliche Geschlechtsfunktion weder laborchemisch noch funktionell. Obwohl darüber hinaus ein eindeutiger Zusammenhang zwischen dem physiologischen Abfall der Testosteronspiegel und einem umschriebenen Beschwerdebild bisher in keiner Studie gesichert werden konnte, hat man Begriffe geprägt wie „Progressives partielles Androgenmangel-Syndrom“ oder „ADAM“ (Androgen Decline in the Aging Male). In die Definition dieses „Syndroms“ fließen noch andere vermeintliche hormonelle Defizite ein: „ADAM is a clinical entity characterized biochemically by a decrease not only in serum androgen, but also in other hormones, such as growth hormone, melatonin and dehydroepiandrosterone. Clinical manifestations include fatigue, depression, decreased libido, erectile dysfunction, and alterations in mood and cognition“ [3]. Es ist offensichtlich, dass hier verschiedene Phänomene zu einem „Syndrom“ zusammengefasst werden, ohne dass der jeweilige Kausalzusammenhang und die Beziehung zueinander ausreichend untersucht wäre. Plakativ und undifferenziert wird vom „Hormontief“ des alternden Mannes gesprochen. Erstaunlicherweise wird dieser Ansatz von der medizinisch interessierten Öffentlichkeit, aber auch von Fachleuten, weitgehend unwidersprochen hingenommen.

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Immerhin mahnt die maßgebliche wissenschaftliche Fachgesellschaft, hier also die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie, zur Vorsicht:
„Längere Beobachtungszeiten und weitere Studien sind jedoch notwendig, bevor generelle Empfehlungen zu einer Therapie [mit Androgenen] gemacht werden können“ [4]. Vor allem ist die Frage der Nebenwirkungen und der Langzeiteffekte völlig ungeklärt, wie es in einer amerikanischen Publikation aus dem Jahre 1998 unmissverständlich formuliert wird: „Recent data cannot recommend the use of hormone replacement therapy with androgens because of potential severe side effects and lack of data on long-term effects“ [5].
Zusammenfassend muss also davon abgeraten werden, Männern ohne nachgewiesenen Testosteron-Mangel ein Testosteron-Präparat zu verordnen.
Es wird häufig beklagt, dass die im Alter zunehmenden Beschwerden im Sinne nachlassender Leistungsfähigkeit, schwindenden Selbstvertrauens, depressiver Stimmungsschwankungen und Nachlassen von Libido und Potenz zu oft als typische „Altersbeschwerden“ bagatellisiert und diagnostisch nicht ausreichend verfolgt werden. Dies ist sicher richtig und sollte Anlass sein, den Stellenwert der Endokrinologie im Ausbildungskonzept der Inneren Medizin zu stärken. Bei einem Teil der Männer mit dem oben genannten Beschwerdebild wird bei sorgfältiger Untersuchung und in Kenntnis möglicher endokriner Ursachen ein echtes hormonelles Defizit aufgedeckt und ausgeglichen werden können.

2. Östrogene als Hormonersatztherapie für den Mann
Auch Männer produzieren das weibliche Geschlechtshormon Östradiol, wobei eine Menge von ca. 6 µg pro Tag direkt von den Hoden gebildet wird. Eine weitaus größere Menge (ca. 40 µg) entsteht in peripheren Geweben durch Konversion von Androstendion und Testoste-ron. Östrogene spielen beim Mann u. a. eine Rolle beim Schluss der Epiphysenfugen, bei der Wachstumshormon-Produktion zur Zeit der Pubertät und bei der Regulierung der Blutfette. Besonders interessant ist, dass wie bei der Frau Östrogene offenbar auch beim Mann wichtig für die Erhaltung der Knochenmasse sind. Dies leitet sich aus drei Beobachtungen ab:

  • Männer mit einem Defekt der Aromatase, also des Enzyms, welches Testosteron zu Östrogen umwandeln kann, weisen eine schwere Osteoporose auf, die durch eine Therapie mit Östrogenen gebessert werden kann [6, 7, 8]
  • Eine Mutation des Östrogenrezeptors führt bei Männern zu Osteoporose [9]
  • Bei Mann-zu-Frau-Transsexuellen verhindert nach Wegnahme der Testosteron-Wirkung die Applikation von Östrogenen einen Verlust an Knochenmasse [10].

