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Kritische
Anmerkungen zur Entwicklung der Reproduktionsmedizin am Beispiel der
Beratung bei Kinderlosigkeit
Carl Schirren
Die Fortschritte
der Wissenschaft in den letzten Jahrzehnten auf dem Gebiete der Fortpflanzung
haben eine Reihe von Entwicklungen hervorgebracht, welche das Geheimnis
der Fortpflanzung zum Mindesten teilweise entschleiern konnten. Inwieweit
es sich dabei um einen echten Fortschritt handelt oder aber um ein
Fortschreiten von den bisherigen Vorstellungen, das ist
immer wieder Gegenstand von zum Teil heftigen Diskussionen und Auseinandersetzungen,
ohne dass die streitenden Geister zu einer allgemein zu akzeptierenden
Einstellung kommen konnten. Das beruht auch darauf, dass bei keinem
Thema so sehr Emotionen beteiligt sind...
Emotionen, die einer sachlichen Auseinandersetzung im Wege stehen.
Es liegt daher nahe, eine Bestandsaufnahme durchzuführen und dabei
das Für und Wider der gegenwärtigen Situation kritisch zu erörtern
und dabei ggf. Anregungen für eine Überprüfung der eigenen Haltung
zu vermitteln. Kritische Anmerkungen bedeutet in diesem
Zusammenhang, dass sowohl die positiven als auch die negativen Aspekte
der modernen Reproduktionsmedizin zur Sprache kommen sollen.
Die Reproduktionsmedizin ist eine Spezialdisziplin, die sich mit Fragen
der Fortpflanzung beim Menschen beschäftigt. In den letzten 20 Jahren
hat sie insofern einen gewaltigen Aufschwung genommen, als eine Vielzahl
neuer Methoden auf dem Gebiete der so genannten assistierten Reproduktion
entwickelt worden sind, mit deren Hilfe bisher kinderlosen Paaren
dazu verholfen werden konnte, ein eigenes Kind zu bekommen.
Anfangs war die homologe Insemination mit dem Sperma des Mannes eine
erfolgreiche Methode, solange Spermatozoen im Ejakulat vorhanden waren.
Daraus entwickelte sich in Fällen von absoluter Infertilität des Mannes
die heterologe Insemination unter Verwendung von Spendersamen; jetzt
wurde also darauf zurückgegriffen, dass ein fremder Mann seinen Samen
spenden sollte, damit dieser dann für die Insemination Verwendung
finden konnte. Eine Begründung für diese Methode war, dass auf diese
Weise ein so gezeugtes Kind wenigstens zu 50 % Erbanlagen der Mutter/Ehefrau
besitzen würde. Zudem wurde der Ehefrau damit die Möglichkeit geschaffen,
schwanger zu werden und die Schwangerschaft zu erleben.
Dann kamen Forscher auf die Idee mittels der In Vitro Fertilisation
(IVF) die Chancen zu verbessern, indem man per Punktion eine bzw.
mehrere Eizellen nach vorheriger hormoneller Stimulation der Frau
gewonnen hatte und diese dann in einem Reagenzglas oder in einer Petrischale
mit dem Sperma des Mannes zusammengab; auf diese Weise hatten die
Spermatozoen die Möglichkeit, im Brutschrank die Eizelle(n) zu befruchten.
Nach 48 Stunden wurde(n) die so befruchtete(n) Eizelle(n) - der Embryo
- in dem Uterus transferiert und konnte(n) sich dort weiterentwickeln.
Es stellte sich bei diesem Verfahren heraus, dass bei einem Transfer
von mehreren Embryonen die Chance für eine Einnistung wenigstens eines
Embryos stieg. Daraus entwickelte sich der Drang, möglichst viele
Eizellen per Punktion zu gewinnen, dieselben tiefstfrost zu konservieren,
um sie für spätere Gelegenheiten zur Verfügung zu haben. Diese so
genannten überzähligen Embryonen wurden nun zum Reservoir des Arztes
bzw. der Institution für eine beliebige Verwendung.
Es konnte sich ein Markt entwickeln, indem man diese Embryonen anbot
und mit ihnen handelte. Die Begründung dafür lautete Kinderlosen
zu helfen... Ein Argument, das uns später immer wieder begegnen
wird. Dieser Ausuferung ärztlicher Hilfeleistung setzte der Deutsche
Bundestag mit dem Embryonenschutzgesetz einen Riegel vor, indem er
nur noch den Transfer von drei Embryonen zuließ. Trotzdem kommt es
aber immer wieder vor, dass auf diese Weise (IVF) schwanger gewordene
Frauen nach dem Transfer zu der Erkenntnis kommen, Zwillinge oder
sogar Drillinge seien doch etwas viel und sie wollten auf keinen Fall
mehr als einen Embryo ausreifen lassen. Der Arzt soll nun also die
beiden anderen eingenisteten Embryonen wieder entfernen.
