zurück zur Rubrikensuche
zurück zum Inhaltsverzeichnis

Gesundheits- und Sozialpolitik

Benzodiazepine - praktische Tipps
Hans Wille

Alle Benzodiazepine weisen das gleiche Wirkprofil auf. Unterschiede für den klinischen Einsatz ergeben sich aus der Pharmakokinetik der einzelnen Mittel. Bei adäquater Anwendung sind sie sicher und hilfreich.

Wirkeigenschaften
Alle Benzodiazepine haben als erwünschte Hauptwirkung sedativ-hypnotische, anxiolytische, antikonvulsive und zentral muskelrelaxierende Effekte. Auch die Auslösung einer Amnesie kann therapeutisch genutzt werden. Unterschiede in der Ausprägung einzelner Wirkkomponenten sind klinisch nicht relevant.

Kinetik und Wirkdauer
Wesentlich bestimmt die Pharmakokinetik die Anwendungsgebiete der Mittel. Schnelligkeit der oralen Resorption, des Übertritts in und der Wiederfreisetzung aus dem Zentralnervensystem (Verteilung) sowie der Ausscheidung haben Bedeutung. Bei Einzelgaben sind Verteilungsprozesse wichtiger als Eliminationsprozesse. Aktive, oft langwirksame Metaboliten können die Wirkdauer mitbestimmen, besonders bei längerer Anwendung.

Substanz Metabolit Dosis (mg) DM (ab)
Kurze Wirkdauer
(< 4 Std.)
Triazolam
+
0,25
0,85
Zolpidem
-
10
1,75
Mittlere Wirkdauer
(6 - 12 Std.)
Temazepam
-
20
0,60
Lormetazepam
-
1
0,50
Zopiclon
-
7,5
1,25
Lange Wirkdauer
(> 15 Std.)
Diazepam
+
5
0,10
Nitrazepam
+
5
0,20

Anwendungsregeln
Kurze Wirkdauer und Fehlen aktiver Metaboliten schützen vor Kumulation und „hang-over“ und sind bei Einzelgabe oder Kurzanwendung wichtig. Bei längerer Behandlung besteht die Gefahr von „Rebound“ und Abhängigkeit. Auch häufige Applikation und schwankende Wirkspiegel sind ungünstig, wenn befristet konstante Wirksamkeit erwünscht ist. Langsam eliminierte Mittel, auch aktiver Metaboliten, sind dann von Vorteil, bergen aber die Gefahr von Kumulation und Toleranz. Dagegen sind Absetz-Phänomene milder und seltener.

Schlafstörungen
Bei schweren, vorrübergehenden Schlafstörungen reichen oft ein oder zwei Gaben in niedriger Dosis. In Sondersituationen sind Anwendungen über ein bis maximal zwei Wochen akzeptabel, möglichst intermittierend verabreicht. Temazepam und Lormetazepam sind Mittel der Wahl (schneller Wirkeintritt, mittlere Wirkdauer, keine aktiven Metaboliten). Oxazepam ist im Wirkeintritt zu langsam und nur bei Durchschlafstörungen sinnvoll. Bei Jüngeren ist in Einzeldosen auch Diazepam geeignet (schnelle Verteilungsprozesse). Sonst sollte auf langwirksame Substanzen verzichtet werden („hang-over“, psychomotorische und Koordinationsstörungen). Zu kurz wirkende Mittel wie Triazolam (Aufwachreaktionen, Albträume, Angstzustände mit aggressiven Reaktionen) sind zu vermeiden. Alle Benzodiazepine mindern die Schlafqualität. Bei chronischen Schlafstörungen haben sie nur in Ausnahmesituationen und befristet einen Stellenwert.

Angststörungen
Bei schweren, akuten Angstzuständen sind langwirksame Mittel wie Diazepam günstiger. Kürzer wirkende führen leichter zu Rezidiven. Zeitlich ist die Anwendung ähnlich zu beschränken wie bei Schlafstörungen. Bei chronischen Angst-, Panik- und Zwangskrankheiten sind Benzodiazepine wenig effektiv und nur in Akutsituationen oder zur Überbrückung angebracht.

Muskelrelaxation
Die Wirksamkeit bei Muskelspasmen und Spastizität ist begrenzt, ebenso jedoch die Alternativen. Geeignet sind langwirksame Mittel. Vorteile für einzelne Substanzen wie das teure Tetrazepam sind nicht belegt. Der Bewährtheitsgrad ist für Diazepam am höchsten. Sedation, Toleranz und psychomotorische Störungen sind bei längerer Anwendung zu erwarten.

Krampfanfälle
Für akute Anfälle wird häufig Diazepam eingesetzt. Lorazepam wirkt gleich gut, nach Einzelgabe sogar länger und verhindert Rezidive sicherer. In der Akuttherapie hat Clonazepam keinen besonderen Stellenwert. Befristet kann es als Zusatztherapie bei refraktären und speziellen kindlichen Epilepsien hilfreich sein. Vorteile gegenüber anderen Benzodiazepinen sind wenig belegt. Zur Prophylaxe bei Alkoholentzug ist Diazepam Standardmittel.

Alterspatient
Im Alter ist die Dosierung um 50 Prozent zu reduzieren. Substanzen ohne aktive Metaboliten mit mittlerer Wirkdauer wie Temazepam und Lormetazepam sind Mittel der Wahl, kurz- und langwirkende zu vermeiden. Die Elimination aktiver Metaboliten kann mehrfach verzögert sein. Ältere sind besonders durch Verwirrtheit, Ataxie, Gangunsicherheit und Sturzgefahr gefährdet.

Zopiclon und Zolpidem
Beide sind chemisch keine Benzodiazepine, wirken aber über den gleichen Rezeptor, jedoch kaum anxiolytisch oder relaxierend. Sie sind wie Benzodiazepine zu bewerten. Zopiclon entspricht in der Wirkdauer Temazepam. Abhängigkeit und „Rebound“ sind beschrieben. Zolpidem wirkt wie Triazolam nur kurz, entsprechend ist ein ähnliches Störprofil beschrieben. Beide verteuern die Therapie und sind verzichtbar.

Abhängigkeit
Toleranz und Abhängigkeit können bei Anwendungszeiten über zwei bis drei Wochen auftreten. Das Gefährdungspotential scheint bei Flunitrazepam und Lorazepam am höchsten. Entwöhnungen sollen in kleinen Schritten (10 Prozent der Dosis pro Woche) über Monate (bis sechs) erfolgen, gegebenenfalls nach Umstellung auf Diazepam. Abhängigkeit auf niedrigem, konstanten Niveau kann bei Älteren in Einzelfällen toleriert werden.

Dr. med. Hans Wille, Institut für klinische Pharmakologie, ZKH St.-Jürgen-Strasse, Bremen
Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung des Bremer Ärztejournals (11/99).

[1/2000]

Schleswig-Holsteinisches

Ärzteblatt 1/2000

Seite 27 / 28

nach oben