Bei der Diskussion um die Östrogenersatztherapie bei Männern muss man also zwei Aspekte unterscheiden: Zum einen die vermuteten knochenprotektiven Effekte und zum anderen die Wirkungen auf das allgemeine Wohlbefinden und die Beseitigung von „Altersbeschwerden“. Für einen knochenprotektiven Effekt der Östrogene beim Mann gibt es viel versprechende Hinweise, die zu weiterer Forschung ermutigen sollten. Allerdings ist es noch zu früh für therapeutische Empfehlungen, wie in der aktuellen Stellungnahme der Kommission Hormontoxikologie der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie deutlich wird:
„Auch wenn diese Einzelfälle Hinweise darauf geben, dass die Metabolisierung von Testosteron zu Östrogenen möglicherweise ein wichtiger Schritt für den gut belegten positiven Effekt von Testosteron am Knochen ist, erlauben sie derzeit nicht den Schluss, dass eine isolierte Therapie mit Östrogenen beim Mann vorteilhaft sein könnte“ [11].
Der zweite Aspekt, also die Steigerung der Vitalität, findet in der wissenschaftlichen Literatur keinen Rückhalt und beruht im Wesentlichen auf den Erfahrungen einzelner Gynäkologen, die Männer in dieser Form behandelt und dabei günstige Effekte beobachtet haben. Die Therapie soll u. a. die kognitiven Fähigkeiten verbessern; eine kürzlich publizierte Studie spricht allerdings eher für das Gegenteil [12]. Schon die Definition eines altersbezogenen Normbereiches bereitet Schwierigkeiten, und der Nachweis, dass es beim Unterschreiten bestimmter Grenzwerte zu definierten Beschwerden kommt, wurde bisher nicht erbracht. Es kommt hinzu, dass der Östradiol-Plasmaspiegel selbstverständlich nicht auf die lokale Konzentration im Zielgewebe schließen lässt [13].
Die Verabreichung von Östrogen-Präparaten an Männer mit „Altersbeschwerden“ ist hinsichtlich Nutzen und Risiken so wenig erforscht, dass man zum jetzigen Zeitpunkt davon abraten muss.

3. Wachstumshormon bei Menschen ohne Wachstumshormonmangel
In den vergangenen 10 Jahren ist in zahlreichen Studien überzeugend dargestellt worden, dass das Wachstumshormon (growth hormone, GH) nicht nur eine Bedeutung für das lineare Wachs- tum hat, sondern die Funktion vieler anderer Organsysteme auch beim Erwachsenen positiv beeinflusst [14]. Letztendlich wurde ein Syndrom des GH-Mangels im Erwachsenenalter definiert und in Therapiestudien gezeigt, dass die entsprechenden Symptome und Funktionsstörungen unter einer Substitutionstherapie rückläufig sind [15].
Seit langem ist bekannt, dass Patienten mit Pan- hypopituitarismus eine im Vergleich zur Normalbevölkerung verkürzte Lebenserwartung haben [16]. Dies gilt auch dann, wenn die Ausfälle der corticotropen, thyreotropen und gonadotropen Partialfunktion adäquat ersetzt werden. Es wurde vermutet, dass dieses Phänomen durch den Wachstumshormonmangel verursacht werde; der Beweis dafür ist bisher nicht erbracht worden.
Das Syndrom des Wachstumshormonmangels (growth hormone deficiency, GHD) umfasst im Wesentlichen Beeinträchtigungen von Vitalität und Energie und geht außerdem mit charakteris- tischen Veränderungen der Körperzusammensetzung und des Fettstoffwechsels einher [17]. Wir selbst konnten eine Patientin beschreiben, die nach Absetzen der GH-Substitutionstherapie eine lebensbedrohliche Dekompensation erlitt [18]. Diese Befunde gelten jedoch wohlgemerkt für Patienten mit nachgewiesenem Wachstumshormonmangel, z. B. nach einer ausgedehnten Hypophysenoperation. Es besteht inzwischen Konsens darüber, dass in dieser Situation und unter bestimmten Voraussetzungen eine solche Substitutionstherapie erfolgen sollte [19]. Die Verabreichung von GH an Erwachsene ohne nachgewiesenen GH-Mangel ist dagegen nicht indiziert.
Mögliche neue Indikationen für GH werden derzeit bei der Herzinsuffizienz, katabolen Zuständen, Osteoporose und dem Chronic Fatigue Syndrome diskutiert; die Datenlage lässt Emp-fehlungen in diesen Bereichen jedoch noch nicht zu.