Hierzu erließ die Bundesärztekammer nach entsprechender Beratung in
einem Ausschuss für den Umgang mit menschlichen Embryonen einen Erlass
zur Handhabung des Fetocid. Ich war in der Kommission beteiligt und
habe dort als Einziger gegen diesen Erlass gestimmt, was im Deutschen
Ärzteblatt ausdrücklich mit Namensnennung erwähnt wurde.
ICSI ist ein Verfahren, das ohne gründliche vorherige Experimental-Untersuchung
sofort in die ärztliche Praxis der Reproduktionsmedizin eingeführt
wurde und dementsprechend keine vorhergehende Prüfung erfahren hat.
Man hat hier also alsbald, nachdem diese Möglichkeit der intracytoplasmatischen
Spermatozoeninjektion als erfolgreich festgestellt war, dieses Verfahren
eingeführt mit dem Argument: Das ist eine wirkliche Hilfe bei
Kinderlosigkeit, wenn der Mann keine Spermatozoen im Ejakulat aufweist!
Dieses Verfahren wurde publiziert; umgehend nach Erscheinen der Veröffentlichung
entstanden in der Bundesrepublik Deutschland 30 derartige Einrichtungen,
die ICSI anboten .... ein wahrhaft beachtlicher Erfolg der Marktwirtschaft.
Ich meine das nicht etwa abwertend, vielmehr soll damit zum Ausdruck
gebracht werden, dass in der Gegenwart zunehmend auch der ärztliche
Bereich sich an Fragen des Marktes orientiert. Das muss kein Nachteil
sein... wenigstens solange nicht, wie darunter das ärztliche Handeln
nicht leidet und der Arzt sich nicht zunehmend merkantilen Vorstellungen
zuwendet und seine berufliche Tätigkeit nur noch unter rein kaufmännischen
Aspekten beurteilt und praktiziert.
Die weitere Entwicklung führte dazu, dass man sich bei Azoospermie-Patienten
daran machte, Spermatiden (also Vorstufen!) aus dem Nebenhoden bzw.
aus dem Hoden für dieses Verfahren zu gewinnen. Das dabei angewandte
Verfahren besteht darin, dass man aus jedem Hoden fünf Gewebsproben
aus verschiedenen Stellen entnimmt, so dass man dann 10 (in Worten:
zehn) Proben zur Verfügung hat, von denen zunächst eine histologisch
auf das Vorhandensein von Spermatiden untersucht wird. Die anderen
Proben werden tiefstfrostkonserviert und dienen bei Nachweis von Spermatiden
zur Isolierung dieser Spermatiden für eine intracytoplasmatische Spermatideninjektion
in eine Eizelle. Auf diese Weise lassen sich Schwangerschaften erzeugen,
die mit der Geburt eines Kindes enden können.
Allerdings ergibt eine neuere Aussage, dass die Chancen für eine Befruchtung
mittels ICSI bei Verwendung von frühen Spermatiden aus dem Hoden deutlich
schlechter sind als bisher angenommen (Al-Hasani 1999). Alle diese
Verfahren wurden von Kritikern mit dem Argument begleitet, dass man
damit Risiken eingehen würde, die nicht vorhersehbar seien.
Der Humangenetiker W. Engel aus Göttingen hat in einer prospektiven
Studie dazu ausgeführt, dass bei einer Zugrundelegung eines Zeitraumes
von 300 Jahren das Risiko für eine Fehlentwicklung eines auf diese
Weise entstandenen Embryos oder für eine Chromosomenanomalie nicht
höher liegen würde als derartige Risiken bei einer so genannten Normalschwangerschaft
eintreten würden. Diese Aussage mag richtig sein; es ist jedoch zu
bedenken, dass das Risiko bei dem ICSI-Verfahren quasi auf einer ärztlichen
Handlung beruht, während es bei einer Normalgravidität keine derartige
Belastung besitzt.
Ich gebe gerne zu, dass eine derartige Betrachtungsweise nicht von
jedem geteilt werden kann, weil er/sie eine grundsätzlich andere Einstellung
besitzt und die gesamte Problematik mehr liberal anfasst und die so
genannte assistierte Reproduktion ausschließlich unter dem Gesichtspunkt
der Hilfe für ein kinderloses Paar ansieht und dementsprechend handelt.
Wir hätten es dann mit einer unterschiedlichen Auffassung von Verantwortung
zu tun, die nicht die Folgen des eigenen Handelns im Auge hat. Auch
diese Feststellung gehört zu einer kritischen Anmerkung.
Im Zusammenhang mit kritischen Anmerkungen zur Entwicklung der
Reproduktionsmedizin müssen auch die Fragen angesprochen werden, in
denen es um die Wünsche und Vorstellungen der kinderlosen Paare geht.
Darunter wird immer wieder diskutiert - mal als Aussage, mal als Frage
- Ein Kind um jeden Preis. Zwar liegen mir keine Zahlen
zu diesem Komplex vor. Allerdings kann ich aus eigener Erfahrung im
Hamburger Zentrum für Reproduktionsmedizin sagen, dass diese Gruppe
nicht sehr groß ist, jedoch beeindruckt jeder einzelne Fall.