4. Dehydroepiandrosteron und -Sulfat (DHEA, DHEA-S)
DHEA und sein Sulfat-Ester (DHEA-S) werden in der Zona reticularis der Nebennierenrinde gebildet; ihre physiologischen Funktionen sind noch weitgehend ungeklärt. Es handelt sich aus mehreren Gründen um ein hochinteressantes Hormon:

  • Die DHEA-S-Plasmaspiegel übertreffen die aller anderen Nebennierenrindenhormone um ein Vielfaches
  • Die DHEA- und DHEA-S-Plasmaspiegel fallen mit zunehmendem Alter deutlich stärker ab als die anderer Hormone (Abb. 3), wogegen die Cortisolkonzentration im Plasma mit dem Alter ansteigt
  • Niedrige DHEA-Spiegel wurden bei verschiedenen Krebserkrankungen, Entzündungen, Diabetes mellitus Typ II, kardiovaskulären Erkrankungen und erektiler Dysfunktion gemessen [22]
  • DHEA und DHEA-S können die Blut Hirn-Schranke passieren und werden auch im ZNS gebildet. Sie werden deshalb auch der Gruppe der neuroaktiven Steroide zu gerechnet [23]

Die Befunde zu den Symptomen eines DHEA- bzw. DHEA-S-Mangels sind allerdings außerordentlich widersprüchlich; vor allem fehlt bisher jeder Nachweis eines kausalen Zusammenhangs zwischen dem jeweiligen Beschwerdebild und einem niedrigen DHEA-Spiegel. Dennoch erfreut sich die Substanz vor allem in den USA großer Beliebtheit als „Jungbrunnen“. DHEA-S ist dort seit 1994 (wieder) rezeptfrei erhältlich, nachdem die FDA die Substanz 1985 wegen des fehlenden Nachweises irgendeines Nutzens vom „over-the counter“-Markt genommen hatte. Die diesem Hormon zugeschriebenen Wirkungen sind vielfältig:

  • „Jungerhalten“
  • Gesteigerte Energie
  • Verbesserte Abwehrkräfte
  • Vermehrung der Muskelmasse
  • Abnahme der Fettmasse
  • Gesteigertes Wohlbefinden
  • Bessere kognitive Leistungen

p49-01.jpg (11849 Byte)Ein überzeugender Nachweis dieser Effekte ist bisher nicht erbracht worden. Deshalb hat das an den National Institutes of Health in Bethesda (USA) etablierte National Institute of Aging (NIA) kürzlich eine ausgesprochen negative Bewertung vorgenommen: „Right now, there is no reliable evidence that DHEA supplements do any of these things“ [24].
Andererseits gibt es offenbar einige Situationen, in denen die therapeutische Verabreichung einen Nutzen für die so behandelten Patienten hat. So konnten Arlt et al. zeigen, dass Frauen mit Nebennierenrindeninsuffizienz und niedrigen DHEA-S-Plasmaspiegeln von einer Substitution mit 50 mg DHEA hinsichtlich ihres allgemeinen Wohlbefindens, depressiver Syndrome, Ängstlichkeit und sexueller Aktivität profitierten [25].
Bei der Therapie des systemischen Lupus erythematodes (SLE) hatten Patienten unter einer Substitution mit DHEA-S einen niedrigeren Glucocorticoid-Bedarf und eine bessere Symptomkontrolle [26]. Hier bieten sich möglicherweise konkrete Ansätze für eine Therapie an. In allen anderen Situationen muss die Substitution mit DHEA oder seinem Sulfat als experimentell gelten und kann außerhalb kontrollierter Studien nicht empfohlen werden. Insbesondere besteht keine Klarheit über Langzeiteffekte, wobei das Risiko des Mammakarzinoms besondere Sorge bereitet [27].

5. Melatonin
Die Plasmakonzentrationen des von der Epiphyse produzierten Hormons Melatonin unterliegen einer ausgeprägten circadianen Rhythmik mit nachts deutlich höheren Werten als am Tage. Altersabhängig finden sich die höchsten Werte zwischen dem 2. und 5. Lebensjahr, um danach kontinuierlich abzunehmen [28, 29]. Die physiologischen Funktionen sind weitgehend ungeklärt; möglicherweise spielt die Substanz eine Rolle bei der Induktion der Pubertät. Das Nachlassen der Melatonin-Sekretion im Alter wurde mit den bei älteren Menschen häufig anzutreffenden Schlafstörungen in Verbindung gebracht; durch Anheben der Plasmakonzentration auf Werte wie in der Kindheit sollen diese behebbar sein [30]. Die Datenlage lässt eine eindeutige Stellungnahme zu dieser Indikation noch nicht zu; ebenso wenig zu der Behauptung, Melatonin könne den „Jet-Lag“ nach transkontinentalen Flugreisen beheben.
Melatonin wird in den USA üblicherweise in Dosen von 3 mg verabreicht. Eine solche Dosis hebt den Plasmaspiegel um das 40fache gegenüber dem unbehandelten Zustand an. Das bereits zitierte National Institute of Aging warnt ausdrücklich vor den noch völlig unbekannten Langzeitwirkungen einer solchen Therapie [24].