So ergab sich in vielen Fällen, dass wir das Abschlussgespräch mit
dem Paar unter Beteiligung eines Gynäkologen und eines Andrologen
führten und dabei dem Paar eröffneten, dass aus unserer Sicht eine
weitere Diagnostik und Therapie nicht sinnvoll sei. Unser Vorschlag
war dementsprechend, man solle alle Bemühungen abbrechen und sich
gegebenenfalls der Adoption eines Kindes zuwenden. Die Erfahrung zeigte
nun, dass dieses Paar nicht wieder erschien und wir der Überzeugung
waren, unsere Beratung sei angenommen worden. Aber weit gefehlt: ½
bis 1 Jahr später kam aus einer der anderen Zentren in der Bundesrepublik
die schriftliche Anfrage, man möge doch bitte die bishe-rigen Unterlagen
des Paares X übersenden, da es sich dort eingefunden hätte. Etwa 3
- 4 Jahre nach unserem Abschlussgespräch erschien das Paar dann bei
uns wieder, um nachzufragen, ob es etwas Neues geben würde, man habe
immer noch kein Kind.
In einigen Fällen war der Kinderwunsch so stark, dass sich diese Paare
in unserer Privatwohnung persönlich bzw. per Telefon meldeten, um
auf diese Weise unter Anbietung von Geld und Geschenken doch eine
bessere Behandlung zu erhalten. In einem Falle war es
die Mutter der Frau, welche auf diese Weise mit Blumen winkte. Wir
können aus diesen Einzelbeobachtungen immerhin entnehmen, wie stark
motiviert einzelne kinderlose Paare - unter ihnen geben die Frauen
den Ton an! - sein können und wie sie dem Resultat eigenes Kind
alles unterordnen. Das betrifft z. B. die Partnerschaft, da ein Teil
der Männer nicht bereit ist, jeden Monat um eine bestimmte Zeit zur
Verfügung zu stehen, um Sperma zu liefern für eine Insemination gleich
welchen Charakters. Das führte vor der ICSI-Ära z. T. zu erheblichen
Spannungen unter den Eheleuten.
Nachdem man inzwischen gelernt hat, dass auch unbewegliche und pathologisch
verformte Spermatozoen für ICSI benutzt werden können und man eine
Spermaprobe für diverse ICSI-Versuche tiefstfrost konservieren kann,
entfällt dieses Moment allerdings. Das Verhalten dieser Paare, insbesondere
der dabei betroffenen Frauen, verdient besondere Beachtung, die gerade
in der Beratung zum Ausdruck kommen muss. Hier gilt es vor allem in
der so genannten Nachbeobachtungszeit, wenn diese Paare in der Regel
allein gelassen sind, sie z. B. zu einem erneuten Gesprächstermin
in etwa 4 - 6 Wochen wiederzubestellen. Ich denke, dass hier auch
eine besondere Aufgabe für die Selbsthilfegruppen liegt, in denen
die Paare sich in der Gruppe aussprechen können und die Erfahrung
machen, dass auch andere Paare die gleichen Probleme haben. Es hat
sich gezeigt, dass man durch das Darübersprechen viel abbauen kann.
Für die Anwendung eines der modernen Technologieverfahrens in der
Reproduktionsmedizin sind folgende Voraussetzungen unabdingbar, wie
sich seit dem Beginn ihrer Etablierung immer wieder zeigt:
- 1. Gründliche
körperliche Untersuchung von Mann und Frau. Hierzu gehört auch eine
sorgfältig erhobene Anamnese über bisherige Krankheiten und Lebensumstände.
- 2. Eingehende
humangenetische Beratung einschließlich Chromosomenanalyse und detaillierter
Familienanamnese.
Wenn ich die Beratung
durch einen Humangenetiker bevorzuge, so deshalb, weil dieser in der
Regel bessere Kenntnisse über evtl. vorhandene Erkrankungen in der
Familie besitzt und dementsprechend erfragen und außerdem das Paar
besser und objektiver beraten kann. Auf diese Weise ist es z. B. möglich,
eine evtl. vorhandene cystische Pankreasfibrose in der Familie auszuschließen.
Schließlich besagt eine Studie von Schlösser et al. (1997), dass man
in 3,5 - 18 % aller Männer mit einer Azoospermie bzw. einer schweren
Oligozoospermie mit dem Vorhandensein von einer Mikrodeletion im Y-Chromosom
rechnen muss. Das ist aus zweierlei Gründen von besonderem Interesse:
- 1. Die Mikrodeletion
im Y-Chromosom ist verantwortlich für die Fertilitätsstörung des
Mannes.
- 2. Für ICSI
bedeutet dieser Befund, dass die durch dieses Verfahren gezeugten
männlichen Nachkommen von Männern mit der Deletion im Y-Chromosom
ebenfalls diese Deletion tragen und damit infertil sind.
Literatur
beim Verfasser
Prof. Dr. med. Carl Schirren, Buurnstraat 13, 25938 Midlum/Föhr
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Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt
1/2000
S.
48-50
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