Fazit
Die Entwicklung der Bevölkerungsstruktur ist durch einen zunehmenden Anteil älterer Menschen geprägt, die - entweder aus sich selbst heraus oder weil der Zeitgeist es ihnen aufdrängt - die Zeichen des Alterns möglichst lange hinausschieben wollen. Wenn nun die Medizin ihrerseits die Auffassung unterstützt, altersbedingt niedrigere Hormonkonzentrationen seien behandlungsbedürftig, kann der Wunsch nach Substitution mit dem Ziel „jugendlicher“ Hormonkonzentrationen nicht verwundern. Jede Ärztin und jeder Arzt wird sich deshalb in Zukunft mit diesem Thema auseinander setzen müssen, denn der Anspruch auf „erfolgreiches Altern“ wächst. Es ist keine Frage, dass dieser „Markt“ bedient wird und dass damit die Gefahr besteht, dass der Boden seriöser Endokrinologie und Pharmakologie verlassen wird. Dass hier auch massive wirtschaftliche Interessen im Spiel sind, wird man kaum abstreiten können.
Vor einer Hormonsubstitution im Alter sollten jedoch die folgenden Fragen gestellt und beantwortet sein:

  • Ist ein niedriger Hormonwert krankhaft oder altersentsprechend?
  • Erklärt der niedrige Hormonwert die Beschwerden des Patienten?
  • Ist nachgewiesen, dass ein Anheben der Plasmakonzentration dieses Hormons dem Patienten helfen wird?
  • Sind die Langzeiteffekte ausreichend bekannt?

Da befriedigende Antworten derzeit für keines der oben diskutierten Hormone vorliegen, gibt es für eine Substitution auch keine ausreichende Begründung. Von „evidence based medicine“ sind diese Ansätze weit entfernt.
Man muss in diesem Zusammenhang auch die Fragen stellen, ob es überhaupt eine ärztliche Aufgabe ist, durch Substitution einen „jugendlichen“ endokrinen Zustand wiederherzustellen und was man eigentlich unter „erfolgreichem Altern“ zu verstehen hat. Diese komplexen Fragen mit allen ihren gesellschaftspolitischen, philosophischen und ethischen Aspekten auch nur annähernd erschöpfend zu diskutieren ist an dieser Stelle nicht möglich. Wir geben hier lediglich zu bedenken, dass die Synchronisation im Alterungsprozess verschiedenster Organsysteme, und eben auch des Endokriniums, sicherlich ihren Sinn hat und dass heute niemand absehen kann, welche Folgen das Abkoppeln einzelner Systeme vom allgemeinen Alterungsprozess haben wird.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Die Autoren halten präventive Maßnahmen, die dem Ziel Unabhängigkeit im Alter dienen, für unbedingt notwendig und deren Erforschung für ein wichtiges Arbeitsgebiet. So ist die aktuelle Regelung zur Erstattung der Kosten für die Osteodensitometrie aus unserer Sicht unverantwortlich, weil sie uns ein geeignetes Instrument zur Früherkennung einer typischen Alterskrankheit, nämlich der Osteoporose, aus der Hand nimmt. Wenn „erfolgreich altern“ heißen soll, ohne Pflegebedürftigkeit bei guter geistiger und körperlicher Gesundheit ein hohes Alter zu erreichen, so wird jeder gern seinen Teil dazu beitragen.

Literatur beim Verfasser
PD Dr. Heiner Mönig, Klinik für Allgemeine Innere Medizin - Schwerpunkt Endokrinologie - der CAU, Schittenhelmstr. 12, 24105 Kiel
Prof. Dr. rer. nat. Albrecht Ziegler, Institut für Pharmakologie der CAU, Hospitalstr. 4, 24105 Kiel

Schleswig-Holsteinisches

Ärzteblatt 1/2001

S. 41 - 50

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